Der Unternehmer Quandt – dämonische Genialität

22. Jan 2012 | von Christoph Rohde | Kategorie: Politisches Buch

Eine von der Familie Quandt in Auftrag gegebene Biographie über den Unternehmer Günther Quandt offenbart das Bild eines opportunistischen Unternehmers, der historische Umbrüche und Zwangsarbeit zur ökonomischen Maximierung nutzte. Moral spielte dabei keine Rolle. Von Christoph Rohde

Eine Dokumentation des NDR-Fernsehens zur Zwangsarbeiterpraxis des Quandt-Konzern war der Anlass für eine von der Familie Quandt beauftragte Biographie Günther Quandts, die von Joachim Scholtyseck  unter dem Titel Der Aufstieg der Quandts: Eine deutsche Unternehmerdynastie veröffentlicht wurde. Dem Professor für Neuere Geschichte der Universität Bonn gelingt es auf 1200 Seiten, die ökonomischen Leistungen der Quandt-Dynastie einerseits und die moralischen Fragwürdigkeiten auf dem Weg zum Erfolg anderseits in einer breiten Perspektive darzustellen. Zusätzlich werden stringente Folgerungen in Bezug auf die Rolle der Industriellen in der Nazizeit insgesamt gezogen. Der Verfasser selber verfügte nach eigener Aussage über unbegrenzten Aktenzugang, musste keine Eingriffsrechte des Auftragsgebers zugestehen und war damit vollständig frei in seiner historischen Bewertung.

Anfänge in der Tuchfabrikation

In akribischer Weise stellt der Verfasser die Gründung und den Aufstieg des Unternehmens Quandt dar. Schnell stellt sich Günther unter den Brüdern als der geschickte Kaufmann heraus, dem es gelang, durch Beteiligung an anderen Unternehmungen Innovationen zu übernehmen und überregionale Märkte zu erschließen. Die Mitglieder der Familie Quandt waren folglich schon lange erfolgreiche Unternehmer, bevor Günther die zahlreichen historischen Umbrüche in seinem Leben skrupellos zur Gewinnsteigerung ausnutzte. Durch diese Kontextualisierung wird die Untersuchung davor bewahrt, als moralische Anklage- oder Entlastungsschrift zu gelten.

Ein steter Weg aufwärts

Die Familie Quandt hat durch ihre Miteigentümerschaft bei BMW Prominenz erlangt.

Scholtyseks Biographie enthält einige zentrale Thesen, die dem monumentalen Werk einen roten Faden geben. Eine dieser Thesen besagt, dass es im Leben Günther Quandts nur eine Richtung gab – vorwärts und aufwärts. Der Unternehmer habe zahlreiche Marktmöglichkeiten und die epochalen Brüche wie die Inflation von 1923, die Weltwirtschaftskrise von 1929 sowie die Währungsreform in der Bundesrepublik von 1948 durch seine schnelle Auffassungsgabe genutzt, um Schulden loszuwerden und Sachbestände zu akkumulieren. Er sei ein „man for all seasons“ gewesen. Sein großes Geschick bei Unternehmensübernahmen machte ihn reich an Einfluss und Vermögen, argumentiert Scholtyseck. Seit 1928 war Quandt auch an Munitionsfabriken beteiligt. Eine weitere These zeigt den rein utilitaristisch denkenden Unternehmer, bei dem der Zweck Gewinn die Mittel heiligte, selbst wenn diese aus Rüstungsproduktion mit Hilfe von Zwangsarbeitern bestünden. Dass er für mehrere Wochen im Gefängnis war, ist nicht als Beweis für dessen Regimeferne zu betrachten, auch wenn Quandt das nach dem Krieg gern so dargestellt hat. Mit dieser Verhaftung sollte einem mächtigen Wirtschaftsführer signalisiert werden, dass jetzt andere das Sagen haben.

