Wählerauftrag: Selbstauflösung!
1990 wählte die DDR erstmals frei seine Regierung. Sie sollte die Wiedervereinigung herbeiführen und sich selbst überflüssig machen. An diese turbulente Zeit erinnert jetzt Ed Stuhlers grundlegende Studie. Von Andreas Morgenstern
Mit Staaten ist das so eine Sache. Im Normalfall kann man sich den Seinen nicht auswählen. Sie scheinen selbst in unseren Tagen des zusammenwachsenden Europas einer der wenigen Fixpunkte zu sein. Brechen dann doch einmal Staaten auseinander, ist der Prozess meist sehr schmerzhaft, bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen – oder ist, wie auch der Blick in die Geschichte beweist, die Folge eines verlorenen Kriegs. Für all das gibt es Beispiele, Vorbilder an denen sich die Handelnden orientieren können. Kein Beispiel gibt oder gab es aber für die freiwillige Selbstabschaffung eines Staats. Mit diesem einzigartigen Fall beschäftigt sich der Journalist Ed Stuhler, der seinem Band dann auch gleich den Namen „Die letzten Monate der DDR“ gegeben hat.
An dieser Stelle gilt es aber gleich innezuhalten: Der Titel verspricht eigentlich mehr, als der Inhalt einlösen kann. Anhand zahlreicher Interviews mit den Mitgliedern der ersten und letzten demokratisch gewählten Regierung der DDR zeichnet Stuhler deren Arbeit nach. Erstaunliche Details über eine Staatsmacht, die praktisch von einem auf den nächsten Moment von Null auf Hundert die Verantwortung über ein kriselndes Land übernahm, werden geliefert, aber eine Nachzeichnung der gesamten Geschichte des letzten halben Jahres DDR liefert Stuhler nicht. Und noch ein zweiter Punkt fordert einen kritischen Leser. Stuhler gibt seinen Interviewpartnern großen Raum für Erzählungen zum nachdenklich machen ebenso wie zum schmunzeln, allerdings werden die nur mehr oder minder aneinander gereiht. Auf eine Problematisierung der subjektiv geprägten Aussagen wartet der Leser meist vergeblich. Wer sich von diesem Malus nicht abschrecken lässt, den erwartet ein vielschichtiges Bild über eine Regierung mit selbst auferlegter Verfallszeit.
Politik im Zeitraffer
Innerhalb kürzester Zeit hatte sie einen Staat in einen anderen zu überführen. Es war Politik im Zeitraffer, zwischen Amtseinführung und Beitritt zur Bundesrepublik liegen schließlich ganze sechs Monate (das ist nicht einmal das Doppelte der normalerweise gegebenen 100 Tage Schonzeit einer neuen Regierung), verantwortet von Politiklaien. Dass das funktioniert ist an sich schon ein Wunder. Man darf nicht vergessen, Minister sind auch Leiter einer Behörde und ohne deren Mitarbeiter kaum aktionsfähig. In diesen Ministerien saßen nun aber weithin Leute des alten SED-Regimes, denen nun eben noch als Staatsfeinde verunglimpfte Frauen und Männer vorgesetzt werden. Praktisch alle Interviewpartner betonen allerdings die Loyalität der Bürokratie, wohl auch weil ihr eine Perspektive versprochen wurde. Die DDR-Regierung war arbeitsfähig und ein durchaus denkbarer Putsch der ja noch bewaffneten Staatsorgane nicht ernsthaft zu befürchten.
Bonn vs. Ost-Berlin?!
An einer anderen Stelle unterscheiden sich die Erinnerungen dagegen. Die Bonner Parteien entsandten Berater nach Ost-Berlin. Die Zusammenarbeit schwankte dabei wohl zwischen engem partnerschaftlichen Verhältnis und der Tendenz zu westdeutscher Dominanz, bis hin zu einer alles beherrschenden Bonner Loyalität. Damit wäre die schwierige Beziehung zwischen den beiden deutschen Regierungen auch schon angesprochen. Neben den in Großen Koalitionen wohl üblichen Reibereien – in der DDR regierten die christlich-konservative „Allianz für Deutschland“, die SPD und die Liberalen gemeinsam – zieht sich das Verhältnis zwischen Bonnern und Ost-Berlinern durch die Aussagen. Sinnbildlich zeigt sich die Umarmung der DDR durch die Bundesrepublik schon auf dem Titelbild des Bands, der schmächtige Ministerpräsident Lothar de Maizière droht vom Bundeskanzler beinahe erdrückt zu werden.
Anstoß für neue Diskussionen
Und hier zeigt sich neben dem natürlich interessanten Blick auf ein wirklich singuläres Kapitel deutsch-deutscher Geschichte der besondere Wert des Bands: Er beschreibt Grundlagen des bis in unsere Tage so schwierigen Ost-West-Verhältnisses. Wie oft konnte man seit 1990 den Eindruck gewinnen, dass dem Westen für Leistungen und manchen Verzicht auf liebgewonnenes die Anerkennung vorenthalten bliebe oder sich der Osten bevormundet fühlt. Die Wahrheit ist für den Einheitsprozess mal wieder ein kompliziertes Ding und ist auch eine Wahrnehmungsfrage, nicht zuletzt bestimmt durch die jeweilige Herkunft. Wenn nun hier die Ostdeutschen ein Forum bekommen, dann gleicht das die allzu oft vorherrschende Dominanz westdeutscher Erinnerungen aus. Ein blinder Fleck der Erinnerung wird so geschlossen. Selbstredend ist die dann auch subjektiv und ruft zum Widerspruch auf. Aber das fällt uns Deutschen ja auch nicht schwer. Ein anregender Anstoß für neue deutsch-deutsche Diskussionen ist jedenfalls gegeben.
Ed Stuhler: Die letzten Monate der DDR – Die Regierung de Maizière und der Weg zur deutschen Einheit,
Ch Links Verlag, Berlin 2010,
248 Seiten, gebunden, 19,90 EUR,
ISBN: 978-3861535706
Die Bildrechte liegen beim Ch Links Verlag.
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