Tolerierter Schmuggel Teil 2

09. Mai 2010 | von WeltTrends | Kategorie: Kooperation mit WeltTrends

Grenzen sind soziale Tatsachen, die sich räumlich manifestieren – etwa wenn Schmuggler und Grenzschützer an Grenzübergängen aufeinandertreffen und in ritualisierter Form Bedingungen und Möglichkeiten des Grenzübertritts aushandeln. Das Grenzgeschehen wird in diesem Beitrag in soziologisch-ethnologischer Perspektive am Beispiel des Kaliningrader Grenzgebiets betrachtet. Von Mathias Wagner

Der Aushandlungsprozess

Schmuggler und Zöllner erkennen sich, jedoch geben sie dies nur indirekt zu verstehen. Ein kurzes Lächeln, ein kaum wahrnehmbares Nicken mit dem Kopf oder auch nur ein Unterton, eine Auslassung oder ein Wort in einer Bemerkung sind ein Zeichen dafür, dass sie sich erkennen. Undenkbar wäre eine offene Begrüßung zwischen ihnen an der Grenze. Würden sich Schmuggler und Zöllner offen begrüßen, dann träfen sie sich nicht mehr als Vertreter ihrer offiziellen Rollen, sondern als Privatpersonen bzw. wären beide Rollen miteinander vermischt. Der Zöllner muss in dieser Situation zwei Rollen ausgleichen: Die offizielle Rolle in seiner Funktion als Zöllner und die private Rolle des Individuums, das sein Gegenüber als regelmäßigen Besucher wiedererkennt und unter Umständen sogar aus seinem Wohnumfeld kennt.

Damit die Zollkontrolle jetzt überhaupt in einigermaßen geordneten Bahnen ablaufen kann, ist es notwendig, dass die Akteure ihre offiziellen und damit anonymen Rollen einnehmen. Die Einnahme dieser Rollen wird mit einem Ritual eingeleitet. Es besteht aus zwei Sätzen: Der Zöllner fragt, ob der Schmuggler etwas anzumelden hat. Darauf antwortet der Schmuggler, er habe nichts anzumelden. Das sind die vorgeschriebenen Sätze an allen europäischen Grenzen. Hier werden sie zum Ritual, weil die Akteure wissen, dass der Inhalt nicht richtig ist. Aber gerade dadurch, dass die gleichen Sätze an allen Grenzen Europas unzählige Male gesprochen werden, ermöglichen sie den Akteuren ihre offiziellen Rollen einzunehmen. Man kann auch sagen, beide „spielen“ die Rollen des anonymen Zöllners bzw. Reisenden.

Der Begriff des Spiels erinnert hier selbstverständlich an Goffmann und den Vergleich sozialer Situationen mit der Bühne eines Theaters. Und in der Tat bietet dieser Vergleich eine sinnvolle Hilfe an. Denn so wie Goffmann zwischen der offiziellen Vorderbühne und der privaten Hinterbühne unterscheidet, kann auch die Grenzkontrolle als Vorderbühne begriffen werden, auf der die Akteure eine soziale Situation in Szene setzen. Auf der Hinterbühne haben die Schmuggler vorher ihre Waren versteckt und sich auf ihren Auftritt auf der öffentlichen Bühne vorbereitet.

Nachdem mit diesem Ritual das Spiel zwischen Schmuggler und Zöllner seinen Auftakt genommen hat, kommt der Kommunikationsfähigkeit des Schmugglers eine wichtige Funktion zu. Der Schmuggler wird sich bemühen, mit dem Zöllner Small Talk zu führen. In diesem Gespräch ist der Inhalt nebensächlich, denn dieser dient nur als Hilfsmittel, mit dem die Beziehungsebene aufgebaut wird. In dem Gespräch versucht der Schmuggler, Kontakt mit dem Zöllner aufzubauen und dadurch eine ungezwungene Atmosphäre zu schaffen. Man könnte sagen, die Situation dient dazu, den Zöllner von seiner eigentlichen Aufgabe abzulenken. Doch fasst man die Situation genauer, dann bereitet die Beziehungsebene dem Zöllner den Weg dahingehend, seine Suche nicht weiter auszudehnen. Wichtig ist die wechselseitige Anerkennung der Akteure in ihren Rollen. Das bedeutet für den Schmuggler, dass er seine Waren verstecken muss. Das mag erstaunen, scheint das doch selbstverständlich. Doch warum sollte das selbstverständlich sein, an einer Grenze, an der alle schmuggeln und alle davon Kenntnis haben? An einer Grenze, an der selbst Bürgermeister den Schmuggel ihrer Einwohner unterstützen?

