Wenn das Bier mehr Prozent hat als die FDP

07. Mrz 2010 | von Steven Carthy | Kategorie: Politisches Kabarett

„Bruder Barnabas alias Michael Lerchenberg „derbleckte“ als Fastenredner die politische Prominenz.“

„Ergo bibamus!“ ruft Bruder Barnabas in die Festhalle des Münchner Nockherbergs und beginnt mit seiner Fastenpredigt anlässlich des Starkbieranstichs 2010. Gesellschaftskritisch, zornig und mahnend zwingt Bruder Barnabas das Publikum zwar zum Lachen, aber auch zum Nachdenken. Von Steven Carthy

Auch in diesem Jahr wurden den Politikern und „Großkopferten“ auf dem Münchner Nockherberg wieder gehörig die Leviten gelesen. Zur traditionellen Starkbierprobe „derbleckte“ Bruder Barnabas humorvoll, spitzzüngig, aber auch mahnend die Politiker, die es verdient hatten. Denn wo sonst darf man sich freuen, zum Narren gehalten zu werden und sich ärgern, wenn man nicht erwähnt wird?

Das Politikerderblecken fand erstmals am Ende des 19. Jahrhunderts statt und leitet das jährliche Starkbierfest ein, welches in München gerne als die fünfte Jahreszeit bezeichnet wird. Traditionell kommen zahlreiche Politiker aus Bayern und auch Berlin zum Münchner Nockherberg, um der Fastenrede von Bruder Barnabas und dem Singspiel zu lauschen. Dabei geht es zwar humorvoll zu, die Politiker werden aber auch gehörig aufs Korn genommen und aufs schärfste kritisiert. Nichts anderes meint der bayerische Ausdruck „derblecken.“

„Prost! Herr Ramsauer… Hamma den auch erwähnt.“

Zum dritten Mal gab Schauspieler und Ex-Edmund-Stoiber-Double Michael Lerchenberg den Bruder Barnabas; den Mönch, der die Fastenrede hält. Die Figur des Barnabas geht zurück auf den Braumeister der Paulaner um 1773. Bruder Barnabas Still mischte die Grundrezeptur für den auf dem Nockherberg ausgeschenkten „Salvator“, welcher mit einer Stammwürze von 18,5 % und einem Alkoholgehalt von 7,9% zu den Starkbieren zählt.

Michael Lerchenberg zog in altbewährter Stärke die vergangenen Handlungen und Haltungen der bekannten Politiker durch den Kakao und knüpfte an die alte Tradition der Fastenrede an. Treffsichere Pointen brachten die anwesenden Politiker zu einem verschmitzten Grinsen, einem beherzten Lachen oder auch einem beschämten Blick auf die Salvatormaß am Tisch. Doch nur die, die auch in der Rede genannt wurden, hatten es verdient. Denn wie immer auf dem Nockherberg galt, wer nicht wichtig genug ist, wird erst gar nicht erwähnt und darf sich später umso mehr ärgern. So lässt sich schließlich auch der Prosit-Spruch des Barnabas etwas besser verstehen, wenn er unkommentiert in den Saal ruft: „Prost! Herr Ramsauer… Hamma den auch erwähnt.“

„Bitsche Batsche Bachelor“

„Der Münchner Nockherberg, wo ausgeschenkt und ausgeteilt wird“

Thematisch griff sich Barnabas so manches politische Geschehen heraus und watschte neben dem Nacktscanner von Frau Aigner und dem Debakel um die bayerische Landesbank auch den bayerischen Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch ab. Ihm nämlich erläuterte Barnabas, dass es in Bayern einen Verein gegen betrügerisches Einschenken von Biergläsern gibt und es würde ihn nicht wundern, wenn es bald den Verein gegen betrügerische Hochschulpolitik gäbe.

Und wenn die FDP auch keine Maß Bier von Bruder Barnabas bekam, da sie schon genug hätte „vom Rausch der Macht“, gab er ihnen dennoch eine gut gemeinte Weisheit mit auf den Weg. Denn der Unterschied zwischen der FDP und einem Sparschwein sei, dass das Sparschwein wüsste, dass irgendwann der Hammer kommt.

