Schokolade und Rassismus
3. August 2010 Zurecht ist unsere Gesellschaft stolz auf die Überwindung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Doch diese Errungenschaft reicht nicht aus. Bahnen sich unter dem Deckmantel eines redlichen Antirassismus vergessen geglaubte Ausschlussmechanismen ihren Weg? Ein Kommentar von Markus Rackow
Am 20. Juli erschien in der Lüneburger Landeszeitung im Rahmen der täglichen Kolumne, an jenem Tag betitelt mit „Voll daneben“, eine Anekdote über einen heiter gelaunten, übermütigen Bahnschaffner auf der Strecke Winsen-Lüneburg. Dieser habe „ausgelassen“ einen Spruch nach dem anderen auf die Fahrgäste abgelassen und einen dunkelhäutigen Mann mit „Schoko-Moko“ duzend um den Fahrausweis bat. Dieser entgegnete selbstsicher und souverän, „in akzentfreiem Hochdeutsch“, “ganz cool“, er habe sogar eine Visitenkarte und bitte als Anwalt um den Namen des Schaffners und dessen Dienstnummer. Abschließend verweist der mit einem Abkürzungs-Pseudonym (cst) signierende Autor darauf, dass die berufliche Zukunft des Kontrolleurs wohl eher schwarz und nicht so fröhlich aussehe.
Reingefallen! Oder steckt mehr in dieser Geschichte, die uns Lesern ein überlegenes, schadenfrohes Grinsen auf die Visage zaubert? Steht sie für mehr als nur einen Einzelfall?
Überhebliches Vor- und Verurteilen
Wahrhaft! Der Schaffner erledigt seine triste Arbeit – bei Arbeitstemperaturen von bis angeblich bis zu 70 Grad Celsius –, von gelangweilten Menschen die Fahrkarten entgegennehmend, weiterziehend den genervten Fahrgast wieder in die Obhut der vorbeirauschenden Bäume, Bahnmagazine oder Bücher zu entlassen. Der Störenfried Bahnschaffner, von Schoko(!)-Bonbons-Reklame süßlich verkitscht, wird von obigem Kolumnisten von vornherein belächelt und nicht ganz sicher ist, inwieweit die Aufgeschlossenheit des Kontrolleurs dem Kolumnisten von vornherein bereits übel aufgestoßen ist.
Die Äußerung des Schaffners ist freilich absolut indiskutabel, eine perverse, paternalistische Entgleisung in rassistischer, kolonialer Attitüde – allerdings sollte hier sich jeder in so fröhlichem Vorwurfston schreibende Kommentator in Bescheidenheit üben. Denn zum einen ist weniger die Äußerung das Fatale als vielmehr das hier zum Ausdruck kommende Bewusstsein; zum anderen ist der Schaffner doch dem allgemeinen Imperativ gefolgt, so zu sein und sich so zu geben, wie er ist. Mehr noch: Leutselig, überzufrieden dreinblickend soll er dem Kunden das Gefühl von Wärme, Geborgenheit, Vertrautheit schenken (wie sicher irgendwelche Schulungsunterlagen anmahnen), obwohl er jedem Passagier von Berufs wegen zunächst ein Misstrauen entgegenbringt, ihn als potenziellen Schwarzfahrer anruft. Der vergewaltigende Imperativ des stets freundlichen, vermeintlichen man-selbst-Seins, muss zu Widersprüchen und Entgleisungen führen.
Wiederaufkeimende Unterschichtsfeindlichkeit
Aber was hätte es genutzt, wenn der Schaffner geschwiegen oder diesen impertinenten Kommentar hinuntergeschluckt hätte? Das nun anstehende Gerichtsverfahren selbst ist ja erst die Vorraussetzung für ihn, eventuell zu lernen. Aber wieso kann diese Einsicht nicht von selbst kommen? Und wer kann festlegen, dass das „Schoko-Moko“ in all seiner schmutzigen Lächerlichkeit wirklich rassistisch motiviert war und nicht „nur“ Gefühle des Anwalts verletzt hat – was natürlich verwerflich, grausam, menschlich haltlos genug ist. Ebenfalls tragisch ist jedoch, dass die unbedachte, affektive Äußerung des ohnehin wenig privilegierten Schaffners seine wirtschaftliche Existenz ruinieren, vielleicht ein ganzes Leben aufgrund eines tief blicken lassenden sprachlichen Missgriffs arg in Mitleidenschaft ziehen dürfte. Wer weiß, ob nicht die exzessive Vermarktung und Warenästhetik, die rassistische Metaphern und Figuren mit Schokolade in Verbindung gebracht hat (siehe Fotos), also eine materielle Ursache, diese Abscheulichkeit in die Denkstrukturen des Schaffners getragen hat? Gehört nicht zu einer aufgeklärten Gesellschaft auch die Kraft und Generosität, der Geschichte, der Unterdrückung eines Jeden Rechnung zu tragen?