Zwangsarbeiterrekrutierung auf Betriebsebene

Die von den Nationalsozialisten gebotenen Anreize zur Gewinnmaximierung von Rüstungsunternehmen waren für Unternehmer im Dritten Reich sehr einträglich, so Scholtyseck. Damit tritt er der Argumentation zahlreicher Unternehmer nach dem Kriege entgegen, die behaupteten, durch die nationalsozialistischen Zwangsauflagen zur Durchführung einer ganz klar vorgeschriebenen Art der Produktion gezwungen worden zu sein. Es gab sehr wohl Spielräume für Unternehmer. Für Günther Quandt war alles verlockend, was Gewinne einbrachte. Der Einsatz der Zwangsarbeiter wurde deshalb rein betriebswirtschaftlich evaluiert. Bringt der Einsatz eines Zwangsarbeiters einen Nettogewinn oder nicht? Es war gar nicht selbstverständlich, dass sprachunkundige, wenig motivierte und körperlich eventuell beeinträchtigte Menschen der Produktivität eines Betriebes dienlich sein könnten. Scholtysek zeigt, dass die Auswahl von Zwangsarbeitern auf der Betriebsebene vorgenommen worden war. Diese Tatsache wollte sich Quandt im Kriegsverbrecherprozess zunutze machen, was jedoch nicht gelang. Zwischen 51.000 und 57.000 Zwangsarbeiter beschäftigten Unternehmen der Quandt-Dynastie zwischen 1943 und 1945, aber es fehlen in der Biographie Daten, in welchen Betrieben und zu welchen Zwecken diese eingesetzt worden waren. Insgesamt aber wird deutlich, dass der Unternehmer Quandt jedes Mittel zu nutzen gedachte, um auch unter den Bedingungen eines Krieges die gewinnbringende Produktion aufrecht zu erhalten.

Gebäude der BMW-Welt in München.

Nach den Banken und Aktiengesellschaften rücken gegenwärtig die Familienunternehmen in den Fokus des öffentlichen Interesses – seien es die Oetkers, Brenninkmeyers, Boehringers oder die Krupp-Dynastie. Die NS-Zeit wird ein wichtiges, zentrales Thema für das Selbstverständnis der Bundesrepublik bleiben. Deshalb sollten die Unternehmen den Weg der historischen Aufarbeitung fortsetzen, sofern in einzelnen Historien noch Defizite bestehen sollten, meint Scholtyseck. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren hatten Verdrängungsorgien von Unternehmen zur inflationären Veröffentlichung von Jubelschriften geführt.

Eine mutige Pionierarbeit

Während eine Fernseh-Dokumentation wie der NDR-Beitrag „Das Schweigen der Quandts“ – der das Verdienst des der Erzeugung moralischen Drucks auf die Familie Quandt zur Aufarbeitung der Vergangenheit zukokmmt – naturgemäß vereinfacht und mit selektiven Experten und einseitigen kapitalismuskritischen Stereotypen arbeitet, erweist sich diese Auftragsbiographie als ausgewogenes Werk, das manchmal seine Längen hat. Insgesamt aber hat Scholtyseck den richtigen Ton getroffen und lässt keinen Zweifel am kaltherzigen Handeln des Günther Quandt, weiß aber auch dessen ökonomische Leistungen unabhängig zu würdigen. Glaubwürdig ist Scholtysecks Urteil auch deshalb, weil er in früheren Arbeiten bereits die Lichtgestalten der deutschen Wirtschaft in den Zeiten der Nazi-Herrschaft erforscht hat – er profilierte sich schon mit einer Robert Bosch-Biographie. Die in der Untersuchung benutzten Zahlen zum Einsatz von Zwangsarbeitern sind etwas ungenau und die Definition von Zwangsarbeit etwas diffus. Ungeachtet dieses Mankos wird das Buch eine Initialzündung für eine weitere Forschung zur Rolle der Familienunternehmer im Dritten Reich auslösen.

Scholtyseck, Joachim: “Der Aufstieg der Quandts – Eine deutsche Unternehmerdynastie”
C.H.Beck, 2. Auflage 2011. 1183 S., geb.
ISBN: 978-3-406-62251-9. 39,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim Verlag (Cover) und beim Autor.


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