Wege aus der Kirchenkrise?

17. Aug 2011 | von Christoph Rohde | Kategorie: Politisches Buch

Droht den Kirchen das Ende?

Gesellschaftlicher Wandel und Strukturprobleme gefährden die klassischen christlichen Amtskirchen. Profund stellt Franz-Xaver Kaufmann die Aspekte der Vertrauenskrise der Kirchen dar und erörtert zukünftige Entwicklungs- und Reformmöglichkeiten. Von Christoph Rohde

Nicht nur die sexuellen Missbrauchsfälle, sondern auch die gesellschaftlichen Umbrüche der Postmoderne und der Globalisierung stellen die Überlebensfähigkeit des Christentums als institutionalisierte Religion im Westen in Frage. Durch eine historische Einbettung, gelingt es Franz-Xaver Kaufmann , Soziologieprofessor an der Universität Bielefeld, in seinem Buch Kirchenkrise – Wie überlebt das Christentum?, eine gleichsam diagnostische wie prognostische Standortbestimmung des Christentums vorzunehmen. Seine Analyse verzichtet auf Populismus und legt den Schwerpunkt vorwiegend auf die strukturellen Problemen der katholischen Kirche.

Kirche und Gesellschaft – eine komplexe Beziehung
Die Hauptthese des Buches ist einfach und komplex zugleich: Immer, wenn es dem Christentum gelang, sich gesellschaftlichen Entwicklungen zu öffnen, ohne dem Zeitgeist zu verfallen, ging es diesem gut. In einer historisch-soziologischen Analyse zeigt der Autor, dass die Kirche nach Phasen der Modernisierungssresistenz unter bestimmten Persönlichkeiten immer wieder zu einer Selbsterneuerung zurückfand.

Die Herausforderungen für das Christentum der Gegenwart seien aufgrund der rasanten gesellschaftlichen Veränderungen groß. Die Befunde weisen auf einen allgemeinen Rückgang der Kirchenbindung und christlichen Überzeugungen hin. Die Ursache hierfür liege in einer sich modernisierenden, ausdifferenzierenden Gesellschaft, deren Markt der Möglichkeiten es statischen Akteuren, wie den Kirchen, schwer macht, ihren „Marktanteil“ zu behaupten. Jedoch, das Christentum als Opfer der Moderne zu bezeichnen, ist für Kaufmann ein zu einfaches Argument. Der Abstieg des Christentums sei auch aktiv mitverschuldet worden.

Missbrauch als eine Ursache für den Abstieg

Die Missbrauchsskandale sind insbesondere für die katholische Kirche so fatal, weil diese den Hammer bei der Sexualmoral sehr hoch hängt. Anstatt Modernisierung erfolge so eine verklemmte Praxis, die Menschen in Nöte stürze, meint Kaufmann. Der Zölibat als umstrittene Praxis der katholischen Kirche sei jedoch keine Ursache für sexuellen und emotionalen Missbrauch.

Die Kirchen müssen sich den Wünschen der Menschen öffnen.

Kaufmann stellt die strukturellen Bedingungen dar, die den sexuellen und körperlichen Missbrauch im Umfeld der beiden großen christlichen Amtskirchen ermöglicht haben. Der Missbrauch von Kindern sei allerdings kein speziell kirchliches Problem, sondern finde sich vor allem in innerfamiliären Kontexten. Das besondere Problem, insbesondere der katholischen Kirche liegt, so Kaufmann, im systematischen Verschweigen von Missbrauchsfällen und der Verweigerung einer detaillierten Aufklärung. Der Soziologe kritisiert die Blindheit gegenüber den Nöten der Opfer ebenso wie den Schaden, der durch diese Praxis für die Glaubwürdigkeit der Kirche entstanden sei. Dieses Verhalten sei einem mittelalterlichen Absolutismus geschuldet, der als Herrschaftsprinzip die katholische Kirche immer noch dominiere und so eine Aufklärung von unten verhindere, da es Geistliche kaum wagen könnten, Missstände anzusprechen. In verfehlter Weise versuche man das Bild der „heiligen Braut Kirche“ durch die Mentalität der Verschwiegenheit aufrecht zu erhalten. Die Folgen sind bekannt. Insbesondere die katholische Kirche erleidet einen erheblichen Mitgliederschwund sowie den Rückzug von Mitglieder in eine resignierte Passivität.

Die Herzen der Menschen zurückgewinnen

Das Buch, welches teilweise die Guardini-Vorlesungen des Autors aus dem Jahre 1999 zur Grundlage hat, wurde in sinnvoller Weise mit aktuellen Analysen zur Missbrauchsproblematik verbunden. Für den Leser bietet es eine historisch eingebettete, profunde Analyse der Probleme der Kirchen, aber auch ihrer Möglichkeiten. Kritiker finden eine differenzierte Sicht auf die Welt des gegenwärtigen Christentums. Das Buch ist für Christen ebenso zu empfehlen wie für Soziologen und natürlich den interessierten Leser.

Franz-Xaver Kaufmann: Kirchenkrise – Wie überlebt das Christentum?
Herder Verlag, Freiburg, 2011, 200 Seiten
ISBN 978-3-451-32384-3, 14,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim Herder Verlag (Cover) und Renate Hofmann (Porträt)


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