Das Dispositiv – also die zu einem festen Bündel geronnenen Regeln des Denkens und Sprechens –, das den ganzen Kommentar durchscheint, ist eine Form von Neo-Sozialdarwinismus, von bürgerlicher Unterschichtsaversion. Der Schaffner als Angestellter der untersten, unkosmopolitischen und bildungsfernen Dienstleistungsschicht des heutigen vermeintlich proletariatsfreien Kapitalismus spiegelt nur wider, was ihm alltäglich widerfährt. Er ist das Produkt seiner Erziehung in einem wahrscheinlich miefigen kleinbürgerlichen Dorfmilieu, Produkt der unendlichen Reihen an abweisenden Blicken und ihn als Ventil für Bahnschelte nutzenden Fahrgäste. Die Verachtung, die er überspielt, drückt sich aus in solch rassistisch-ideologischen Desideraten, die nach außen dringen, die vielleicht nicht mal böse gemeint sind, sondern sein beschränktes und bedrängtes Bild vom Menschen offenbaren.
Latenzen im Antirassismus
Die Losung kann nicht lauten, hier den Obama-Effekt zu wiederholen, indem ein farbiger Anwalt auch deshalb Vertrauen entgegengebracht wurde, nicht weil er Farbiger ist – wie böse Zungen im Vorwahlkampf meinten –, sondern weil er einen „weißen“ Beruf ausübte. Ähnlich wie im vorliegenden Fall wird der Anwalt vom Kolumnisten als Deutscher durch und durch egalisiert, entstammt er doch demselben sozioökonomischen Milieu wie der Kolumnist und spricht „akzentfrei“. Vieles deutet darauf hin, dass Rassismus oder Sexismus nicht nur Nebenwidersprüche sind, sondern mit dem ökonomischen Antagonismus auf einer Ebene zu verortende Widersprüche der gesellschaftlichen Verhältnisse sind, in denen wir leben (Intersektionalität); aber es darf nicht vergessen werden, dass diese eben auch und vor allem ökonomisch geprägt sind, sich miteinander vermengen. Ein so offen zur Schau getragener, sarkastischer, belehrender Antirassismus – so richtig er ist – ist wie ein überdrehtes Gewinde, bis zur Sehschwäche zu weit getrieben.
Was wäre gewesen, wenn der Anwalt in der Geschichte Asylbewerber gewesen wäre? Was wäre, wenn er nicht so perfektes Hochdeutsch gesprochen hätte? Wäre jemand eingesprungen, wenn der Anwalt gar kein Deutsch verstanden hätte? Was wäre gewesen, wenn er keine Fahrkarte gehabt hätte? Und was, wenn der Schaffner sich korrekt verhalten hätte, um dann abends in aller Stille im NPD-Ortsverein tätig zu werden oder seinen farbigen Nachbarn beim Hausmeister aufgrund von Lappalien anzuzeigen?
Erst wenn all diese Fragen mit Gewissheit als Unsinn abgetan werden können, erst dann ist der Rassismus wirklich überwunden; erst dann können wir selbstzufriedene Kolumnen schreiben, wenn Rasse als Kategorie unserer Wahrnehmung unbekannt ist. Eine rein formal-juristische, repressive Sanktionsstrategie vergisst, dass auch in der Gesellschaft und nicht nur im Einzelnen falsches Bewusstsein zu verorten ist, verschleiert diese bedenkliche Vermittlung. Der in der Kolumne sich zeigende Antirassismus, der den klassischen, biologistischen und den kulturalistischen Rassismus nur als Teile seiner selbst aufgehoben hat in eine neue Form sozialer Diskriminierung, kann nicht zufrieden stellen. Sarkasmus und respektvolle, aber kritische Vernunft schließen einander aus. “Kritisch” bedeutet, den Anspruch nicht aufzugeben, das Allgemeine im Besonderen zu sehen und nie Zorn oder Zynismus als legitimes Urteil zu verkennen.
Die Bildrechte liegen bei Maren Beßler/pixelio.de (Schaffner) sowie bei Rainer Z (Schaumkuss) und Stephan Windmüller (Sarotti Mohr) und unterliegen einer Creative Commons-Lizenz.
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