Wo das Maß versagt
„Intersexualität“ stand auf der Agenda des Forums Bioethik des Deutschen Ethikrates. Hier prallten Betroffenen- und Expertenperspektive aufeinander. Hinter all dem vibrierte die Frage nach dem politischen Abgrund der Medizin. Ein Veranstaltungsbericht von Markus Rackow
Erboste Zwischenrufe echoten durch den Saal, als Moderator Michael Wunder erneut an das strenge Zeitbudget erinnerte. Man, offenbar vor allem die Organisatoren, wolle ja das WM-Spiel um 20:30 sehen, ehe alle früher gehen. Während zur selben Zeit die halbe Nation der neuen Nationalzivilreligion Fußball frönt, brandete bei der Tagung des Forums Bioethik zum Thema „Intersexualität – Leben zwischen den Geschlechtern“ kollektiver Applaus auf. Statt sich dem Diktat der Lederkugel zu beugen und eine Schwarz-Weiß-Reduktion hinzunehmen, wurde mehrheitlich eine differenzierte, nicht gehetzte Diskussion gewünscht.
Differenz oder Nicht-Differenz: Das war die Frage am Abend des 23. Juni 2010, deren Antwort für das Zuschütten aller Unterschiede im Massenanbeten der „Nationalelf“ nicht geopfert werden sollte. Beim Thema Intersexualität, das einerseits derart emotional aufgeladen, andererseits derart expertokratisch verwissenschaftlicht ist, kommt eine solche Diskussion der Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleich. Quantitativ ist das Thema nicht irrelevant: Konservative Schätzungen gehen von 16.000 Intersexuellen in Deutschland aus, andere von 100.000 bis gar 800.000.
Rund 400 Teilnehmer, darunter viele Betroffene, hatten sich eingefunden, um den Vorträgen der Hamburger Sexualforscherin Hertha Richter-Appelt, der Rechtssoziologin Konstanze Plett sowie den intersexuellen Mitgliedern des Vereins Intersexuelle Menschen, Lucie Veith und Claudia Kreuzer, und einer publikumsoffenen Podiumsdiskussion beizuwohnen. Viele Betroffene nutzten die Chance, den „solidarisch finanzierten medizinischen Betrieb“, so „Mensch“ Veith, ans Messer der Öffentlichkeit zu liefern.
Leben zwischen den Geschlechtern?
Dies scheint widersprüchlich. Die Medizin schädigt? Tatsächlich ist Intersexualität, die keine eigenständige Diagnose darstellt, eine gefährliche Sackgasse für die Medizin: Noch bis in die 90er Jahre wurden Säuglinge chirurgisch bearbeitet, wenn sie als „Zwitter“ oder uneindeutigen Geschlechts zur Welt kamen. Meist wurde dabei einfach der verkümmerte, Standardmaßen nicht gerecht werdende Penis abgeschnitten und eine Vagina künstlich geformt. Um deren Zuwachsen zu vermeiden, war es an den Eltern, dem Kind regelmäßig einen Stab einzuführen – ein psychologisches Trauma war allzu oft das Resultat. Hormonbehandlungen ergänzten verschiedene operative Maßnahmen. All dies jedoch war nur auf das „sex“, das biologische Geschlecht gerichtet. Doch die „gender“-Dimension, das psychosoziale Geschlecht, ließ sich mit dem Körpereingriff nicht „erziehen“.
Geschlechtsrolle und -identität, also Verhalten und Empfinden, kollidierten oft mit dem folgenreichen Eingriff. Asexualität oder Selbstmord waren gelegentliche oder gar häufige Folgen der seit 1955 bis Ende der 90er angewandten Methoden des Sexualwissenschaftlers John Money, bei denen sogar Eltern nicht informiert wurden über erfolgte Schnitte, die später oft als Narben zufällig auffielen. Das Unbestimmbare zwischen Natur, Psyche und Gesellschaft, die biopsychosoziale Ontogenese, Herausbildung des Menschen also ist das Schlachtfeld, das bei Intersexualität ungleich komplexer ist als etwa bei Transsexuellen, bei denen Geschlechtsidentität und biologisches Geschlecht sowie Rollenerwartung über Kreuz stehen.
Leben lassen jenseits des Geschlechts?
