Sehnsucht nach Moral

24. Mrz 2010 | von Markus Rackow | Kategorie: Politisches Buch
Schauplatz der Kür: das ARD-Hauptstadtstudio.

Die Buchpräsentation von Friedbert Pflügers „Macht und Moral“ über Richard von Weizsäcker schwankt zwischen Parteienschelte, Bonner Nostalgie, Fürbitte um klare Worte und Krönungsabend für Renate Künast: als Regierende oder gleich als Bundespräsidentin. Von Markus Rackow

Geradlinig sind die scharfen Betonecken, die kalten Metallstreben und die kühlen Glassfassaden des ARD-Hauptstadtquartiers. Insofern stehen sie in nichts den sich gegenüber erstreckenden Bundestagsgebäuden nach. Auch minutenlange Handyinterferenzen auf den Lautsprechern künden von elektrischen, aber wenig elektrisierten Zeiten. Nur Holzvertäfelungen an den Wänden und Bier vom Fass signalisieren: Hier soll es heute dann doch gemütlich werden.

Überhaupt soll es zwar geradlinig, aber auch glaubwürdig sein, ganz anders, als wie bei der Buchpräsentation des fiktiven Premierministers Adam Lang aus Polanskis „Der Ghostwriter“, die nur drei Parallelstraßen entfernt gedreht wurde. Nein, kein korrupter Ex-Exekutivchef steht an diesem Abend im Fokus, sondern Repräsentant Richard von Weizsäcker, heimlicher Noch-immer-Bundespräsident und eines der elder-statesmen-Orakel, die mit 90 oder jugendlichen 85 von der Presse hofiert werden, wie sie denn die Zeit der Habermasschen Unübersichtlichkeit angehen würden. Bei von Weizsäcker holt man da den Rat ein, den man vom dieser Tage gescholtenen und unglücklich agierenden Horst Köhler erwarten würde.

Sonnen unter von Weizsäckers Heiligenschein

Ein Hauch von Villa Hammerschmidt und Bonner Dörflichkeit weht an diesem Abend Sand in die Augen der Zuhörerschaft im ARD-Hauptstadtstudio. Es ist der 23. März und Richard von Weizsäckers 90ter rückt näher. Das ändert nichts daran, dass sein Antlitz und die Weisheit dieses moralischen Konservativen aus gutem Hause immer noch die Feuilletons schmückt. Und nebenbei schmücken sich der Autor der neue Biographie, Friedbert Pflüger, einst engster Mitarbeiter des Altbundespräsidenten, und Renate Künast, Grüne Verbraucherschutzministerin a. D. und Fraktionsvorsitzende, mit von Weizsäckers moralischer Autorität. Eins ist beiden Diskutanten unter der Moderation von Robin Lautenbach (RBB) und dem nicht anwesenden Geehrten gemein: Alle drei waren „Importe“ nach Westberlin und alle drei haben irgendwas mit dem Amt des Regierenden zu tun. Von Weizsäcker war es, Pflüger wollte es sein, Künast könnte es werden. Diese bemerkenswerte Parallele wird jedoch nicht ausgesprochen.

Überhaupt schwingt etwas Unausgesprochenes in der Luft: zunächst vor allem viel Ostiopathie, wenn es das gibt – will meinen: Bejammern der falsch angegangen Wiedervereinigung. Von Weizsäcker, der mit Brandt trotz ihrer verschiedenen Herkunft eine Geistesverwandtschaft geteilt habe, stand dessen Euphorie genauso skeptisch gegenüber wie dem plötzlichen Vorpreschen Kohls. Während alle vor Glück taumelten, habe der Bundespräsident damals den Mut gehabt, davor zu warnen, mit der Tür ins Haus zu fallen. Sein Appell zur Langsamkeit verhallte jedoch und ließ ihn eine Zeit isoliert zurück. Aber seine Worte haben bis heute Gewicht. Wird sich noch jemand an Horst Köhlers Reden erinnern in 30 Jahren?

Höfliches Sticheln gegen das Parteiestablishment

Pflüger würde gerne auch ins Stammbuch manches Politikers schreiben. Vorerst müssen Autogramme genügen.

Auch ein ganzer Stoß Frust entlädt sich hinter dem bürgerlich gehobenen Auftreten Pflügers und der stoisch freundlich, aber bestimmten Miene Künasts. Die abgebrühte Berliner Republik der Niebels, Westerwelles und Röslers lässt Begehrlichkeiten aufkommen nach dem Bonn der tugendhaften Schmidts, Brandts und vor allem von Weizsäckers – nur sind die alle einmalig. Die Abziehbilder der heutigen Parteienlandschaft, denen Pflüger in Anlehnung an ein Essay von Weizsäckers Machtbesessen- und Machtvergessenheit attestiert, sind hingegen austauschbar und gerade deshalb nur Spielbälle im Gestrüpp parteipolitischer Grabenkämpfe und Ämterklüngel. Hektik prägt das gedankenlose Nacheinander von Flügen, Lobbyismus und Sponsoring. Der Macht mangelt es an Moral, von Weizsäckers Abneigung gegenüber reiner Parteipolitik scheint dem Kohlschen Diktum der „Partei als Familie“ gewichen.

