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Republikaner in den Startlöchern

Posted By Tobias Hauser On 12. Juli 2011 @ 11:17 In US-Präsidentschaftswahlen 2012 | No Comments

Michele Bachmann während einer Rede vor konservativen Aktivisten

Anfang Februar 2012 finden die ersten Vorwahlen für die republikanischen Bewerber um die US-Präsidentschaft statt. Doch spätestens mit der Kandidatur der erzkonservativen Abgeordneten und Tea-Party-Aktivistin Michele Bachmann ist die innerparteiliche Vorentscheidung zum Top-Thema der US-Politik geworden. Von Tobias Hauser

Am 13. Juni 2011 hat der Wahlkampf um den republikanischen Kandidaten für das Präsidentschaftsamt begonnen. In einer bundesweit übertragenen Fernsehdebatte erklärte die Kongressabgeordnete Michele Bachmann [1], dass sie an den parteiinternen Vorwahlen teilnehmen wird. Kurz davor hatte sie laut eigenen Angaben noch mit ihrem Ehemann und mit Gott über eine Kandidatur beratschlagt [2].

Favoritin der Tea Party

Bachmann hat das Bewerberfeld erweitert – und möglicherweise komplettiert -, das bisher sowohl bei Medien als auch Wählern keine große Begeisterung hervorrufen konnte. Noch im Mai wählten die Teilnehmer einer Gallup-Umfrage [3] die Option “keiner der genannten” öfter aus als irgendeinen der Kandidaten.

Im politischen Spektrum ist Bachmann weit rechts einzuordnen. Die Mutter von fünf leiblichen und 23 Pflegekindern ist eine strikte Abtreibungsgegnerin. Sie fordert, dass Kreationismus [4] neben der Evolution als gleichwertige Theorie in der Schule gelehrt wird. Homosexualität bezeichnet sie zudem als sexuelle Dysfunktion.

Während alle Kandidaten Steuer- und Ausgabensenkungen fordern, geht sie noch weiter: Sie will, dass das Schuldenlimit der USA nicht mehr wie bisher erhöht wird, sondern fordert die Einfrierung der jetzigen Obergrenze. Die Folgen für die US- und Weltwirtschaft wären weitreichend. Die US-Regierung könnte ein Drittel ihrer Ausgaben [5] nicht begleichen. Das Konsumverhalten von Ärzten, Rentnern, Lehrern, Beamten oder anderen Gruppen, die in so einem Fall zwangsweise weniger Geld erhalten, würde drastisch einbrechen.

Konservative Abgeordnete gegen moderaten Gouverneur

Mitt Romney hat bereits vor vier Jahren eine Präsidentschaftskandidatur angestrebt

Den meisten Amerikanern wurde Bachmann Anfang des Jahres bekannt, als sie in einer aufgezeichneten Antwort auf Präsident Obamas Rede zur Lage der Nation [6] sieben Minuten lang an der Kamera vorbei redete [7]. Aber in den nur zwei Wochen seit der Fernsehdebatte hat sie sich von einer Außenseiterin zu einem der Favoriten entwickelt. Sie zog in einigen Umfragen mit Mitt Romney [8], dem bisherigen Spitzenreiter, gleich.

Romney war vier Jahre Gouverneur von Massachusetts. Während dieser Zeit setzte er einige Gesetze um, die ihn im Vergleich zu seinen Mitbewerbern zu einem moderaten Kandidaten machen. Vor allem seine Reform des Gesundheitswesens, die als Blaupause für das von Republikanern verhasste bundesweite Gesundheitsgesetz Obamas galt, wird innerparteilich scharf kritisiert.

Doch Romney geht nach einem erfolglosen Abschneiden bei den Vorwahlen 2008 als einer der erfahrensten Wahlkämpfer ins Rennen. Die Statistik zeigt außerdem, dass die republikanische Partei Politiker bevorzugt, die sich schon einmal um das Präsidentenamt beworben haben. Mit Ausnahme von George Bush Junior wurde seit 1952 kein Kandidat nominiert, der nicht entweder als Vizepräsident gedient oder schon mal an den Vorwahlen teilgenommen hatte.

Bachmann hat dagegen den Vorteil, dass sie als Favoritin der Tea Party [9] gilt. Deren konservative Anhänger sind in Iowa, wo die ersten Vorwahlen stattfinden, einflussreich. Noch wichtiger sind Bachmanns finanzielle Ressourcen. Sie gilt als die erfolgreichste Spendeneintreiberin im Repräsentantenhaus. Außerdem stammt sie aus dem Städtchen Waterloo in Iowa und sitzt für den Nachbarstaat Minnesota im Kongress. Konsequenterweise konnte sie sich dort in den zwei Wochen seit der Ankündigung ihrer Kandidatur in Umfragen auch an die Spitze des Bewerberfelds [10], statistisch gleichauf mit Romney, setzen.

Sieg bei den ersten beiden Vorwahlen entscheidend

Ein republikanischer Caucus in Iowa im Jahr 2008

Die ersten Vorwahlen finden im Februar 2012 in den Bundesstaaten Iowa, New Hampshire, Nevada und South Carolina statt. Während Romney in Iowa kaum Chancen und so gut wie keine Kampagneninfrastruktur hat, könnte er im weniger konservativen New Hampshire gewinnen. In Nevada, dem Bundesstaat mit dem viertgrößten Mormonenanteil in den USA, hat der Mormone Romney ebenfalls gute Aussichten auf einen Sieg.

