Privates statt Zentralbankgeld?

12. Mai 2010 | von Christoph Rohde | Kategorie: Politisches Buch

Gibt es Alternativen zum staatlichen Zentralbankwesen? Dieser bewusst provokativ gemeinten Frage widmet sich ein Sammelband von liberalen Denkern. Von Christoph Rohde

Die Friedrich-Naumann-Stiftung veranstaltete kürzlich die internationale Tagung Free Currency – the future of money in Potsdam, um die Bedeutung der Geldpolitik von Zentralbanken und alternative Steuerungsmodelle zu diskutieren. Das Ergebnis liegt jetzt in Form eines von Peter Altmiks, Referent der Stiftung editierten kleinen Sammelbandes vor: Im Schatten der Finanzkrise. Das Spektrum der Analyse beinhaltet nicht nur reine Geldtheorie, sondern auch ethische, wirtschaftshistorische und ordnungspolitische Aspekte der Geldpolitik. Insgesamt geht es darum, den Menschen die freie Wahl eines Zahlungsmittels zur Durchführung ihrer Geldtransaktionen zu ermöglichen. Einige der Konklusionen in den sechs Beiträgen wirken abenteuerlich, insgesamt ist die Fragestellung aber originell, aktuell und notwendig, zumal unlängst die Schuldenkrise in Griechenland die europäische Währungsunion und ihre Grundlagen in Frage stellt.

Ethik der Währungspolitik

Jörg Guido Hülsmann, Wirtschaftsprofessor an der Université d’Angers, kritisiert die Tatsache, dass die institutionellen Grundlagen der Geldpolitik als gegeben hingenommen werden. Dazu zählen die Monopolstellung der Zentralbanken sowie die Art der Verwendung von Papier- bzw. elektronischem Geld. Die künstliche und im Prinzip unbegrenzte Ausweitung der Geldmenge führt zur Privilegierung der Erstbenutzer dieses „geschaffenen“ Geldes. Das sind der Staat und die Finanzmärkte. Alle nachrangigen Nutzer sind von den willkürlichen Entscheidungen dieser Akteure abhängig – vor allem die Realwirtschaft.

Eine „falsche“ Geldmenge führt in der Regel zu einem marktinadäquaten Preis für dieses Geld, was einem Abweichen vom natürlichen Zinssatz entspringt. Wird der Zinssatz künstlich manipuliert, kommt es bei zu günstigem Geld zu einer Fehlverteilung von Ressourcen – kurzfristig zu Überinvestitionen und langfristig zu Firmenpleiten und wirtschaftlicher Stagnation. Ethisch ist für die Erstbenutzer des willkürlich geschaffenen Zentralbankgeldes keinerlei Anreiz gegeben, Vorsicht bei ihren Geldgeschäften walten zu lassen. Die Kosten fehlerhafter Spekulationen trägt die Allgemeinheit. Dieses Haftungsproblem ist bekannt, aber es wurden nach der Bankenkrise keine grundsätzlichen Schritte getan, um die politische Erpressbarkeit durch die Banken obsolet zu machen. Gerade aber um solch grundsätzliche Lösungen geht es den Autoren. Warum aber eine privatwirtschaftliche Geldproduktion- und verteilung diese Haftungsproblematik endgültig beseitigt, wird trotz allen Vertrauens in den Markt nicht vollständig plausibel gemacht.

Reform der globalen Geldordnung

„Das angestrebte Ziel der Reform des internationalen Geldwesens ist … die Schaffung einer internationalen Reservewährung, die von Einzelstaaten losgelöst ist und auf lange Sicht stabil bleibt und somit die bestehenden Fehlbeträge, die durch die kreditgestützten nationalen Währungen verursacht werden, ausgleichen kann.“ Das ist die Aussage des chinesischen Zentralbankchefs, Zhou Xiaochuan. Sie verdeutlicht, dass die Chinesen überraschenderweise die Desiderata klassischer liberaler Geldtheoretiker teilen, die sich folgendermaßen zusammenfassen lassen: Erstens muss der Wert einer globalen Reservewährung verankert sein, zweitens die Geldmenge dem natürlichen Angebots- und Nachfragezyklus ausgesetzt sein und damit zusammenhängend. Drittens dürfen nationale Regierungen die Geldmenge nicht durch eigene Manöver beeinflussen. Für liberale Theoretiker sind staatliche Garantien die Wurzelsünde, die Banken zu unvorsichtigem Verhalten provoziert.

Die Alternative – die evolutive Verbreitung von Privatgeld

Peter Altmiks

Natürlich lassen sich monetäre Systeme nicht von heute auf morgen radikal verändern. Überlegenswert ist jedoch ein „Währungswettbewerb als Evolutionsverfahren“. Frank Schäffler und Norbert F. Tofall, Vertreter der österreichischen Schule der Nationalökonomie fordern, dass die Menschen eine Wahl zwischen Vermögensgegenstände gedecktem Papier-, Buch- und Kreditgeld und herkömmlichem, ungedecktem Zentralbankgeld erhalten müssten. Die Autoren halten diese Wahl für eine Frage individueller Freiheit, denn solange die Bevölkerung von einer willkürlichen Geldschöpfung nicht legitimierter Institutionen abhängig ist, sind demokratische Prozesse ausgeschaltet. Die Geldvermehrung führe zur Existenz schlechten Geldes, welches von Geschäftsbanken über den Geldschöpfungsmultiplikator leicht vermehrbar ist. Die Folgen dieser „wundersamen Geldvermehrung“ sind nicht nur in der Bankenkrise von 2008 sichtbar geworden, sondern auch in der durch die griechische Schuldenpolitik bewirkten Währungskrise des Euro. Die Krise sei darauf zurückzuführen, dass die Regeln der Geldpolitik von Staaten, nicht aber vom unbestechlichen Markt gesetzt worden seien.

Wichtiges Thema, aber harte Kost

In weiteren Beiträgen beleuchtet George Selgin die Entstehung des Zentralbankenwesens, während Andreas Hoffmann und Ekkehard A. Köhler die Ursachen der Bankenkrise aus der Perspektive der Ordnungspolitik heraus darstellen, darin aber kaum von konventionellen Analysen wie von Hans-Werner Sinn abweichen.

Ohne Vorwissen in geldtheoretischen Fragestellungen sind die Beiträge dieses Buches nicht leicht zu verstehen. Für Insider aber fasst es wichtige Diskussionen aus Sicht eines ultra-libertären Ansatzes in vernünftiger Form zusammen. Es hilft zu verstehen, dass unser gesamtes Geldwesen auf schwankendem Grund steht, weil ordnungspolitische Prämissen von der politischen Willkür staatlicher Akteure in ihrer Umsetzung abhängig sind. Die privatwirtschaftlichen Alternativen der Geldproduktion und -distribution sind interessant, aber nur schwer umsetzbar. Allerdings gibt es beispielsweise in der Schweiz private Verrechnungssysteme zwischen Unternehmen, die offizielles Staatsgeld ersetzen. Solche empirischen Beispiele hätten die Ideen des Buches verständlicher machen können. Das Buch ist für Volkswirte, Journalisten und Finanzfachleute mit breiterem Horizont ein Muss. Und der Hintergrund der Währungskrise in der Europäischen Union macht das Thema aktueller denn je.

Altmiks, Peter (Hg.): “Im Schatten der Krise”
Olzog Verlag, München, 2010, 160 Seiten
ISBN 978-3-7892-8325-3, 24,90 Euro


Weiterführende Links:

Interview mit Peter Altmiks.


Die Bildrechte liegen beim Olzog Verlag (Cover) und bei der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (Porträtfoto).


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