Wurden Hermaphroditen, wie Intersexuelle auch genannt wurden, im Spätmittelalter verbannt oder verbrannt, als göttliche Zeichen im wahrsten Wortsinn „aus-gelesen“, galten sie seit der Aufklärung als Studienobjekte, um die „Wahrheit“ ihres und des Geschlechts im Allgemeinen herauszufinden. Doch nie waren Zwitter nicht Gegenstand oktroyierter Praktiken, nie ließ man sie als drittes Geschlecht leben, immer waren sie eben zwittrig, zwischen Mann und Frau, statt gleichberechtigt. Mit Beginn der Moderne setzte sich schließlich der auf die Geburt folgende chirurgische Eingriff gegenüber juristischen Erlassen durch.
Die Betroffenenseite prangert diese Eingriffe in die geschlechtlichen Merkmale als „Menschenversuche“ an. Aufgrund eines – auch von Medizinerseite konstatierten – Mangels an signifikanten Kontrollergebnissen sei das Gerede von Heilung geradezu boshaft paradox, wenn in mindestens der Hälfte der Fälle und ohne individuelle Prognosemöglichkeit psychische oder gar physische Schäden in späteren Lebensjahren resultierten.
Medizinerinnen wie Richter-Appelt beteuern, um die Fragwürdigkeit von Geschlecht und Eingriffen zu wissen. Sie zeigen auch die genetischen Ursachen auf und empfehlen, die sexuelle Identität immerhin länger offen zu lassen, um eine maximale sexuelle „Lebensqualität“ zu erhalten. Ungeachtet des Vorwurfs selbstbewussten Blindtapsens in Gen- und Hormonsystemen will sich die Zunft aber ihre Autorität nicht streitig machen lassen und wandelt ihre Praxis nur zögerlich. Die beiden Seiten, „Heiler“ und „Opfer“, präsentierten sich streitlustig und erbittert, ja fast unversöhnlich. Beide vertreten freilich Extrempositionen. Das „wissen wir ja alles“ der Medizin, die vermehrt die Zweiheit von Geschlecht infrage stellt, muss aber unglaubwürdig bleiben, solange keine veränderte Praxis damit einhergeht – oder die Forderungen der Betroffenenverbände restlos erfüllt sind.
Geschlecht als juridisches Konstrukt
Eine Art Scharnier stellt die Jurisprudenz dar. Die Juristin Konstanze Plett kritisierte die mangelnde Aufmerksamkeit der Politik und wies auf Spielräume durch laxere Neuauslegung und Reformvorschläge durch die Verschärfung zivil- und strafrechtlicher Normen gegen Ärzte oder Grundgesetzänderungen hin.
Geschlecht ist aber nicht nur juristisch, müsste man entgegenhalten, sondern auch ein juridisches Produkt von Werteauffassungen. Herausragender Akteur ist letztlich der beratende und operierende Arzt. Seine Neutralität ist kaum sicher zu stellen.
Weitere Fragen bleiben offen: Soll ein drittes Geschlecht eingeführt werden oder ein „unbestimmt“? Gehört die phänomenologisch selbstverständlich gewordene Kategorie des Geschlechts selbst auf den Scheiterhaufen der Geschichte? Können Eltern wirklich informiert entscheiden? Ist die Forderung nach „informational consent“ zwischen Arzt und Patient nicht nur Makulatur für Unwissen? Oder ist letzterer gebannt vom stummen Zwang der Verhältnisse? Können und dürfen Kinder unter 18 bereits entscheiden? Sollen nur die Operationen erlaubt werden, die medizinisch absolut notwendig sind, um physisches Leid oder Tod abzuwenden?
Eine nicht-biologische Existenz im 21. Jahrhundert?
Intersexuelle fordern, dass der Staat ihre Identität schützen soll, statt der Diskriminierung nachgebend ihr vorzubeugen oder die Dualität mit medizinisch-juridischem „Wissen“ zu reproduzieren. Kreuzer mahnte wie auch Zuschauer, die Gesellschaft statt den Menschen zu ändern. Ins Soziologendeutsch übersetzt: Statt regulierender Biopolitik soll Gender-Pluralismus herrschen.
