Verschwörungen bewegen die Welt

03. Jan 2011 | von Christoph Rohde | Kategorie: Politisches Buch

Menschen haben das Bedürfnis, komplexe politische Vorgänge einfach zu erklären. Welche Verschwörungstheorien dabei besonders populär wurden, das stellt Wolfgang Wippermann prägnant dar. Von Christoph Rohde

Top Secret lautet der Titel der Monographie des Berliner Historikers Wolfgang Wippermann, der in seinem Buch eine Darstellung der zentralen Verschwörungstheorien liefert, die das Denken großer gesellschaftlicher Schichten weiterhin bestimmen. In Zeiten sich weltweit verschärfender politischer Fronten kommt ein Buch gerade recht, das die Mechanismen einer bequemen Komplexitätsreduktion inhaltlich sorgfältig darstellt.

Die Fähigkeit des Menschen zu denken bedingt seinen Hang, an vereinfachende Weltbilder zu glauben. Wippermann geht davon aus, dass diese Reduktion einer komplexen sozialen Wirklichkeit transkulturell vorzufinden ist und eine anthropologische Konstante darstellt. Derart konstruierte Weltbilder werden zu Ideologien, die handlungsleitend und Orientierung stiftend wirken. Feindbilder helfen, die Verantwortung für Defizite der eigenen Gesellschaft auf Dritte abwälzen zu können. Ein konstruktiver Glaube kann so schnell zu einem destruktiven Aberglauben werden. Wippermann hält Verschwörungsglauben für „mentale Gefängnisse“.

Der Teufelsglaube und die Auschwitzlüge

Die klassischen monotheistischen Religionen haben jeweils zur Vorstellung der Existenz eines Teufels geführt, der das Schlechte in die Welt bringt. Das Resultat dieser Idee ist ein dualistisches Weltverständnis, ein Widerstreit des Guten gegen das Böse. Explizit wird der Teufel als Versucher der Menschen im Buch Hiob im Alten Testament eingeführt. Jesus Christus konkretisiert die Figur des Teufels, der ihn verführen möchte, von den Zinnen eines Tempels zu springen. Und er nennt die Kaste der Pharisäer „Kinder des Teufels“. Wie der Autor zeigt, wurde diese Anklage gegen eine despotische Herrscherkaste zur Grundlage der Konstruktion eines christlich motivierten Antisemitismus, der über Jahrhunderte Pogrome und Diskriminierungen schlimmster Art zu Folge hatte.

Der Teufel musste zur Begründung von Hexenverfolgungen ebenso herhalten wie für die grausame Vernichtung von Juden im Mittelalter, die durch eine gezielte Verschwörung für den Ausbruch der Pest verantwortlich gemacht wurden. Der Antisemitismus, so zeigt Wippermann, wurde dann durch die fiktiven Protokolle der „Weisen von Zion“ wirkungsvoll in ein allgemeines Verschwörungsdokument integriert. Hier geht es um die Juden als Strippenzieher, die mittels der Herrschaft des Geldes die Welt beherrschen. Die Nationalsozialisten nutzten dieses Feindbild, um den einfachen Menschen zu erklären, wer ihnen in der Inflation das Geld gestohlen hat.

Der Verfasser zeigt, dass es eine merkwürdige Synthese von Verschwörern gibt, wenn es um die Auschwitzlüge geht. Der erste Holocaustleugner war der Franzose Paul Rassinier, der sich vom Kommunismus abwandte. In den USA sehen „historische Revisionisten“ im Holocaust eine gezielte Strategie der Juden, um aus den Tätern Geld herauszupressen. Der Fall des britischen Bischofs Wiliamson von der Piusbruderschaft  findet sich in dem Buch nicht. Pikanterweise finden sich mit muslimischen Holocaustleugnern exotische Alliierte in der Vertretung dieser Verschwörungstheorie – Irans Präsident Ahmadinedschad mag als prominentestes Beispiel genügen.

Weitere Verschwörungskonzepte

Wolfgang Wippermann

Der Kalte Krieg war ebenfalls nicht nur eine rationale Auseinandersetzung zwischen zwei alternativen gesellschaftlichen Systemen, sondern wurde verschwörungstheoretisch aufgeladen. Man erinnere sich an die amerikanische Hysterie um Senator McCarthy, der in jedem Mitbürger einen Kommunisten ausmachte. Aber auch die Amerikaner selbst wurden Opfer einfacher Feindbilder. Wippermann klärt die Leser darüber auf, dass in der DDR der Kartoffelkäfer, der Missernten verursacht hatte, als von den USA eingeschleuster „Ami-Käfer“ gedacht wurde. Immer wieder sind es einfache Feindbilder, die die Bevölkerung gegen bestimmte Gruppen mobilisieren sollen.

Die Verschwörung des 21. Jahrhunderts wird durch die, die Fantasie enorm stimulierenden, Bilder des 11. September 2001 ausgelöst. Nicht ein simpler Terroranschlag habe die Twin Towers zum Einsturz gebracht, sondern eine von den Amerikanern angezettelte globale Verschwörung zur Stabilisierung ihrer Weltherrschaft. Wippermann sieht im Internet das ideale Medium zur Verbreitung von Gerüchten und ungesicherten Theorien, da hier viele Rezipienten mit ungesicherten Daten versorgt werden könnten. Täglich kann man sich im Netz gestreute „Ideen“ anschauen, die der Fantasie von Menschen meist ohne Hintergrundwissen entsprangen und verbreitet werden.

Sinnvolle Gegenüberstellung von gängigen Theorien

Der in diesem Buch vorgenommene Vergleich gängiger, universell wirksamer Verschwörungstheorien aus historischer Perspektive ist gut verständlich strukturiert. Allerdings ist ein Mangel zu beklagen: Es fehlen analytische Instrumente, um historische Wahrheiten und Mythen auseinander halten zu können. Wann sind Bedenken in Bezug auf kulturelle oder religiöse Entwicklungen und Ideen gerechtfertigt und in welchen Stadium werden sie zu Verschwörungstheorien? Gerade nach dem Fall Sarazzin hätte hier ein wenig Aufhellung gedient. Dennoch ist das Buch uneingeschränkt einer breiten Leserschaft zu empfehlen, da es gut verständlich ist und zeigt, warum und auf welche Weise sich Menschen von einfachen Wahrheiten beeindrucken lassen.

Wippermann, Wolfgang: „Top Secret – Die großen Verschwörungstheorien und was dahinter steckt.“
Verlag Herder, Freiburg, 2010, 210 Seiten
ISBN 978-3-451-06228-5, 9,95 Euro.


Die Bildrechte liegen beim Herder Verlag.


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Ein Kommentar
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  1. “Täglich kann man sich im Netz gestreute „Ideen“ anschauen, die der Fantasie von Menschen meist ohne Hintergrundwissen entsprangen und verbreitet werden.”
    Da der 11. September im Text angesprochen wurde:

    Hier meine Lieblingsverschwörungstheoretiker:
    So zum Beispiel die 1414 Architekten und Ingenieure for 9/11 Truth, die eine Neuunterschung der Einstürze der drei WTC Gebäude fordern.
    http://ae911truth.org/
    Oder die 600+ Wissenschaftler der Scholars for 9/11 Truth & Justice.
    http://www.stj911.org/
    Oder die beteiligten Wissenschaftler an einer Studie, die Sprengstoffreste im WTC-Staub nachgewiesen haben:
    http://www.journalof911studies.com/volume/2009/RedGrayChipsGerman.pdf

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