Ein Schmuggler kommentiert das Verhalten einer Kollegin, deren Zigaretten offen in der Handtasche lagen und daraufhin beschlagnahmt wurden, mit den Worten: „Man darf nicht übertreiben!“ Das Geheimnis des Schmuggels ist zwar offen, doch muss man die Form des Geheimnisses bewahren, damit der Schmuggel realisiert werden kann. Wer seine geschmuggelten Waren offen zeigt, unterläuft die stillschweigende Vereinbarung des „offenen Geheimnisses“. Der Schmuggler kann zwar mit einer wohlwollenden Reaktion des Zöllners rechnen, doch erwartet der Zöllner auch eine Anerkennung seines Rollenkonfliktes zwischen dem moralischen Anspruch, tolerant dem Schmuggel zu begegnen und ihn doch zu verhindern. Der Schmuggler erkennt diesen Zwiespalt an, indem er seine Waren versteckt. Denn damit baut er dem Zöllner eine Brücke, ihn als normalen Reisenden anzuerkennen. Der Schmuggler kann sich darauf verlassen, dass der Zöllner seine Suche beenden wird, wenn er an drei, vier Stellen keinen Hinweis auf Schmuggelwaren findet. Dabei ignoriert der Zöllner sein Wissen, dass es sich hier um einen Schmuggler handelt.

In dem Kontakt zwischen Zöllnern und Schmugglern wird ein Verständnis für die Aufgaben, Pflichten und Ziele des anderen sichtbar. Umgangssprachlich wird dieses Verständnis mit dem Begriff der Sympathie ausgedrückt. Schmuggler beschreiben dann einen Zöllner als sympathisch, wenn dessen Verhalten nicht als diskriminierend erlebt wird. Doch was ist dieses Verständnis, wenn wir uns hier nicht auf Alltagspsychologie berufen, sondern es soziologisch fundieren wollen?

Verständnis bedeutet ja, dass sich die beiden Akteure verstehen. Und verstehen beschreibt wiederum die Lesbarkeit der symbolischen Zeichen, also der verbalen und nonverbalen Kommunikationsebene. Und diese Lesbarkeit hat ihre Basis in der sozialen Übereinstimmung, d.h. Schmuggler und Zöllner gehören der gleichen sozialen Schicht an. Schmuggler sind eben nicht die Ärmsten in der Region, es sind auch nicht die gesellschaftlichen Außenseiter, wie etwa Alkoholiker, und sie entstammen keiner kriminellen Subkultur. Der berufliche Schritt vom Schmuggler zum Zöllner oder vom Zöllner zum Schmuggler ist nur ein kleiner Schritt von der informellen zur formellen Tätigkeit. Und bekannt sind an der Grenze Karrieren, bei denen dieser Schritt schon vollzogen wurde: Der Zöllner, der aufgrund von Korruption entlassen wurde und sich dann als Schmuggler wieder an der Grenze findet, ist hier ebenso bekannt wie der Zöllner, der früher auf dem Markt einen legalen Kleinhandel betrieben hatte, bevor er zum Zoll ging. Gefürchtet sind Zöllner, die über eigene Erfahrungen im Schmuggel verfügen, denn sie kennen sich zu gut mit den Strukturen aus. Schmuggler und Zöllner entstammen nicht nur den gleichen Wohnorten, sondern sie haben die gleichen Schulen besucht und waren oftmals an gleichen Arbeitsstätten tätig. Diese Nähe der sozialen Schicht ermöglicht überhaupt erst das Verständnis.

