Aus Russland schlau werden
Die Ukraine-Politik des Kremls kann nicht immer als transparent bezeichnet werden. Der Spielraum für Interpretationen ist groß. Etwas Licht in die Sache soll das Buch von Elena Kropatcheva bringen. Ein interessanter Versuch, der nicht vollständig gelingt. Von Stefan Bernhardt
Einen Hauch vom Kalten Krieg könnte ein Leser vermuten, wenn er Elena Kropatchevas Buch und Doktorarbeit Russia´s Ukraine Policy against the Background of Russian-Western Competition in den Händen hält: Die Ukraine als Schauplatz des russisch-westlichen Wettstreits um Einfluss in der Welt. Tatsächlich möchte sie die russische Außenpolitik mit ihren Beweggründen erklären. Für jeden verständlich soll das Mysterium „russische Politik“ entzaubert werden vor dem Hintergrund, dass Russlands Handeln von der Konkurrenz mit dem Westen geprägt sei.
Auf der Suche nach dem Neuen
Elena Kropatcheva konzentriert sich dabei auf zwei wichtige Felder in den russisch-ukrainischen Beziehungen, die Sicherheitspolitik und die Wirtschaft. Sie verschafft dem Leser einen guten Überblick über die zentralen Themen in diesen Bereichen wie Energie, Industrie, Militärisch-Industrieller-Komplex, Schwarzmeerflotte und gegenseitige Abhängigkeiten, die über Gaslieferungen hinausgehen. Wissenschaftlich interessant ist vor allem die Kombination aus Realismus und Konstruktivismus als sich ergänzende Erklärungsansätze.
Leider bietet das Werk keinen nennenswerten inhaltlichen oder wissenschaftlichen Mehrwert, obwohl dies von einer Doktorarbeit erwartet werden kann. Für Kenner des Beziehungsgeflechts Russland-Ukraine-Westen liest es sich wie eine Zusammenfassung des Altbekannten. Die Asymmetrie wie auch Charakteristika der Wirtschafts- und Energiebeziehungen wurden bereits vielfach analysiert. Neue Aspekte oder Blickwinkel zur russischen Schwarzmeerflotte und ukrainischer NATO-Politik finden sich bedauerlicherweise ebenfalls nicht.
Sicherheit des Imperiums
Die in der Doktorarbeit verwendeten Theorien bieten ebenfalls keine neuen oder weiterführenden Erklärungsansätze. Die Betrachtung der NATO als sicherheitspolitische Bedrohung seitens Russlands aus der realistischen Perspektive, ist seit langem Allgemeinwissen und lässt sich selbst in Zeitungen wiederfinden. Für diesen Blickwinkel wird nicht zwingend eine Doktorarbeit benötigt. Eine schwache Wirtschaftskraft als Sicherheitsrisiko ist ebenfalls keine neue Erkenntnis. Diese findet sich bereits Explizit im offiziellen Konzept für die nationale Sicherheit Russlands aus dem Jahr 2000, als Konsequenz der wirtschaftlich wie auch gesellschaftlich desaströsen 90er Jahre.
Russischer Präsident Medwedew und Ukraines Staatschef Janukowitsch im April 2010 nach Unterzeichnung des Schwarzmeerabkommens.
In der Anwendung des Konstruktivismus geht Kropatcheva auf bereits bekannte Ansichten ein. Russlands Betrachtung seiner selbst als ein Imperium ist eine weitverbreitete und geteilte Betrachtungsweise im Westen. Leider fehlt eine explizite Herleitung dieser Behauptung, die wissenschaftlich interessant gewesen wäre. Mehr kritisches Hinterfragen hätte diesem Aspekt akademisch spannender gestaltet. Daher fehlt es auch hier an neuen, aussagekräftigen Erklärungen und Überprüfungen.
Wichtige Informationen fehlen
Vieles greift in dem Buch zu kurz. Wünschenswert wäre beispielsweise gewesen, zumindest die Interessen der ukrainischen Politiker beim Für und Wider der Integration in EU sowie NATO zu erwähnen: Konkret die persönlichen finanziellen und machtpolitischen Interessen fernab der normativen, idealisierten Vorstellungen der EU. Auch für das russische Misstrauen gegenüber NATO und USA war scheinbar kein Platz. Dabei hätte zumindest am Rande erwähnt werden müssen, dass der Wandel der NATO von einem Verteidigungsbündnis zu einem Interventionsbündnis für Moskau ein Einschnitt war. Denn die Out-of-Area-Missionen waren vor dem Ende des Kalten Krieges vertraglich nicht möglich. Ein wichtiger Punkt von vielen, um die ablehnende, russische Haltung gegenüber der NATO zu verstehen.
Laut der Autorin haben Interviews mit Eliten aus beiden Ländern bei der Erhebung der Daten eine wichtige Rolle gespielt. Doch wer explizit interviewt wurde, welche Daten genau in der Arbeit dadurch erhoben wurden oder wie die sogenannte Elite definiert ist, sucht man in dem Buch vergebens – weder wissenschaftlich überprüfbar noch für den Leser nachvollziehbar.
Russland verstehen
Wer dieses Buch kauft, sollte bedenken, dass es sich an eine politikwissenschaftliche Zielgruppe richtet. Ohne akademischen Hintergrund ist das Buch kaum zu empfehlen, da es stark theoriegeleitet ist. Der Leser muss sich durch viele Wiederholungen und langatmige Sätze kämpfen.
Da das Buch lediglich bekannte Aspekte anspricht, enthält es keinen wissenschaftlichen Mehrwert. Für Laien könnte es mit Einschränkung einen guten Überblick über das Beziehungsgeflecht Russland-Ukraine-Westen bieten. Wer allerdings die russische Politik wirklich besser verstehen will, sollte sich an die Beiträge von Dimitri Trenin halten, ebenfalls Politikwissenschaftler und Leiter der US-amerikanischen Carnegie Foundation for Peace in Moskau.
Kroptacheva, Elena: „Russia´s Ukraine Policy against the Background of Russian-Western Competition”
Nomos Verlag, Baden-Baden, 1. Aufl. 2010, 304 Seiten
ISBN 978-3-8329-5546-5 , 54,- Euro
Die Bildrechte liegen beim Nomos-Verlag (Buchcover) und beim Präsidenten der Russischen Föderation (Medwedew/Janukowitsch).
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Stimme dir in den meisten Punkten zu, nur würd ich neben Trenin noch Mankoff, J. “Russian Foreighn Policy” empfehlen :)