Im Europa des frühen 21. Jahrhunderts ist der Erhalt von Geschlechtern (als Stammbaum) nicht mehr nötig, die Liebesheirat hat die Vernunftehe abgelöst. Nach dem Wieso der Regulation des körperlichen Geschlechts in der derzeitigen Phase globaler Überpopulation und nationaler Multikulturalität, also grundlegend anderen Reproduktionsverhältnissen, zu fragen, ist also richtig, aber dies führt tendenziell zur umgekehrten Pauschalisierung. Grenzfälle wie Geschlechtsidentitätsstörungen zeigen die Schwierigkeit, selbst über sein Geschlecht zu bestimmen. Die Betroffenen klammern sich an ihre zerstörte, prekäre Identität, die ihnen gerade gestohlen wurde, sehen sich als Märtyrer eines Befreiungskampfes, streben nach dem Sieg der Ratio über den Biologismus.
Sie wollen eine „Ästhetik der Existenz“ (Michel Foucault), sich definieren über das Individuelle, Mannigfaltige jenseits des Dualismus. Und dabei soll nur die Natur walten? Widerspricht das nicht einer utopischen Selbstverfügung über den Körper? Was scheidet Natur und Mensch? Blenden nicht wider Willen zu Patienten erkorene Intersexuelle ebenso wie Mediziner das andere des menschlichen Lebens aus: die gesellschaftlichen, historischen Verhältnisse, unter denen Geschlecht erst produziert wird? Was passiert dem dritten Geschlecht, wenn diese Verhältnisse kippen, die seine Anerkennung erlauben?
Auch mit halbstündiger Verlängerung lassen sich diese Fragen, die nicht mal thematisiert wurden, nicht klären.
Die Bildrechte liegen beim Deutschen Ethikrat
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Zitat:
“Das Unbestimmbare zwischen Natur, Psyche und Gesellschaft, die biopsychosoziale Ontogenese, Herausbildung des Menschen also ist das Schlachtfeld, das bei Intersexualität ungleich komplexer ist als etwa bei Transsexuellen, bei denen Geschlechtsidentität und biologisches Geschlecht sowie Rollenerwartung über Kreuz stehen.”
Wo habt ihr das her ?
Es ist längst wissenschaftlich gesichert, dass sich hinter einer “Transsexualität” nichts anderes verbirgt, als eine Ausprägung von Zwittrigkeit.
Man spricht auch von sogenannten Nichtklassischen Formen. Die Ursachen sind im Grunde dieselben, zum Beispiel ca. 2/3 der vermeintlichen “Transsexuellen” eine Störung der 21-Hydroxylase und/oder der 3beta-Hydroxysteroid-Dehydrogenase. das ist insofern interessant, als dass auch bei ca. 2/3 der klassischen Formen der Intersexualität mit ausgeprägtem intersexuellem Genitale diese Störungen ursächlich sind. Man spricht vom Adrenogenitalen Syndrom (AGS). Dabei handelt es sich auch nicht um einen verkümmerten Penis, sondern um ein in Richtung Penis größere Klitoris. Bei männlichen Personen verläuft das AGS optisch weitgehend unauffällig.
Eine sexuelle Identität ist körperlich festgelegt.
Deshalb gibt es auch keine Möglichkeit einer Änderung über psychologische Lernvorgänge.
Ich kann Ihnen gern ein paar wissenschaftliche Arbeiten nennen.
Die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung hat bislang keine einzige Arbeit, welche aufzeigte, dass eine sexuelle Geschlechtsidentität (Gefühlwelt, nicht gesellschaftliche Rollen), körperlich festgelegt ist, widerlegt. Im Gegenteil, z.B. die kontrollierte Studie von Rolf Lindner aus der Mitte der 1990er Jahre ist durch Krähner bestätigt worden.
Schon die Idee, eine sexuelle Identität sei nicht körperlich festgelegt, ist doch absurd. Wie soll denn ein Mensch so sein können, dass er in die Fähigkeit, sich zu Verlieben des Gegenübers hineinpasst, ohne dass dies körperlich festgelegt ist?
Wäre eine sexuelle Identität, die Passung zur sexuellen Partnerorientierung, nicht körperlich festgelegt, dann wären bereits unsere Vorfahren mangels bewußter Erziehung ausgestorben.
Aber es gibt keine noch so absurde Idee, dass sie nicht Anhänger finden würde, Das ist bei der These einer “Transsexualität” offensichtlich nicht anders als bei Thesen wie “Hexen” oder “Besessenheit vom Teufel”.