Der erzwungene Tod des Märchenkönigs

30. Sep 2011 | von Christoph Rohde | Kategorie: Politisches Buch
Der Märchenkönig

Der Mythos um die Person des Märchenkönigs Ludwigs II. wird bewusst am Leben gehalten, weil er verkaufsfördernd ist. In einer psychiatrischen Analyse bringt Heinz Häfner Licht ins Dunkel seines Lebens und Sterbens. Von Christoph Rohde

Ein König wird beseitigt – der Titel des neu aufgelegten Buches von Heinz Häfner scheint bereits jede Überraschung für den Leser auszuschließen. Doch der Blick eines Psychiaters auf das Gutachten zur Entmündigung Ludwigs II. ist brisant, spannend und hilft zur Demystifizierung der Geschichte des sagenumwobenen bayerischen Monarchen. Basierend auf zahlreichen neu zugänglichen Quellen und der Rechtsberatung von Professor Paul Kirchhof zeigt Häfner, emeritierter Psychiatrieprofessor der Uni Heidelberg deutlich auf, dass es sich bei der Absetzung Ludwigs II. um einen plumpen Staatsstreich gehandelt hat und nicht um eine medizinisch begründbare Entmündigung.

Dimensionen von Ludwigs Persönlichkeit

Die Persönlichkeit Ludwigs II. wird von Häfner an Hand von vier Entwicklungslinien dargestellt, die einen roten Faden durch das Werk bilden. Der junge Mann fiel früh durch (1) eine hohe Phantasiebegabung und eine Neigung zu „idealistisch-theatralischen Fiktionen“ auf. Durch einen Mangel an väterlicher Nähe und ebenbürtigen Freunden habe sich diese Eigenschaft ungezügelt entfalten können. Bereits in seiner Kindheit habe sich der künftige Monarch durch (2) eine narzisstische Selbstherrlichkeit und ein Dominanzstreben ausgezeichnet. So habe er seinen schwächeren Bruder Otto häufig als „Vasallen“ malträtiert. Auf der anderen Seite sei Ludwig zunächst (3) schüchtern gewesen und habe im strukturell-dynastischen Kontext dann eine regelrechte Soziophobie entwickelt. Der vierte Entwicklungszug, der sein Leben bestimmte und auch bei seiner Entmachtung eine wesentliche Rolle spielte, war Ludwigs homoerotische Passion.

Die zu frühe Thronbesteigung

Auf die Thronbesteigung war der junge Ludwig nicht vorbereitet, wie Häfner verdeutlicht. Der junge König agierte in seiner Präferenz für das Unpolitische und Ästhetische gegen den Zeitgeist, indem er den deutschen Einigungskriegen und Bismarcks Preußen innerlich feindselig gegenüber stand. Nachdem Bayern aber den Krieg auf der Seite Österreichs verloren hatte, musste Ludwig der deutschen Einheit gegen sein geliebtes Frankreich zustimmen. Immer mehr zog sich der König deshalb aus der politischen Welt zurück. Aber: Obwohl er sich früh um seine künstlerischen Ideen kümmerte und die Beziehung zum Komponisten Richard Wagner aufbaute, vernachlässigte er bis zu seiner Entmündigung seine monarchischen Pflichten nicht. Häfner weist nach, dass der König noch kurz vor seiner Festnahme auf Schloss Hohenschwangau am 11. Juni 1886, zwei Tage vor seinem (Frei-)Tod, zahlreiche Dekrete unterschrieben hat. Dass der König dann durch eine gezielte Verschwörung abgesetzt wurde, hatte Gründe, die nicht auf eine Geistesschwäche zurückzuführen sind.

Heinz Häfner

Eine beklemmende Geschichte der Psychiatrie in Deutschland

Eine Nebengeschichte der Biographie Ludwigs bildet die Geschichte der Psychiatrie im 19. Jahrhundert in Deutschland. Der Weg zur humaneren Behandlung psychisch Kranker war ein weiter. Intensive Gewalt von Pflegepersonal und Patienten gehörte zum beklemmenden Alltag der Irrenanstalten und Tollhäuser der Zeit. Der intensive Ausflug in die Geschichte der Psychiatrie wird von Häfner jedoch für notwendig erachtet, weil er die Kompetenz des Hauptgutachters Bernhard von Gudden im disziplinären Kontext darstellen will. Wie ungeeignet der Gutachter war, lässt sich aus seinem beruflichen Werdegang ableiten. Der Verfasser zeigt, dass von Gudden eher chirurgische als psychiatrische Kompetenz aufwies. Das eindeutig als Auftragsgutachten nachgewiesene Dokument war für ihn jedoch der erhoffte Karrieresprung, der jedoch in den Wassern des Starnberger Sees ein tragisches und schnelles Ende nahm.

Klarer Nachweis eines Staatsstreiches

Eine Gruppe um den späteren Prinzregenten Luitpold fühlte sich moralisch verpflichtet, dem als unwürdig betrachteten Lebenswandel des Königs Einhalt zu gebieten. Warum keine Abdankung, der Ludwig II. möglicherweise sogar zugestimmt hätte,  sondern die Höchststrafe der Entmündigung gewählt wurde, ist nur politisch zu erklären, so Häfner. Er zeigt, dass weder physiologische Indikatoren durch eine vorgenommene Autopsie noch Zeugenaussagen hinsichtlich des konkreten Verhaltens Ludwigs den Verdacht einer Geisteskrankheit erhärten. Zwar war Ludwigs Bruder Otto geisteskrank, doch lässt sich an Hand der klaren Struktur im politischen, künstlerischen und ästhetischen Empfinden des Königs der Vorwurf der Geisteskrankheit klar erhärten. Ludwig hatte psychische Probleme, die sich unter Anderem in einer suchtartig ausgeprägten Bautätigkeit manifestierten sowie im Missbrauch von Reitersoldaten für sexuelle Zwecke. Diese beiden Faktoren waren die Gründe, warum die Herrschaft Ludwigs II. als Gefahr für die Monarchie an sich betrachtet werden musste. Ludwig II., der nach der psychiatrischen Isolationstheorie von von Gudden auf Schloss Berg eingekerkert werden sollte, hatte für diesen Fall offen mit Suizid gedroht. Der Psychiater nahm diese Warnung jedoch nicht ernst genug, so Häfner, mit den bekannten Folgen.

Spannender Prozess der Wahrheitsfindung

Das Salz in der Suppe dieses Buches stellt die Tatsache dar, dass Mitglieder des Hauses Wittelsbach bis heute Unterlagen zum Entmündigungsverfahren gegen Ludwig II. unter Verschluss halten. Umso höher ist die Akribie einzuschätzen, mit der der Verfasser alternative Quellen und Kontakte genutzt hat, um eine seriöse medizinhistorische Evaluation des Vorwurfs der Geisteskrankheit gegen den König durchführen zu können. Es ist ein Buch, das viel Licht in den verkaufsträchtigen Mythos um den „Märchenkönig“ bringt und deshalb besonders heftig kritisiert wird. Für den Wahrheitssucher ist das Buch ein großer Gewinn, für den Märchenfreund hingegen wirkt die sorgfältige Analyse wie ein kräftiger Schlag ins Gesicht.

Heinz Häfner: Ein König wird beseitigt: Ludwig II. von Bayern.
Beck Verlag, 2008, 544 Seiten.
ISBN-13: 9783406617843, 24,90 Euro.


Die Bildrechte liegen beim Beck Verlag (Cover, Foto Häfner).


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