Rationalität des Irrationalen
WM im Epeisodion; alle Spiele live. So auch Kamerun gegen Dänemark. Die Gedanken waren indes noch bei nachtretenden Nigerianern, der Tragik eines Triumphs sowie bei deutschen Durchhängern. Von Lennart Faix
Gestern im Epeisodion: Kamerun gegen Dänemark. Der Wirt, ein Häufchen Elend, versucht immer noch sein Weltbild den veränderten Bedingungen der historischen Gegenständlichkeit anzupassen. Dieser hadert derweil mit ausgelassenen Gelegenheiten und vergebenen Strafstößen. Jener, in der Bibliothek gewesen, sucht nach Antworten. Auf das Spiel achtet niemand so richtig.
Anpfiff: Kamerun wie ausgewechselt. Getrieben vom schlechten Gewissen, das erste Spiel verschlafen zu haben, legen sie los wie die Feuerwehr. Prompt gehen sie in Führung.
WIRT (verzweifelt): Kaitakaratekarte… Warum nur? Enyema… einfach daneben gegriffen… vielleicht der neue Ball…
DIESER (ebenfalls etwas erschüttert): Ich versteh das nicht. Erst kommt jeder Ball aufs Tor, dann geht jeder weit vorbei, und dann lassen die den trotzdem den Elfer schießen, dabei spricht doch alle Empirie gegen ihn…
JENER (konzentriert): Hier: „Nichtkontingenz… Mangel an direkt anwendbarer Erfahrung… Unfähigkeit, das Wesen einer Situation zu erfassen… Führt bei allen Lebewesen zu sofortiger Suche nach Ordnung und Erklärung…“
Die Dänen unter Dauerdruck, finden sich langsam, sortieren sich. Dann der lange Ball nach vorn. Ganz kühl gespielt, ganz abgeklärt abgeschlossen: Ausgleich, 1:1. Es geht hin und her. Endlich mal ein klasse Spiel…
DIESER: Überhaupt, dieser ganze zweite Spieltag, so komplett gegenläufig… nichts kommt, wie man es erwartet…
Im Folgenden flacht das Spiel etwas ab. Der Reporter verkündet beruhigt, das Spiel habe nun seine Ordnung gefunden.
JENER (zitiert weiter): „Der einzige Grund, warum uns eine Ordnung als ungewöhnlich erscheint, ist, dass wir aus Gründen, die nichts mit Wahrscheinlichkeit zu tun haben, ein bestimmte Definition von Ordnung haben…“
WIRT: Was ist da nur falsch gelaufen? Einfache Rechnung… wenn alle solidarisch handeln, kommen alle zum größten möglichen Nutzen… Und dann so ein Sieg, der alles vermasselt… So grausam, so irrational… Oh, Hellas, was musst du noch erleiden?
JENER: „…hingegen immer von der Perspektive des Beobachters… So glaubt etwa die Laborratte, sie habe den Versuchsleiter so trainiert, dass er ihr Futter bringt, sobald sie auf den Knopf…“
Nach dem Seitenwechsel geht es wieder rund: Kamerun wirbelt und kommt zu Chancen. Doch die Dänen lassen sich nicht aus dem Konzept bringen. Der nächste Konter rollt: Tor. Die Mannschaft, die einst so überraschend und unerklärlich Europameister wurde, eine Truppe aus lauter Urlaubern und Spaßkickern, heute spielt sie ganz sachlich, ganz nüchtern und rational.
WIRT (unvermittelt): Jagenaujetzthabichs… Wir werden Weltmeister! Wir holen den Titel, wie damals 2004, gegen alle Erwartungen, gegen jedes Kalkül, total irrational…
JENER: Hier: „Interpunktion… der vorgefundenen Wirklichkeit eine bestimmte Ordnung zuzuweisen… ohne diese Ordnung erschiene uns die Welt chaotisch, völlig unvorhersehbar und äußerst bedrohlich…“
WIRT: Umwetten, neu wetten! Gibt eh viel bessere Quoten… Telefon, Vermögensberater… Ich muss doch da noch irgendwo einen Bausparvertrag… oder meine Lebensversicherung… Oh, Hellas, verzeih mir meinen Unglauben…
Dann ertönt der Schlusspfiff. Das Feuerwerk der unbezähmbaren Löwen ist verraucht. Kamerun ist ausgeschieden, an gut sortierten Dänen gescheitert, gebändigt. Was bleibt ist nur der reuige Blick zurück aufs erste Spiel: Zu spät haben sie sich entschlossen, ihr Glück zu fordern, an sich zu glauben und zu kämpfen.
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Literaturempfehlung (zitiert):
Paul Watzlawick: “Wie wirklich ist die Wirklichkeit? – Wahn, Täuschung, Verstehen”
Piper, München 1976.
ISBN 3-492-02182-4
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