WeltTrends 69
Pythagoras hätte seine Freude: das 20. Jahrhundert in der Neunerreihe aufgefädelt, von 1919 über 1939 bis 1989, dazwischen noch 1929 und 1949. Vor 70 Jahren begann der Zweite Weltkrieg, womit die Jahreszahl 39 unheilvoll aus dieser Linie hervorragt.
Ihm folgte der Kalte Krieg, der mit dem Jahr 89 das „kurze 20. Jahrhundert“ abschloss. Die Folgen dieser europäischen Brüche sind bis heute zu spüren, vor allem für das Dreieck Warschau-Moskau-Berlin. WeltTrends diskutiert im Schwerpunkt diese historischen Ereignisse aus der Perspektive des Jahres 2009.
Afghanistan – ein nicht enden wollendes Debakel. Auf Grund seiner traurigen Aktualität und den eventuellen Folgen für Deutschland – die Zahl 7.000 als „mögliche Obergrenze“ für die Entsendung deutscher Soldaten wird gemunkelt, aber nirgends dementiert – widmet WeltTrends diesem Thema ein Forum.
Der WeltBlick beschäftigt sich diesmal mit dem Nein Obamas zu den Raketen in Mitteleuropa, Gewalt in den Ländern Zentralamerikas und aktuellen Entwicklun-gen in Malaysia.
Vervollständigt wird die neue Ausgabe durch den Kommentar zu den außenpoliti-schen Chancen in den Zeiten der deutschen Wiedervereinigung, unserer Glosse Blattgold sowie Buchbesprechungen und Konferenzberichte.
Thema: Europäische Brüche – 39 – 89 – 09
Europa erlebte in den letzten 100 Jahren tief greifende Umbrüche. Zwischen dem Versailler-Vertrag 1919 und dem Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 standen die Jahre 1939 und 1945. Es existieren viele Streitpunkte bei der Bewertung dieser Zeit. Fokus der Themenbeiträge ist das tragische Jahr 1939. Sieben Jahrzehnte nach der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs werden die Fragen nach den Ursachen und die Folgen dieser Katastrophe für die Gegenwart diskutiert.
Mit seinem Beitrag zu diesen „Zeitwenden“ skizziert Jochen Franzke (Potsdam) die Phase vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs über das Wendejahr 1989 bis zur Ge-genwart. Seine Überlegungen stützen sich auf die Konferenz „Das Jahr 1939: Urs-prünge und Beginn des 2. Weltkriegs“ vom 09.09.2009 in Posen. Nach dieser umfassenden Einleitung zeigt Andrzej Sakson (Posen), dass die Debatte um die Ursachen des Zweiten Weltkriegs in Polen unverändert im Gange ist. Sie spielt eine große innenpolitische Rolle und belastet die Beziehungen zu Russland und Deutschland, denn aus polnischer Sicht begann dieser Krieg mit dem Angriff der Nationalsozialisten und endete erst 1989 mit dem realexistierenden Sozialismus.
Horst Möller (München) zeigt, dass es trotz der Instabilität Europas nach dem Ersten Weltkrieg nicht zu einem zweiten hätte kommen müssen. An kritischen Wegscheiden gab es Alternativen. Beleuchtet werden die Interessenlage und das taktische Vorgehen der wichtigsten europäischen Mächte im Schicksalsjahr 1939. Auch Stanislaw Zerko (Posen) betrachtet die Wege zum Kriegsausbruch und die Debatten dazu in Polen, sei es zur Appeasement-Politik der Westmächte oder zur kontroversen polnische Außenpolitik in der Zwischenkriegszeit.
Polen ist „ein mittelgroßes Land an der Peripherie Europas, das seit 1989 erneut auf der Suche nach einer eigenständigen Außenpolitik ist“. Marek Kornat (Warschau) diskutiert die Rolle der Geschichte in diesem Suchprozess. Sein Fazit: Es gibt keine Politik ohne Erinnerung, aber eine Politik, die nur auf Erinnerungen aufbaut, führt auf Abwege.
Im Interview mit Julij Kwizinskij, ehemaliger sowjetischer Botschafter in Bonn und heutiger Vizechef des Auswärtigen Ausschusses der Staatsduma, kommt eine russische Stimme zu Wort. Er bewertet die Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrags zwischen der Sowjetunion und Deutschland vom 23.08.1939 von der umstrittenen offiziellen Position der russischen Staatsführung aus. Im Dokumententeil ist dieser Nichtangriffsvertrag von 1939, einschließlich des Geheimabkommens, abgedruckt. Eine Europa-Chronik von 1919 bis 1949 ergänzt das Thema.
Wo steht Mittel- und Osteuropa nach dem Aufbruch 1989 heute? Dieter Segert (Wien), ein ausgewiesener Kenner der Thematik, analysiert aus heutiger Sicht die Ergebnisse der Transformation. Er bilanziert die Errungenschaften des Systemwechsels in Osteuropa und stellt die Frage nach den Lehren, die wir aus dieser Entwicklung ziehen können.
WeltBlick
Obamas Nein zu den Raketen in Mitteleuropa, Zentralamerika: Vom Bürgerkrieg zum Bandenkrieg und Malaysia: Aushöhlung der Diktatur?
Das Aus für die US-Raketenpläne in Mitteleuropa kann den Auftakt für eine neue Verständigung zwischen der NATO und Russland bilden und dazu beitragen, dass Kooperation und nicht Konfrontation künftig das Verhältnis zwischen Ost und West bestimmt. Oliver Meiers (Hamburg) Fazit: Russland sollte das Angebot annehmen.
Gewalt regiert Zentralamerika. Drogenhandel, die Brutalität staatlicher und privater Akteure, vor allem Jugendbanden, terrorisieren die Region. Peter Peetz (Hamburg), Experte für Lateinamerika, zeigt, dass die Grenzen zwischen Opfern, Tätern, Sicher-heitsproduzenten und Schutzbedürftigen verschwimmen. Er plädiert für einen neuen Umgang mit den Problemen.
In Malaysia kam es lange zu einer Blockierung demokratischer Prozesse, der Autoritarismus nahm seit 1969 sogar zu. Seit der Asienkrise hat sich dies geändert. Andreas Ufen, tätig am Institut für Asienstudien in Hamburg, sieht Anzeichen dafür, dass sich das System des Landes in einem Übergang zur Demokratie befindet.
Forum: Afghanistan
Raus oder rein? Im Forum Afghanistan wird die Frage nach dem Engagement „des Westens“ mit Carl Schmitt von Sibylle Tönnies zugespitzt. Parinas Parhisi themati-siert die schwierige Etablierung des Rechtsstaats in dem durch Stämme zerklüfteten Land und Attila Kiraly hat dem Thema einen Zwischenruf gewidmet.
Ergänzt wird dieses Heft durch das Porträt des renommierten US-Diplomaten Geor-ge Kennan und einer Besprechung von Barrington Moores Klassiker „The Origins of Demorcacy“.
Diese Heftvorschau ist Teil einer Kooperation mit WeltTrends. Die Bildrechte liegen bei WeltTrends.
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