Nockherberg Backstage

23. Mrz 2011 | von Steven Carthy | Kategorie: Politisches Buch

Stoiber-Double und Fastenprediger Michael Lerchenberg plaudert mit Witz aus dem Nähkästchen der Starkbierprobe auf dem Münchner Nockherberg. Er schreckt aber auch vor einer scharfen Abrechnung mit seinen Kritikern nicht zurück. Von Steven Carthy

Der Schauspieler, Kabarettist und Intendant Michael Lerchenberg ist beim Derblecken auf dem Münchener Nockherberg wahrlich kein Unbekannter. Seit 1984 doubelte Lerchenberg den langjährigen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) und hielt von 2008 bis 2010 die Salvator-Eröffnungsrede als Bruder Barnabas. Wer also könnte einen besseren Blick hinter die Kulissen des Nockherbergs geben als er?

In Donner und Blitz auf dem Nockherberg. Eine Starkbier-Biographie erzählt Michael Lerchenberg zusammen mit dem Süddeutsche-Zeitung-Redakteur Wolfgang Görl allerhand Bekanntes über die Highlights des Starkbieranstichs, führt den Leser aber auch hinter die Bühne des Spektakels. Seine Erinnerungen verpackt Lerchenberg in Anekdoten rund um die Momente, die der Öffentlichkeit naturgemäß unbekannt bleiben.

Sehr zur Freude für Nockherberg-Fans zitiert Lerchenberg auch längere Stellen aus seinen Predigten und gibt Einblick in Rohfassungen und nicht veröffentlichte Stellen, um den langen Weg bis zur fertigen Fastenpredigt nachzuzeichnen.

„Satire darf alles“

Bereits im Klappentext des Buches wird Kurt Tucholsky mit „Satire darf alles“ zitiert; und dieses Zitat läutet dann auch Lerchenbergs Kritik an der Kritik seiner Barnabas-Rede im Jahr 2010 ein, die einen zentralen Punkt des Buches einnimmt. Denn die Rede des Bruder Barnabas sorgte einen Tag nach der Starkbier-Probe auf dem Nockherberg 2010 für einen Eklat.

Ein umstrittener KZ-Vergleich erntete seitens der Politik, insbesondere Seitens der Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, und des FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle scharfe Kritik. Sogar der bayerische Innenminister Joachim Hermann (CSU) rief extra aus Peking bei Lerchenberg an. Ihm gefiel die Stelle über die Polizei nicht, in der ihr vorgeworfen wurde, sie sei im Fall Dominik Brunner zu langsam und später als die Feuerwehr am Tatort gewesen. Die Folge der Staatsaffäre war Lerchenbergs Rücktritt als Fastenprediger.

Abrechnung mit den Kritikern

Dreimal hielt Michael Lerchenberg als Bruder Barnabas die Eröffnungsrede auf dem Nockherberg. Im vergangenen Jahr trat er zurück.

Stellenweise übt Lerchenberg sehr offensichtlich scharfe, zuweilen plakative Kritik an dem Skandal und seinen Folgen nach dem KZ-Vergleich, was dem Leser bei Zeiten das Gefühl gibt, eine Abrechnung mit dem Nockherberg an sich in Händen zu halten. Dass sich Lerchenberg rechtfertigen will, ist verständlich gerade im Hinblick auf die hohe Zustimmung, die die Rede in der Bevölkerung genoss. Vielmehr aber auch der Umstand, dass viele Politiker noch während der Fernsehübertragung die Rede lobten, sie am nächsten Tag aber unermüdlich schlecht machten, macht Lerchenbergs Ärger umso verständlicher.

Was zusätzlich für Lerchenbergs Haltung spricht, ist, dass sich die Kritik in der politischen Öffentlichkeit allein auf die Person Lerchenbergs konzentrierte. Die Fastenpredigt aber wurde von der fiktiven Figur des Bruder Barnabas gehalten, von Lerchenberg und dessen Co-Autor Christian Springer geschrieben und von den Veranstaltern und dem Bayerischen Rundfunk abgesegnet. Unter diesen Umständen Lerchenberg alleine zur Zielscheibe zu machen, ist daher im Kern falsch.

Zensur auf dem Nockherberg?

Das Buch ist für alle, die dem Nockherberg als politisches Event etwas abgewinnen können, ein Muss. Wer schon immer wissen wollte, warum Christian Springer alias „Fonsi Wachtlhuber“, der Co-Autor der Fastenpredigt, Hausverbot am Nockherberg hat, Edmund Stoiber sich bei offiziellen Anlässen von Lerchenberg doubeln lässt, oder wie es eine gestrichene Textpassage doch auf die Bühne schafft, muss Donner und Blitz auf dem Nockherberg unbedingt lesen.

Abrechnung hin oder her: Nockherberg und Zensur passen naturgemäß nicht zusammen. Darum sollten auch alle die Möglichkeit haben zu erfahren, was hinter den Kulissen der Starkbierprobe alles geschieht. Denn Satire, die der Kern des Derbleckens am Nockherberg freilich ist, sollte eigentlich alles dürfen.

Michael Lerchenberg, Wolfgang Görl: „Donner und Blitz auf dem Nockherberg. Eine Starkbier Biographie“
Verlag Langen/Müller, München, 2011, 302 Seiten
ISBN
978-3784432328, 19,95 Euro


Weiterführende Links:

Fastenpredigt 2010

Fastenpredigt 2009

Fastenpredigt 2008


Die Bildrechte liegen beim Verlag Langen/Müller (Cover) und Last Hero (Barnabas, Creative-Commons-Lizenz).


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