Ringen um Studienplatzvergabe

04. Mrz 2010 | von freier Autor | Kategorie: Kooperation mit politik.de

Studienplätze blieben frei

Nach dem Abflauen der Studentenproteste herrscht wieder das alljährliche Chaos bei der Vergabe der Studienplätze. Bildungsministerin Schavan will bis zum nächsten Wintersemester die Lösung gefunden haben. Von Birgit Schaubach

Was im Herbst vergangenen Jahres befürchtet wurde, ist erneut traurige Wahrheit geworden. Die Vergabe der Studienplätze im Wintersemester 2009/10 endete in einem Chaos. Eines, das sich durch lange Wartezeiten, aufwändige Nachrückverfahren und tausende freigebliebene Studienplätze auszeichnete.

Noch im vergangenen Sommer war eine Art Hochgefühl an deutschen Hochschulen und bei Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) zu beobachten. Bund und Länder einigten sich trotz Krise auf 18 Milliarden Euro mehr für den Bereich Bildung und Forschung. Rund 275.000 neue Studienplätze sollten damit bis zum Jahr 2019 geschaffen werden. Tatsächlich meldeten die Hochschulen im nun auslaufenden Wintersemester steigende Studentenzahlen sowie neue Höchststände bei Studienanfängern. Und doch blieben tausende Plätze unbesetzt!

Numerus Clausus und fehlender Dialog

Hintergrund für diese Misere ist die Platzverteilung an deutschen Hochschulen. Diese erfolgt mittlerweile in jedem zweiten Studienfach nach dem Numerus Clausus-Prinzip. Das Problem dieser Regelung aber liegt auf der Hand: Studienplatzanwärter bewerben sich an mehreren Unis gleichzeitig; zumeist aus Angst, am Ende ohne Studienplatz dazustehen. Durch diese Mehrfachbewerbungen entstehen aufwändige Nachrückverfahren seitens der Universitäten, die oftmals nicht fristgerecht abgeschlossen werden können. Die Folge: wertvolle Studienplätze bleiben einfach frei.

Die Ursache hierfür ist ein Zusammenspiel aus der unkoordinierten Absprache zwischen den Hochschulen und der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) sowie der Mehrfachbewerbungen von Studenten. Früher hatte die ZVS die Aufgabe, die Plätze aller zugangsbeschränkten Studienfächer in Deutschland zu verteilen. Hinter dieser gängigen Praxis steckte allerdings ein riesiges bürokratisches Ungetüm, welches weder die Studienplatzvergabe für Hochschulen noch die Anmeldung für Studenten einfach machte. Ab dem Jahr 2003 ging dann die Verantwortung für den Großteil der Studienplatzvergabe in Numerus Clausus-Fächern auf die Universitäten über. Die Desorganisation bei den Mehrfachbewerbungen blieb allerdings und das entscheidende Problem besteht weiterhin: Es gibt bislang kein zentrales System, das Doppelanmeldungen berücksichtigt.

Dieser Zustand ist seit Jahren bekannt und wiederholt sich von Semester zu Semester. Auch diesen Winter ist es wieder passiert. Laut einer von der Kultusministerkonferenz veröffentlichten Studie blieben mindestens 18.000 Studienplätze frei. Die Leidtragenden sind jedes Jahr aufs Neue die Studienanfänger.

Übergangslösung Restekiste

Eigens für dieses Problem sollte eigentlich die neu eingeführte Studienplatzbörse im Internet Abhilfe schaffen. Diese Übergangslösung sieht vor, dass sich die Universitäten zunächst auf Bewerbungsfristen einigen. Die nach diesen Fristen verbleibenden Studienplätze werden dann auf dem Internetportal für alle verfügbar gemacht. Studenten können sich auf der Webseite darüber informieren, wo sie eventuell noch eine Chance haben.

Das Interesse war groß, der Erfolg blieb aus. Die Restekiste für Studienplätze erfüllte nur bedingt ihren Zweck. Während sich die Kultusminister, vor allem aufgrund hoher Klickzahlen, zufrieden über das Internetportal äußerten, war für die Studierenden im Endeffekt kaum ein Unterschied zu erkennen. Das Portal ist nicht mehr als ein „schwarzes Brett“ im Internet.

Die Studien-Resteplatzbörse verhinderte weder ein langwieriges Bewerbungsverfahren für Studenten noch die bürokratisch komplizierten Nachrückverfahren an den einzelnen Hochschulen. Denn auch hier werden Mehrfachbewerbungen nicht systematisch berücksichtigt. Studienplätze blieben erneut frei. Ein Schlag ins Gesicht für jene, die durch das System nicht ihr Wunsch-Studium antreten konnten; für jene, die ihre Zusage erst zu Semesterbeginn erhalten haben und dadurch keine Zeit mehr für Wohnungssuche, Umzug und Vorbereitungen hatten und für jene, die ihren Wunschstudienplatz sogar erst nach der Immatrikulationsfrist zugeteilt bekamen.

„Dialogorientiertes Serviceverfahren“

Bundesbildungsministerin Annette Schavan

Doch wie das Chaos in den Griff bekommen? Parlamentarische Opposition, Hochschulgruppen und die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordern die Bundesregierung auf, schnellstens eine zentrale Regelung für die Studienplatzvergabe zu finden. Bildungsministerin Schavan wird wieder einmal Tatenlosigkeit vorgeworfen. Doch die Ministerin sprach sich dezidiert gegen eine gesetzliche Lösung aus. Schavan fürchtet um die Souveränität der Universitäten und sieht in einer entsprechenden „Regelung von oben“ einen Rückschritt in der Hochschulpolitik.

Um der Desorganisation in der Verwaltung Herr zu werden, sprechen Bildungsministerium, ZVS und Hochschulkonferenz von einem „onlinebasierten dialogorientierten Serviceverfahren“, das bis 2011 eingeführt werden soll. Was sich genau hinter dieser Ankündigung verbirgt, bleibt noch vage. Konkrete Konzepte gibt es noch nicht. Vom Bundesministerium in Auftrag gegeben wurde bis jetzt die Entwicklung eines Softwaresystems für das neue Verfahren. Laut Ministerin Schavan soll das neue Vergabesystem im kommenden Wintersemester einsatzbereit sein.

Doch das bezweifeln Kritiker. Ein solches Verfahren könne nur funktionieren, wenn sich alle Verantwortlichen effektiv daran beteiligten. Ziel sollte es sein, alle Studienplätze bereits Wochen vor Semesterbeginn zu vergeben. Studienanfänger hätten so genügend Zeit, sich auf den neuen Lebensabschnitt vorzubereiten. Ob Motivationsschreiben, Eignungstests und Prüfungen – die unterschiedlichen Auswahlkriterien an den Hochschulen zerren bereits an den Nerven der zukünftigen Studenten, die sich zudem mit Betreuungsnotstand, überfüllten Hörsälen und unflexiblen Modulen auseinandersetzen müssen.

Die Beseitigung der organisatorischen Mängel in der Studienplatzvergabe kann da nur der erste Schritt sein, die Zustände an deutschen Hochschulen deutlich zu verbessern.


Die Bildrechte liegen bei adesigna/Creative Commons Lizens (freie Studienplätze) und bei feldpress/Creative Commons Lizens (Schavan).


logo_politik_de_rgb_360_66Dieser Artikel erschien bereits bei unserem Kooperationspartner


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