Auch Pflüger wirkt jedoch trotz kritischer Worte Richtung Regierung wie ein Zahnrad im Getriebe, wenn er wie eine Schallplatte Antworten abspult, die er schon in Interviews gegeben hat. “Wir haben niemanden, der sich äußert wie er“, bemängeln Pflüger und Künast unisono.

Was braucht es für einen guten Präsidenten?

Ein Bundespräsident müsse sich aus der Tagespolitik heraushalten, aber nicht gänzlich schweigen; mische er sich aber dennoch so konkret ein, wie Köhler das getan hat, dann setzt er sich Kritik aus. Gelächter brandet auf, als Künast sich amüsiert über Köhlers Äußerungen zu Benzinpreiserhöhungen, die Rot-Grün 1998 fast den Wahlsieg vermasselt hatten.

Ein Bundespräsident muss ein eigener Kopf sein, allgemeine Werthaltungen ausdrücken und nicht ins Räderwerk des Parlaments grätschen oder selbst mitdrehen. Von Weizsäcker sei als Berliner Lokalpolitiker im Westberliner Sumpf nicht versackt, weil er Anstand hatte und sich darüber hinwegzusetzen vermochte. Genauso wie er zu seiner legendären Rede zum 40. Jahrestag des 8. Mai als Erster vom „Tag der Befreiung“ sprach, der das damit verbundene Leid und die Niederlage überragt.

Solch klare Worte wünschen sich auch beide Gesprächspartner über die Wiedervereinigung. Daher fällt aus Pflügers Mund der Name Richard Schröder. Obzwar SPD-Mitglied und 1998 von Kanzler Schröder in Erwägung gezogen, hielt Pflüger diesen durch seine DDR-Erfahrung schon immer für geeignet für das Amt des Bundespräsidenten.

Renate Künast als heimliche Kandidatin?

Wer war an diesem Abend im Mittelpunkt? Von Weizsäcker, Pflüger oder doch Renate Künast?

Aber das ist vielleicht zuviel verlangt. 20 Jahre nach der Einheit und inmitten all des Parteiengezänks und des Nachreformlabyrinths wird kaum jemand klärende Worte finden. Vielleicht braucht es ja noch 20 Jahre. Dann wäre Renate Künast genau im richtigen Alter für das Amt des Bundespräsidenten. Wie ein Freudscher Versprecher erscheint so die einmal geäußerte Ergänzung: „Bundespräsident… oder Bundespräsidentin, es kann ja auch eine Frau sein“.

Die Kriterien erfüllt sie jedenfalls: Glaubwürdigkeit, klare Worte à la Berliner Schnauze nur ohne Dialekt. Auch die Kraft, unpopuläre Themen auf Vordermann zu bringen, hat sie als Verbraucherschutzministerin unter Beweis gestellt, war das doch damals ein Amt, nach dem sich nicht gerade alle die Finger leckten. Im Sumpf der Nahrungsindustrie hat sie sich wacker geschlagen.

Nur dreierlei fehlt: eine schwarz-grüne Mehrheit, die aber in Pflügers Augen „an der Zeit ist“, wenn – wie Künast einwirft – die Parteien ihre Markenzeichen behalten. Da hätte man bei ihr selbst wenig Sorge. Ein wenig fehlt ihr auch noch der intellektuelle Hauch, aber der stellt sich ja mit dem Alter ein. Und es mangelt noch am Amt des Regierenden, das ihr derzeit hinterhergerufen wird.

Ein Problem aber bleibt. Außerhalb dieses Abends wünschen sich die Regierungen doch lieber einen ruhigen Bundespräsidentin, der keine Probleme macht. Das könnte einer aufgeweckten Bundespräsidentin Künast, die um offene Worte nicht verlegen ist, genauso im Wege stehen wie der Parteiproporz. Aber wer weiß? Als CDU-Mitgift für Schwarz-Grün?

Jedenfalls ist es für klare Worte nicht leichter geworden. Unausgesprochenes liegt in der Luft, die aber immer dünner wird. So richtig verdaut ist die Berliner Republik noch nicht. Ist sie vielleicht selbst im Berliner Sumpf untergegangen?


Die Bildrechte liegen beim Autor.


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