Schluss mit der Angst!

03. Sep 2010 | von Patrick Riordan | Kategorie: Politisches Buch

Die Angst vor mathematischen Formeln und Problemen sitzt vielen von uns seit der Schulzeit in den Knochen. Wer sich der Angst stellen möchte, sollte mit dem Buch von Günter M. Ziegler beginnen. Von Patrick Riordan

Das Jahr der Mathematik 2008 ist längst vorbei, der MatheMonatMai ebenfalls. Die Angst vor der Mathematik allerdings bleibt. Bei einigen zumindest, unabhängig vom Bildungsniveau. Angst vor Mathematik ergreift den Grundschüler, der den Zehnerübergang nicht begreift ebenso wie die Fünftklässlerin, die sich zum ersten Mal mit dem Binärsystem beschäftigen soll. Betroffen sind auch Studierende der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer, die gehofft hatten, durch ihre Studienfachwahl nie wieder mit mathematischen Problemen konfrontiert zu werden. Ein Trugschluss, führt man sich die immense Bedeutung der Statistik in Fächern wie Psychologie, Soziologie oder Politikwissenschaft vor Augen.

Eine Mission

Professor Günter M. Ziegler ist leidenschaftlicher Mathematiker. Mit dieser Leidenschaft einher geht offenbar das Bedürfnis, sich zu einem Anwalt dieses Fachs zu machen. Ziegler ist unter anderem Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung und Initiator des Jahres der Mathematik 2008. Und er hat mit Darf ich Zahlen? ein Buch geschrieben, das durchaus zur Imagepflege der Mathematik beitragen kann.

Ziegler findet, dass Respekt vor mathematischen Problemen, gerade vor den schwierigen, in der Tat angebracht ist. Doch Mathematik hat eben auch spannende Seiten, kreative Momente und herausragende – wenngleich nicht selten skurrile – Persönlichkeiten, vor denen man keine Angst haben muss. Ziel des Buches ist also das Aufräumen mit einigen, nicht mit allen, Klischees, die der Mathematik anhaften.

Dass einer wie Ziegler keine großen Probleme mit der Mathematik hat, überrascht eher wenig. Er studierte Mathematik in München und am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, bevor er mit 31 Jahren zum jüngsten Professor an der TU Berlin berufen wurde. Er ist ein ausgezeichneter Mathematiker, im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Leibniz-Preis und dem Communicator Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Alles außer langweilig

Der Autor mit einer ganz besonderen Zahl: Pi.

Das Thema, welches das Buch wie ein roter Faden durchzieht, ist die spannende, kreative, leidenschaftliche Seite eines Faches, das viele nur mit trockenen Formeln und Regeln verbinden. Die Entstehungsprozesse wichtiger Entdeckungen und die Kämpfe, die es in der Disziplin bisweilen bei großen Neuerungen gab, schildert Ziegler in fast packender Art und Weise.

Eine dieser Geschichten ist die des Streits zwischen Alfred Nobel und Gösta Mittag-Leffler, die als Grund dafür gilt, dass es keinen Nobelpreis für Mathematik gibt. Ziegler schildert, wie eine junge Mathematikerin, Sonja Kowalewskaja, möglicherweise schuld an dem Zwist der beiden Herren ist. Genau überliefert sei das jedoch nicht, weswegen Ziegler dann auch noch eine etwas nüchternere Erklärung anbietet: Nobel habe die Mathematik eben nicht als echte Wissenschaft betrachtet.

Omnipräsente Mathematik

Vielleicht spielt die Mathematik tatsächlich eine Sonderrolle unter den Wissenschaften, denn Mathematik steckt fast überall drin. Das behaupten Mathematiklehrer jedenfalls gerne, wenn sie sich Schülern gegenüber sehen, die beim besten Willen nicht wissen, wann sie später noch einmal eine quadratische Gleichung mit der „Mitternachtsformel“ auflösen können müssen. Ziegler nimmt man die Omnipräsenz der Mathematik allerdings ab, weil er glaubhaft darlegt, dass Mathematik uns schon umgibt, bevor wir zählen können.

Laut Ziegler bezeichne die Mathematik „die Eckfahnen und Torlinien eines Spielfelds, auf dem wir uns ganz unbeschwert bewegen.“ So behandelt das Buch denn auch Themen von Promis bis Wissenschaft, vom Lösen von Rätseln bis zum prognostizierenden Blick in die Zukunft. Ziegler will damit zeigen, dass die Welt der Mathematik uns allen gehört und eben nicht nur ein paar schrägen Vögeln, die sich mangels anderer Beschäftigung den ganzen Tag mit Zahlen befassen.

Wider den Mathematikermangel

Mit seinem Buch will Günter M. Ziegler zur Verbesserung des Images der Mathematik beitragen.

Glaubt man dem, was einige Funktionäre und Politiker zum Thema Mathematik zu sagen haben, herrscht in Deutschland ein Mangel an mathematisch gebildetem Fachpersonal: Es fehlen Ingenieure, Naturwissenschaftler, aber auch Mathe- und Physiklehrer. Vielleicht schreibt Ziegler auch gegen diesen Mangel an. In seinem Buch vermittelt er eine angenehm unaufgeregte Herangehensweise an die Mathematik, die es schwer macht, auszusteigen.

Der Schreibstil ist kurzweilig und die Beispiele so unterhaltsam, dass man Darf ich Zahlen? tatsächlich ungern zur Seite legt, bevor man erfahren hat, auf wie viele Stellen genau man derzeit die Kreiszahl Pi berechnen kann: Fabrice Bellard brachte es 2009 auf 2.699.999.999.000. Wer also eine gewisse Angst vor der Mathematik bei sich selbst diagnostiziert oder befürchtet, sollte zu diesem Buch greifen. Wer noch nie Angst vor Mathematik hatte, kann getrost auch einen ausführlichen Blick hineinwerfen, denn die meisten werden noch etwas lernen können. Und sei es, wie man die Gäste einer Party mit mal mehr, mal weniger relevantem Mathematikwissen beeindrucken kann. Zur Lektüre sind keine besonderen Mathematikkenntnisse erforderlich. Lediglich die Bereitschaft, der Mathematik mit einer gewissen Offenheit und Neugierde zu begegnen. Alle dürfen Zahlen.

Ziegler, Günter M.: „Darf ich Zahlen? Geschichten aus der Mathematik.“,
Piper Verlag, München, 2010, 272 Seiten
ISBN: 9783492053464, 19,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim Piper Verlag (Cover), Sven Paustian/Piper Verlag (Ziegler mit Pi und Portrait).


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