Ein Sieg in den Frühwähler-Staaten ist von enormer Bedeutung für den Nominierungsprozess. Die mediale Aufmerksamkeit garantiert den Gewinnern eine Spitzenposition im Bewerberfeld der darauffolgenden Vorwahlen. Seit der ersten bedeutenden Vorwahl in Iowa 1972, den so genannten Caucuses [11], hat kein Kandidat den Vorwahlprozess ohne einen Sieg in Iowa oder New Hampshire gewonnen.

Mainstream mit besseren Chancen gegen Obama

Kaum Chancen können sich die anderen prominenten Kandidaten ausrechnen. Der ehemalige Sprecher des Repräsentantenhauses, Newt Gingrich [12], denkt seit Mitte der 90er regelmäßig über eine Kandidatur nach. Aktuelle Umfragen platzieren ihn sogar hinter Herman Cain [13], der noch nie ein politisches Amt innehatte. Der ehemalige Gouverneur von Minnesota Tim Pawlenty [14] findet trotz aggressiven Wahlkampfs, den er bereits vor über einem Jahr begann, kaum Zustimmung. Als Unsicherheitsfaktoren gelten Sarah Palin [15] und der Gouverneur von Texas, Rick Perry [16], die eine Kandidatur noch nicht ausgeschlossen haben und regelmäßig gute Umfragewerte erreichen.

Aber vorerst hat Bachmann den Rest des Bewerberfelds in den Schatten gestellt und damit bis auf  Weiteres den Nominierungsprozess zu einem Zweikampf gemacht. Und das ist Mitt Romney’s größter Vorteil. Vor die Wahl gestellt zwischen dem moderateren Romney und der radikalen Bachmann, werden viele Wähler, wie auch die republikanische Parteiführung, wohl Romney den Rücken stärken. Denn er ist derzeit der einzige Kandidat, der Obama in Umfragen das Wasser reichen kann.

Mit der Bekanntgabe der Kandidatur von Michele Bachmann wurde der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf für das Jahr 2012 offiziell eingeläutet. /e-politik.de/ wird den Wahlkampf über den Zeitraum des nächsten Jahres eng verfolgen und darüber berichten. Weitere Artikel zum amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2012 finden Sie hier [17]


Die Bildrechte liegen bei Gage Skidmore [18] (Bachmann [19]) / Creative Commons Lizenz [20], Brian Rawson-Ketchum [21] (Romney [22]) / Creative Commons Lizenz [23] und bei freddthompson [24] (Caucus [25]) / Creative Commons Lizenz [20].


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Einmaleins der Meinungsmache [26]

Den Colt im Nachttisch [27]

A New Beginning? [28]


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[1] Michele Bachmann: http://www.michelebachmann.com/

[2] beratschlagt: http://www.washingtonpost.com/blogs/under-god/post/michele-bachmann-a-sense-god-calling-me-to-presidency/2011/06/27/AG3FvmnH_blog.html

[3] Gallup-Umfrage: http://www.gallup.com/poll/147806/Romney-Palin-Lead-Reduced-GOP-Field-2012.aspx

[4] Kreationismus: http://de.wikipedia.org/wiki/Kreationismus

[5] ein Drittel ihrer Ausgaben: http://www.nytimes.com/2011/05/16/opinion/16krugman.html

[6] Rede zur Lage der Nation: http://www.whitehouse.gov/state-of-the-union-2011

[7] an der Kamera vorbei redete: http://www.youtube.com/watch?v=1fRxO_Yx99I

[8] Mitt Romney: http://www.mittromney.com/

[9] Tea Party: http://www.zeit.de/2010/41/USA-Tea-Party

[10] Bewerberfelds: http://caucuses.desmoinesregister.com/2011/06/26/iowa-poll-romney-bachmann-lead-republican-pack/

[11] Caucuses: http://www.youtube.com/watch?v=mCylh5kHsB4&feature=related

[12] Newt Gingrich: http://www.newt.org/

[13] Herman Cain: http://www.hermancain.com/

[14] Tim Pawlenty: http://www.timpawlenty.com/

[15] Sarah Palin: http://www.whorunsgov.com/Profiles/Sarah_Palin

[16] Rick Perry: http://www.whorunsgov.com/Profiles/Rick_Perry

[17] hier: http://www.e-politik.de/lesen/artikel/2011/us-prasidentschaftswahlen-2012-das-dossier/

[18] Gage Skidmore: http://www.flickr.com/photos/gageskidmore/

[19] Bachmann: http://www.flickr.com/photos/gageskidmore/5435509824/

[20] Creative Commons Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de

[21] Brian Rawson-Ketchum: http://flickr.com/photos/66649422@N00

[22] Romney: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:January_2008_Mitt_Romney_Campaign_Rally.jpg

[23] Creative Commons Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en

[24] freddthompson: http://www.flickr.com/photos/9313013@N04/

[25] Caucus: http://www.flickr.com/photos/9313013@N04/2149445902/

[26] Einmaleins der Meinungsmache : http://www.e-politik.de/lesen../artikel/2011/das-einmaleins-der-meinungsmache/

[27] Den Colt im Nachttisch : http://www.e-politik.de/lesen../artikel/2010/den-colt-im-nachttisch/

[28] A New Beginning? : http://www.e-politik.de/lesen../artikel/2009/a-new-beginning/

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