Von Gipfeln und Tälern

03. Feb 2011 | von Christoph Rohde | Kategorie: Politisches Buch

Heinrich von Pierer hat in der Bundespressekonferenz seine Autobiografie vorgestellt. Sein dabei zur Schau gestelltes Selbstvertrauen verdeckt die Tatsache, dass die Ermittlungen gegen ihn sein Ansehen erheblich beschädigt haben. Ein verletzter Manager rechtfertigt seinen Werdegang. Ein Veranstaltungsbericht von Christoph Rohde

ZEIT-Journalistin Elisabeth Niejahr und Heinrich von Pierer plauderten am 17. Januar 2011 frisch und fröhlich über dessen Autobiographie Gipfel-Stürme, als sei nichts passiert. Einige Anekdoten und Erfahrungen des Autors aus fernen Landen gaben einen ersten Einblick in das Buch. Von Pierers Autobiographie als Rechtfertigungsschrift? Zumindest in Teilen…

Siemens durch Zufall

Mit ein paar Schwänken aus der Jugend beginnt die Darstellung von Pierers. Dass ihm amerikanische GIs im besetzten Erlangen, seinem Heimatort, Bananen schenkten, verdarb dem Jungen deshalb den Wunsch nach Bananen, da er sie mitsamt der Schale aufgegessen hatte. Die Soldaten hatten vergessen ihm mitzuteilen, dass er selbige schälen musste. Und dass er durch eine Verletzung auf seiner Abiturfeier, bei der er betrunken in einem fremden Vorgarten erwischt wurde, seinen späteren Siemens-Mentor Joachim von Oertzen kennen lernte, ermangelt ebenfalls nicht einer gewissen Ironie, wie Elisabeth von Niejahr süffisant bemerkte. Dieser hatte von Pierer eingeladen, sich nach seinem Studium bei ihm zu melden, was von Pierer nach einigem Zögern dann auch tat – mit den bekannten Folgen für seine Karriere als Siemensianer.

Geschichte des Konzerns

Interessant ist die Autobiografie gerade da, wo es nicht um das aktuelle Geschehen geht oder von Pierer seine Rolle besonders herausstellt. Einige solche Passagen sind in dem Werk zu finden. Sinnvoll ist die kurze Unternehmensgeschichte, in der von Pierer zeigt, auf welch originelle Weise der Vater des Konzerns, Werner von Siemens, durch ständige Innovationen einen Weltkonzern aus dem Boden stampfte. Natürlich beansprucht der Autor, diese Tradition fortgeführt zu haben. Zumindest auf dem Sektor der Kraftwerkstechnik, und hier auf dem Feld der Gasturbinen, hat der einstige Chef der Siemens-Untersektion Kraftwerksunion (KWU) technologische Innovationen vorangetrieben.

Ansonsten zeichnete sich seine Zeit als Vorstandsvorsitzender dadurch aus, dass von Pierer getrieben vom zunehmenden Globalisierungsdruck zu organisatorischen Anpassungsmaßnahmen gezwungen war. Für von Pierer spricht, dass er in den Zeiten der New Economy darauf verzichtete, das breite Portfolio des von Investoren spöttisch „Gemischtwarenladen“ genannten Konzerns zugunsten einiger Modetechnologien zu reduzieren. Dadurch erwies sich Siemens nach der Dotcom-Blase als krisenresistent.

Die Entwicklung im Halbleiterbereich

Heinrich von Pierer und Elisabeth Niejahr

Das alte Telekommunikationsunternehmen Siemens ist kein solches mehr. Denn es war für den großen Konzern unmöglich, auf dem Sektor der Halbleiter-Grundlagenforschung vorne mitzuspielen, so von Pierer. Trotz zahlreicher Versuche konnte beispielsweise die Handysparte nicht gewinnträchtig gestaltet werden. Die Siemens-Entwickler hatten lange nicht an die Technik des „Voice over IP“, der internetfähigen Sprachübertragung geglaubt und Siemens war deshalb mit seiner konventionellen Telefontechnologie hoffnungslos in einen technologischen Rückstand geraten. Die Handy-Sparte war ein Fremdkörper und wurde an die taiwanesische Firma BenQ verkauft, die auch keine Marktfähigkeit erlangen konnte.

