Theater im Theater
Klartext in der Kundus-Kausa? Oder doch nur Intrigen und Inszenierung? Im Epeisodion wurde wieder diskutiert; über Wahrheit, Versionen davon und wo der Witz an der Sache ist. Von Lennart Faix
Im Epeisodion wird gerne und viel gelacht. Die beiden gealterten Familienväter am Tresen sind sich für keinen Spaß zu schade. Selbst der Wirt strahlt heute. Glücklich und entspannt nach seinem österlichen Kurzurlaub in der Großfamilie tritt er durch den Perlenvorhang aus dem Hinterzimmer. Mit gewohnt großer Geste serviert er Weinschorle und Weizenbier. Am Nebentisch sitzen sechs Personen und suchen einen Autor.
DIESER (eine Zeitung in der Hand): Ah, hier, mal wieder was zum Kundusdingens, da gibt’s ja jetzt bald den großen Showdown im Untersuchungsausschuss… Na, da bin ich aber mal gespannt auf die (nimmt die Finger zu Hilfe) „Auflösung“, was da so „rauskommt“…
JENER (gibt weiter den Komiker): Ja, ich bin auch gespannt, wer da ganz aufgelöst rauskommt…
WIRT (munter, orakelt vor sich hin): Betrachtung von materiellem Zerfall, trivialen Unstimmigkeiten…
DIESER (hämisch): Der Guttenberg hat sich schon gefreut, der kommt ja als erster dran. Darum wollte der sogar das Fernsehen live mit dabei haben, damit alle sehen, was er für ein reines Gewissen hat, damit die Umfragewerte steigen und er wieder strahlen kann…
JENER (hat gleich den nächsten): …wie ein frisch poliertes Panzerrohr…
DIESER: Die Übertragung hat die Koalition aber verhindert… weil die Merkel kommt ja später auch noch dran. Und ihre Version muss ja dann neben den ganzen anderen auch noch zur Version vom Gutti passen… und je weniger Leute dem seine Version kennen, desto besser…
WIRT: …umso chimärischer, je mehr sie beanspruchen Realität zu sein…
DIESER: Die Angie will nun mal nicht am Ende die Dumme sein, nur für dem Gutti sein Image… Die steht ja gerade auch nicht so gut da. Und wenn die jetzt noch wegen dem Kundus Ärger bekommt, dann versandet ja bald der ganze Laden…
JENER: …wie ein gekidnappter Tanklastzug!
DIESER: Das reinste Theater ist das! Wer hat wann von wie viel unter welchen Bedingungen nix gewusst? Und wie vielen will, darf oder kann er davon nix erzählen? Das ist doch ein Witz!
JENER: Ja, du sagst es, da braucht man schon viel Humor… (nachdenklich) Wie funktioniert eigentlich so ein Witz, rein theoretisch gesehen…?
DIESER: Und dann diese frömmelnden Fernseh-Fritzen… wenn die nicht senden wollen, weil es keinen juckt, fordert das Parlament eine breitere öffentliche Wahrnehmung, klar… und wenn die mal senden wollen und nicht dürfen, dann sind die die Beleidigten und beklagen die mangelnde Transparenz…
WIRT: …dargestellte Auflösung einer vorgestellten Einheit…
DIESER: …und außerdem, beim letzten Mal „U-Ausschuss live“ gab’s Rekordquoten, die sind stinksauer…
JENER (erneut fündig): Ha, da ist ja richtig…
WIRT: …Theater im Theater!
JENER: Haha, genau… ist der von dir?
WIRT (verdutzt): Liebegütenein, von Pirandello, so ein Italiener… Humortheoretiker.
DIESER: Vom Theater?
WIRT: Genau. Hateinmalgesagt… Humorist vergnügt sich damit die Wirklichkeit zu zerlegen, und man kann noch nicht einmal sagen, dass es ein wirkliches Vergnügen wäre.
JENER: Und wo ist da der Witz?
WIRT (achselzuckend): Für ihn war Humor Rettungsring, um nicht in Wirklichkeit zu versinken, theoretisch gesehen.
JENER: Theoretisch gesehen ganz wichtig ist beim Witz ja die Pointe…
WIRT: Pointe war, Pirandello hat noch den Humor besessen eines Tages der Faschistischen Partei Mussolinis beizutreten.
DIESER: Und was hat das jetzt mit dem Theater zu tun?
WIRT: Wasweißich… Gar nix, sag ich doch immer, Pointe ist Unsinn.
Im weiteren Verlauf des Abends kommt das Gespräch darauf zurück, was eigentlich aus den Griechen geworden ist, also den real existierenden, gegenständlichundaktuellvorhandenen. Man beginnt in der Zeitung zu blättern. Memento mori, sagt der Mixa von der Seite sieben. Am Nebentisch wehrt sich das Sein Form zu werden.
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Weiterführende Links:
Luigi Pirandello: Biographie und mehr des Deutschen Pirandello-Zentrums
Luigi Pirandello: Sekundärliteratur (deutsch/italienisch)
Gerhard Polt: „Nichtschwimmer“; Kabarett im Kabarett
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