Zugleich erfordert der Umgang miteinander aber auch eine Form der Rollendistanz. Man muss ja im Blick behalten, dass es sich hier um professionelle Schmuggler handelt, die damit seit Jahren ihren Lebensunterhalt bestreiten. Wenn sich die Professionalität des Schmugglers in der Anerkennung der Aufgaben des Zöllners äußert, dann zeigt der Schmuggler in dieser Situation auch die Fähigkeit, auf Distanz zur eigenen Rolle zu gehen. Die Rollendistanz äußert sich auch im Verhalten von kleinen Hilfestellungen und verbaler Freundlichkeit. Der Schmuggler wird während der Kontrolle bemüht sein, den Zöllner in der Ausübung seiner Arbeit zu unterstützen. Das heißt, er wird ihm, soweit das möglich ist, seine Arbeit erleichtern. Beispielsweise wird er Gegenstände anheben, die Wagentüren aufhalten und Taschen öffnen. Alles möglichst in der Gewissheit, dass genau an diesen Punkten keine Waren versteckt sind oder der Zöllner sich mit einer oberflächlichen Kontrolle zufriedengibt.

Zur Professionalität von Schmugglern gehört es auch, die Beschlagnahmung von Waren zu akzeptieren. Dies ist ein Teil des Betriebsrisikos und von vornherein eingeplant. Es handelt sich dabei um einen Verlust, der in der durchschnittlichen Rechnung regelmäßiger Fahrten einen festen Unkostenfaktor darstellt. Nur wenn jemand gelegentlich schmuggelt, kann ihn die Beschlagnahme wirtschaftlich treffen. Hier unterscheiden sich professionelle Schmuggler von Amateuren.

Jedoch darf man sich diesen Prozess des Aushandelns nicht zu idyllisch vorstellen, denn im Hintergrund verfügen beide Seiten über Sanktionsmöglichkeiten. Die Zöllner haben nicht nur das Strafrecht auf ihrer Seite, sondern auch die Möglichkeit der administrativen Durchsetzung von Sanktionen. Dem stehen die Schmuggler aber nicht hilflos gegenüber. Denn allen Zöllnern sind die Fälle bekannt, bei denen pflichtbewussten Kollegen die Reifen ihrer Privatwagen zerschnitten oder die Scheiben eingeschlagen wurden. Auch wurde einer besonders eifrigen Zöllnerin schon einmal ein Sarg als eindeutige Warnung vor die Tür gestellt. Und ob der Bericht eines Zöllners der Wahrheit entspricht, dass manch eine Autotür schon zugeschlagen wurde, als der Zöllner noch seine Hand dazwischen hatte, ist eigentlich unerheblich, denn die Drohung steht damit im Raum.

Schmuggler und Zöllner treffen sich hier wie Schauspieler und Zuschauer in einem „Theater“. Sie treffen sich in dem Wissen, dass hier gespielt wird. Es ist nicht das reale Leben, der Alltag mit seinen Normen und Werten, sondern hier trifft man sich in einem geschützten Raum mit eigenen Normen. Sie spielen den Alltag und haben dabei die Möglichkeit, Normen und Werte
zu relativieren, ohne dass damit deren Gültigkeit außerhalb des „Theaters“ infrage gestellt würde.

Bleiben wir noch einen Augenblick bei dem Vergleich mit dem Theater und betrachten die Grenze als Bühne. Im Grunde sind Schmuggler und Zöllner ja beide Akteure auf dieser Bühne und man kann sich fragen, wer hier Zuschauer ist und für wen das Stück aufgeführt wird. Die Zuschauer sind im Grunde abstrakt, es ist die Öffentlichkeit und nur in einem Ausnahmefall wird aus der abstrakten Öffentlichkeit eine konkrete Person. Dieser Ausnahmefall ereignet sich beispielsweise bei einer Inspektion der Kontrollstelle durch eine Kommission der EU-Zollbehörden. In dieser Situation spielen nämlich Zöllner und Schmuggler gemeinsam auf der Bühne die normale Grenzkontrolle an einer westeuropäischen Grenze. Kontrolliert wird nur noch oberflächlich, die Kenntnis des Schmuggels ist hier mit einem Mal nicht mehr präsent.

Lesen Sie hier Teil 3.


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