Den Halbleiterbereich gliederte Siemens aus – auf publikumswirksame Weise entstand der Halbleiterkonzern Infineon, dessen Aktien bei Ausgabe zunächst heiß begehrt waren. Selbstbeweihräucherungen finden sich dann, wenn es darum geht, welche Rolle von Pierer auf politischer Ebene gespielt zu haben glaubt. Seine Rede vor den Vereinten Nationen zum Thema Entwicklungspolitik durch „global player“ im Jahre 2004 stellt für ihn ebenso einen persönlichen Höhepunkt dar wie die Tatsache, dass der unlängst verstorbene Diplomat Richard Holbrooke ihn erst wegen des Iran-Geschäfts verdächtigt und später dann „mein Freund Heinrich“ genannt habe. Und dass er einst als Kandidat für den Wirtschaftministerposten unter Angela Merkel gehandelt wurde, das hat seinem Selbstbewusstsein ebenfalls nicht geschadet.

Jagdsaison

Es ist durchaus einsichtig, dass von Pierer die Ereignisse um die Siemens-Korruptionsaffäre teilweise als große Verschwörung der Presse, vor allem der Süddeutschen Zeitung um den investigativen Starjournalisten Hans Leyendecker, gegen seine Person sieht. Indem er an einen journalistischen Berufsethos appelliert, weil er selber einst als freier Journalist bei den Erlanger Nachrichten gearbeitet hat, versucht er zu zeigen, dass die SZ ihn mit Hilfe dubioser Informanten, aus dem Kontext gerissener Aussagen und sensationalistischen Aufmachern in ein falsches Licht gerückt habe. Von Pierer behauptet, dass er bereits zu seiner Amtszeit klare Verhaltensregeln gegen die Korruption eingeführt habe. Es hätte dem Ex-Siemens-Chef jedoch nicht geschadet, wenn er konkrete Fehler in Bezug auf unternehmensethische Belange eingeräumt hätte.

Aufstieg und Fall eines Managementgiganten.

Indirekt tat es das durch seinen Rückzug vom Amt des Siemens-Aufsichtsratschefs im Jahr 2007. Ohne klare eigene Bekenntnisse verbleibt beim Leser der Eindruck eines verzweifelten Rückzugsgefechts eines Mannes, dessen Werdegang trotz dieses Makels beeindruckend bleibt. Denn industriepolitisch hatte von Pierer durch Restrukturierungsmaßnahmen großen Anteil daran, dass Siemens auch im 21. Jahrhundert zu den Marktführern in zahlreichen Feldern wie der Kraftwerks- und der Medizintechnik gehört. Die Ereignisse seit der Aufdeckung der Korruptionsvorgänge bei Siemens empfindet er jedoch menschlich verständlich als „Jagdsaison“ – so der Titel des vorletzten Kapitels.

Autobiografie als Ehrenrettung

Es ist keine Überraschung, dass das Buch keine neuen Enthüllungen und Systemkritik liefert. Schließlich muss von Pierer, wie er gegenüber den kritischen Redakteuren von Stern und SZ auf der Pressekonferenz bekannte, in einem laufenden Verfahren seine Aussagen behutsam tätigen. Aber kein Wort der Selbstkritik  oder ein Geständnis, dass beispielsweise der zunehmende Wettbewerbsdruck ihn zu unvorsichtigem oder intransparentem Handeln verleitet hätte. Das ist schade, denn in Bezug auf strategische Entscheidungen gesteht der ehemalige Siemens-Chef durchaus Fehlbarkeiten zu. Wo aber die 1,3 Milliarden Euro geblieben sind, die zwischen 1999 und 2006 in dunkle Kanäle gewandert sind, diese Frage wird nicht einmal im Ansatz vom Autor aufgegriffen. Stattdessen stellt die Biographie eine interessante Mischung aus Konzerngeschichte, Manageralltag und als solche empfundener Sternstunden von Pierers dar. Das leicht verständliche Buch ist als solches einem breiten Lesepublikum zu empfehlen.

Heinrich von Pierer: „Gipfel-Stürme. Die Autobiographie“
Ullstein Buchverlage, Berlin, 2011, 432 Seiten
ISBN 9783430200271, 24,99 Euro


Die Bildrechte liegen beim Ullstein Verlag (Buchcover) und beim Autor.


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