Warnung vor der Inflation

14. Aug 2010 | von Christoph Rohde | Kategorie: Politisches Buch

Wie wahrscheinlich ist eine Inflation in den nächsten Jahren? Darüber räsoniert Henrik Müller und spielt dasselbe intellektuelle Roulette wie viele andere Experten. Von Christoph Rohde

Henrik Müllers Thesen vom Sprengsatz Inflation sind klar und differenziert gezeichnet – und dennoch ist ihre Eintrittswahrscheinlichkeit kaum höher als die einer Deflation. Das Wirtschaftssystem wird nicht durch endogene Faktoren gesteuert, sondern durch eine Vielzahl von in ihrer Abhängigkeit kaum zu beeinflussender Faktoren. Müllers Warnung an den Staat, nicht leichtfertig mit einer Inflation zu spielen, überzeugt, auch wenn er dessen Einfluss auf die Geldpolitik überbewertet.

Zahlreiche inflationssteigernde Faktoren

Obwohl ökonomische Faktoren stets in komplexen Zusammenhängen wirken, ist es wohltuend, einmal eine Liste von Faktoren lesen zu können, die die Eintrittswahrscheinlichkeit einer substanziellen Inflation erhöhen. Für Müller ist es eine Synthese aus fehlendem Wirtschaftswachstum und damit verbundener Staatsverschuldung, die inflationsfördernd wirken kann. Dazu diagnostiziert er ein Ende der Liberalisierung der Wirtschaft (Protektionismus), ein Nachlassen der kostensenkenden Standortkonkurrenz weltweit, das Ende der billigen Energie, das Auftreten der großen Schwellenländer als preistreibende Nachfrager, die Wahrscheinlichkeit von Lohnsteigerungen in den entwickelten Ländern aufgrund eines Mangels an hochqualifizierten Fachkräften sowie einen durch die Wirtschaftskrise bedingten Strukturwandel, der zu Lasten gering Qualifizierter geht.

Weiterhin führe die Krise zu einem Investitionsstau und einer fehlenden Kapazitätserweiterung. Dazu kommt die erhebliche Kapitalaufnahme von Staaten auf dem Kapitalmarkt, die Kredite erheblich verteuern und Staaten in den Bankrott treiben kann. Zwar ist das Buch bereits vor den finanziellen Staatskrisen in Griechenland und Spanien veröffentlicht worden, aber der Autor hat die Gefahr möglicher Staatsbankrotte in der Eurozone gut antizipiert. Insgesamt sind einige der Argumente Müllers jedoch auch gegen die Wahrscheinlichkeit des Eintritts einer Inflation einsetzbar.

Die Notenbanker-Mentalität

Notenbanken sollen aufgrund historischer Erfahrungen prinzipiell unabhängig vom jeweiligen politischen Entscheidungssystem agieren können. Doch das ist, so Müller, in der Praxis eine Fiktion, denn hier agieren oftmals Personen mit ähnlichen Vorerfahrungen und Expertisen miteinander, sodass die Trennung von Geschäfts- und Notenbanken subtil unterwandert wird. Die persönlichen Beziehungen zwischen Notenbanken und den Geschäftsbanken werden vom Autor vorzüglich dargestellt und lassen erahnen, dass die Notenbanken eben kaum in der Lage sind, eine Gewaltenkontrolle über den Privatsektor auszuüben.

Der Warenkorb – ein blindes Messinstrument

Die Angst vor der Inflation nährt die Geschichte. Hier Käufer vor einem Lebensmittelladen in Berlin während der Hyperinflation 1923.

Der Warenkorb zur Bewertung der Preissteigerung in der Volkswirtschaft ist wohlbekannt. Dieser beruht jedoch auf dem Modell der reinen Inflationssteuerung und berücksichtigt nur die Preissteigerungen bei Gütern und Dienstleistungen. Das Entstehen von Blasen auf Immobilien- oder Aktienmärkten wird in dieser Rechnung nicht berücksichtigt. Damit ist dieses Messinstrument blind für Entwicklungen, die sich auf dem Markt für Vermögenswerte ergeben. Eine realistische Analyse müsste die Überhitzungstendenzen auf Vermögensmärkten messen können. Doch die Psychologie des Herdentriebs, von Müller explizit kritisiert, verhindert eine rationale Prognose.

Die Inflation ist von ihrer Auswirkung auf das Leben von Menschen in ihrer Alltagswelt kaum zu überschätzen. Zu unfair ist die Tatsache, dass ein Geldphänomen zur Entwertung der Lebensleistung von Menschen führt, notorische Schuldner wie den Staat oder institutionelle Anleger aber auf einfachstem Weg entlastet. Dazu ist der Charakter der Inflation zutiefst undemokratisch: Während das Parlament Steuer- und Haushaltsfragen offen entscheidet, breitet sich die Inflation kaum erkennbar aus. Diesen gesellschaftlichen Zusammenhang stellt Müller gut dar.

Er räumt dem Staat die Möglichkeit ein, eine Inflation bewusst zuzulassen oder zu fördern. Damit stellt er die Unabhängigkeit der Zentralbank(en) in Frage; eine Überlegung, die nach den jüngsten Handlungen der Euro-Zentralbank in Bezug auf die Griechenland-Krise ihre Bestätigung findet: Hier hat die Euro-Zentralbank damit begonnen, relativ wertlose griechische Staatsanleihen aufzukaufen und ihre eigentlich verpflichtende Stabilitätspolitik aufzugeben.

Zu einseitige Argumentation

Henrik Müller, Autor von "Sprengsatz Inflation".

Obwohl zu viel Geld im globalen Wirtschaftskreislauf vorzufinden ist, so wird es in Richtung einer Inflation wirksam, wenn es ausgegeben wird. Dies ist (glücklicherweise) bis dahin nicht der Fall. Es gibt auch Faktoren, die preishemmend wirken können. Die instabile Situation in der Weltwirtschaft kann Konsumenten und Investoren zu einer totalen Zurückhaltung in ihrer Wirtschaftstätigkeit bringen. Dies führte dazu, dass die Preise sinken und die Nachfrage trotz des Preisvorteils erheblich zurück gehen würde. Dieser deflationäre Effekt wird unter anderem von Nobelpreisträger Paul Krugman als bedrohlicher angesehen als die von Müller dargestellte Inflationsgefahr.

Diese Argumentationslinie wird in diesem Buch schmerzlich vermisst. Dennoch ist die Abhandlung, die nur im Titel reißerisch ist, aufgrund seiner angenehmen Strukturierung und eines verständlichen Sprachstils für eine breite Öffentlichkeit zu empfehlen.

Müller, Henrik: „Sprengsatz Inflation – Können wir dem Staat noch vertrauen?”,
Campus Verlag, Frankfurt a.M., 2010, 192 Seiten,
ISBN 978-3-593-39145-8, 17,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Campus Verlag (Cover, Autor) oder sind unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany (Inflation Berlin) lizensiert.


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