Neben den humorvollen Anspielungen fand Barnabas in seiner Rede aber auch sehr mahnende Worte. Er kritisierte die Polizei, die in Ermittlungen gegen sich selbst alle Zeit der Welt verstreichen lasse und beim Tod des Münchners Dominik Brunner, der am S-Bahnhof München Solln von Jugendlichen zu Tode geprügelt wurde, erst nach dem Notarzt am Tatort eintraf. Auch in Bezug auf die Bildungslandschaft mahnte Barnabas, dass man den Kommunen nur allzu wenig Beachtung schenke und Schulreformen von Oldenburg bis Oberbayern keine klare Handschrift erkennen ließen. Auch auf den Finanzmärkten würde wie zuvor weitergezockt, was auch kein Wunder sei, wenn Angela Merkel weiterhin „mit Herrn Ackermann Rührei mit Trüffel frühstückt.”

Ude setzt noch einen drauf

So schien auch der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude den Tenor der Festrede schon vor Beginn der Veranstaltung geahnt zu haben, als er auf die Frage, wer denn am meisten „derbleckt“ werden solle antwortete, dass keine Einzelperson, sondern die ganze Regierung das meiste abbekomme solle. Denn sie streite sich so, dass sie nicht mal zum Arbeiten kommt. Von Arbeit kann Ude ja anscheinend nicht genug bekommen, will er den Münchnerinnen und Münchnern doch – nicht nur im inszenierten Singspiel – einen zweiten S-Bahn-Tunnel, eine dritte Startbahn und auch noch eine Trambahn-West-Tangente bauen. Gezahlt wird von dem Geld, das München gar nicht hat.

Energiegeladenes Strauß-Comeback

„Franz-Josef Strauß, der totgesagte Ex-Ministerpräsident Bayerns feiert sein fulminantes Comeback“

Beim anschließenden Singspiel hatte der frühere bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß sein Comeback, als Juror der inszenierten Castingshow „Bavaria sucht den Super-Politiker“. Doch sowohl ihm, als auch der Bavaria gelang es nicht, unter den Bewerbern Gabriel, Merkel, Roth, Seehofer, Westerwelle, zu Guttenberg und schließlich Söder einen Politiker zu finden, der Bayern zu alter Stärke verhilft. Und so blieb die ganze Arbeit doch wieder an Strauß und der Bavaria hängen.

Aber: Den Tag nicht vor dem Abend loben

Insgesamt war die diesjährige Rede des Barnabas teilweise sehr scharf und ließ – neben dem erkrankten Sepp Daxenberger – keinen Politiker so wirklich gut wegkommen. Auch das Singspiel, welches in diesem Jahr mit dem neuen Produzenten Alfons Biedermann einen neuen Anstrich bekam und reich an Energie und Effekten war, konnte sich zwar allemal bewähren, brach aber doch sehr stark mit dem traditionellen Theater, welches die Politiker-Double in den früheren Jahren spielten.

Doch sollte man den Tag nicht vor dem Abend loben. Die Tage nach dem Nockherberg-Anstich hatten gezeigt, dass längst nicht allen die Rede des Barnabas gefallen hatte. Insbesondere sein umstrittener „KZ-Vergleich“ wurde vom Zentralrat der Juden aufs schärfste kritisiert und rückte die Rede in ein falsches Licht. Auch die Aussagen über Bischof Mixa, die katholische Kirche und die bayerische Polizei stießen so manchem sauer auf. Michael Lerchenberg zog die Konsequenzen und kündigte seinen Rücktritt an und der Bayerische Rundfunk kürzte die zweite Ausstrahlung der Starkbierprobe um die betreffenden Stellen. Ob Lerchenbergs Rücktritt gerechtfertigt ist, lässt sich von außen schwer beurteilen. Dass das „Derblecken“ aber in der Rede des Barnabas seine wahre Bedeutung hatte, sollte so manches Gemüt besänftigen. Oder sollte das politische Kabarett zensiert werden? Verständlich ist es durchaus, dass die bisweilen wirklich derbe Rede anstößig wirkte. Aber wie sagt man nicht in Bayern: „A Guada hoits aus und um an Schlecht‘n is net schad.“ (Ein Guter hält es aus und um einen Schlechten ist es nicht schade).

Alles in allem kann sich München nun auf seine fünfte Jahreszeit freuen. Denn ab dem 5. März fängt sie wieder an, die Starkbierzeit, die die Bayern so zeigt wie man sie landläufig zu kennen scheint. In Lederhosn, Dirndl und einer Maß Bier in der Hand. Was könnt’s besser‘s geben? Achso. Ja – rauchen, darf man am Nockherberg nicht mehr. Aber, so bemerkte eine Moderatorin des Bayerischen Rundfunks sehr treffend: Wenigstens hat das Bier mehr Prozent als die FDP.


Die Bildrechte liegen bei Last Hero/Creative Commons Lizenz (Barnabas), Wolfgang Kopp/Creative Commons Lizenz (Nockherberg Eingang) und Ludwig Wegmann/Creative Commons Lizenz (Franz-Josef Strauß).


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  1. Armes Bayern! Da kommt man Montag Morgen ins Büro – nach einigen Tagen im Nachrichten-fernen und tief verschneiten St. Anton – und schon der erste Blick auf die Ereignisse zu Hause lässt einem nicht nur den Kragen platzen, sondern auch die im Urlaub gesammelte Erholung ist flugs verschwunden.

    Unser schöner Freistaat liegt am Boden. Eine Tatsache, die nichts damit zu tun hat, dass FJS seit über 12 Jahren tot ist oder damit, dass bayerische Ministerpräsidenten mittlerweile die Halbwertszeit einer mittelmäßigen Weißwurst haben. Auch nicht damit, dass Fußball-Derbys in der kommenden Saison wohl nur noch in der 2. Liga stattfinden.

    Wahrscheinlich lassen sich eine Vielzahl an Ursachen für die Misere identifizieren. Ein ganz wichtiger Aspekt dabei ist aber die Mischung aus Beratungsresistenz und mangelnder Kritikfähigkeit von Politikern landauf und landab. Der Starkbieranstich ist seit Jahren symptomatisch für diese Verkrustung innerhalb der bayerischen Politik. Weder die Granden der Paulaner Brauerei noch die politische Elite des Freistaates hat verstanden, dass das “Derblecken” keine Veranstaltung ist die ihnen Spaß machen soll. Auch wenn es dabei bisweilen sehr heiter zu geht ist die Fastenpredigt eine recht ernste Angelegenheit. Bierenerst möchte man fast sagen. Gerade in Bayern, wo es durchaus Tradition hat, dass das Bayerische Fernsehen – von manchen auch liebevoll als “Staatsfunk” bezeichnet – eine Kabarettsendung abbricht. Gerade hier war und ist der Starkbieranstich eine Institution die es ermöglicht der versammelten Politprominenz aus Nah und Fern die Leviten zu lesen und ihnen ihre durchwachsene Performanz des vergangenen Jahres vorzuhalten. Der “Nockherberg” ist so etwas wie die moderne Form des Hofnarren: durchaus lustig, aber insbesondere kritisch.

    Über die jüngste Predigt von Michael Lerchenberg alias Bruder Barnabas lässt sich vortrefflich streiten und man mag seinen Kritikern recht geben, dass er zumindest an einer Stelle über das Ziel hinaus geschossen ist. Auf diesen Misstand hat Frau Knobloch ja wie erwartet reagiert. Vielmehr über das Ziel hinaus schießt jetzt aber die geballte Kritik der Politik. In präpubertärer Manier wird nun versucht dem Fastenprediger die Kritik an der eigenen Person heimzuzahlen. Der banale Auslöser dafür ist schlicht und ergreifend, dass Lerchenberg ziemlich viele wunde Punkte getroffen hat. Und je mehr Finger er in die Wunden legte, desto größer das Gezeter der politischen Kaste. Statt dass die Damen und Herren von Regierung und Opposition auch nur einen Augenblick darüber nachgedacht hätten, ob die Zeiten gegenwärtig vielleicht genau nach so einer Predigt verlangt haben. Vielleicht ist den Leuten momentan einfach nicht nach Lachen, sondern vielleicht verlangt es sie vielmehr danach, dass endlich Tacheles geredet wird. Nein, soweit kam es nicht. Reflexartig wurde Michael Lerchenberg mit vereinten Kräften geschasst.

    Nach Bruno Jonas und Django Asül ist Michael Lerchenberg, im übrigen ein Urgestein auf dem Nockherberg, nun schon der dritte Bruder Barnabas der sich nur kurz in seiner Rolle behaupten kann. Vielleicht findet sich nunmehr ein Kandidat, den die Politik zwar nicht verdient hat, den sie sich aber seit langem wünscht: einen Weichmacher ohne Hang zur Kritik. Damit verkommt der Starkbieranstich auf dem Nockherberg zu einem zweiten politischen Aschermittwoch. Einer Veranstaltung die keinem weh tut und wo Kritik nur an den anderen geübt wird. Wer das dann sein wird, wenn nach wie vor alle Parteien zum Derblecken antreten, bleibt fraglich. Klar ist hingegen, dass eine solche Wohlfühlrunde mit dem ursprünglichen Starbieranstich außer dem Namen und der Biersorte nichts mehr gemein haben wird. Armes Bayern!

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