Partisanenkrieg in Afghanistan
Der Militäreinsatz in Afghanistan droht zum Desaster zu werden. Die deutsche Politik sucht derweil nach einem passenden Begriff. Die Bezeichnung „Partisanenkrieg“ könnte sich hierbei als die zutreffendste erweisen. Von Niklas Allgaier
Die in Afghanistan getöteten Zivilisten, die gefallenen deutschen und afghanischen Soldaten scheinen zu verdeutlichen: In dem Land herrscht Krieg. Die Politik scheut jedoch die juristischen Konsequenzen, die sich aus diesem Begriff ergeben, und vermeidet eine eindeutige Benennung. Der Begriff des Partisanen- oder Guerillakrieges scheint die Situation in Afghanistan am zutreffendsten zu beschreiben: Die Regierung und eine Koalition aus Staaten, die sich zu einer gemeinsam agierenden Kriegspartei zusammengeschlossen haben, kämpfen unter Einsatz erheblicher Mittel mit Waffen und Gewalt gegen nichtreguläre Truppen. So wiederholt sich in Afghanistan die Geschichte.
Auch die Sowjet-Union wurde in die Knie gezwungen
Es war nie schwierig, in Afghanistan einzumarschieren; es als Sieger wieder zu verlassen, vermochten jedoch die wenigsten. Die Sowjetunion hatte in einem zermürbenden neunjährigen Guerillakrieg mit den Mudschaheddin zwischen 1979 und 1989 bis zu 120.000 Soldaten im Land. Wie die ISAF-Koalition heute, wollte auch Moskau staatliche Strukturen errichten und schaffte 100.000 neue Arbeitsplätze. Und trotzdem scheiterte die Mission. Die Zusammenhänge sind komplex, doch die Beschreibung der afghanischen Wirklichkeit als Partisanenkrieg kann helfen, zumindest einige Phänomene dieses Krieges zu erklären.
Der Partisanenkrieg findet meist Anwendung, wenn ein asymmetrisches Kräfteverhältnis vorherrscht. In diesem Fall ist er immer das Mittel der schwächeren Kriegspartei, die versucht, ihre Unterlegenheit an Ausrüstung und Anzahl in einen strategischen Vorteil umzuwandeln. Die Strategie der Partisanen ist die der räumlichen und zeitlichen Entgrenzung.
Räumliche und zeitliche Entgrenzung
Die erstere bedeutet im Falle Afghanistans: Ein unwegsames Gebiet bietet Möglichkeiten zum Rückzug und eröffnet gleichzeitig die Chance, den Gegner in einem für ihn unbekannten Gebiet in einen Hinterhalt zu locken. Das funktioniert sowohl in den Bergregionen des Hindukusch, als auch durch das Untertauchen in der Bevölkerung im urbanen Raum. Ziel dieser Taktik ist es, sich dem Feind zu entziehen oder ihn aus der Anonymität der Zivilbevölkerung heraus anzugreifen. Die 17 Menschen, die beispielsweise Anfang des Jahres in Kabul bei einem Anschlag der Taliban ums Leben kamen, sind Opfer genau dieser Taktik geworden.
Die zeitliche Entgrenzung bezieht sich auf die Dauer des Konfliktes. Ein Partisanenkrieg ist immer auch ein Ermattungskrieg, dessen Ziel es ist, die Kosten hochzuhalten und den Gegner zu demoralisieren. Nach dem Staatsrechtler Carl Schmitt zeichnet sich der Partisan durch einen tellurischen Charakter aus, das heißt er ist erd- und heimatverbunden und zieht daraus seine Motivation zu kämpfen. In Verbindung mit einer politisch oder religiös geprägten Weltanschauung kann dies eine innere Haltung der Unbedingtheit, eine große Kampfmoral und auch eine große Opferbereitschaft ausprägen.
Kampf um die Herzen der Bevölkerung
Die US-amerikanische Gesellschaft ist hingegen, insbesondere nach Vietnam, nicht mehr gewillt, hohe Verluste an Menschenleben in Kauf zu nehmen. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler spricht in diesem Zusammenhang von den „postheroischen Gesellschaften“ des Westens. Der Abzugsplan des US-Präsidenten auf der einen Seite und die terroristische Taktik der Selbstmordattentate auf der anderen, scheint diese Interpretation zu unterstützen.
Die wohl wichtigste Frage ist, wer den Kampf um den Rückhalt in der Bevölkerung gewinnt. Ein Kampf, der verloren geht, wenn eine Gewaltspirale in Gang gesetzt wird und die Zivilbevölkerung gleichzeitig Opfer militärischer Aktionen der Koalition und der Repression der Aufständischen wird. Im Partisanenkrieg wird die Trennung von Kombattant und Nicht-Kombattant aufgehoben. Der Partisan trägt keine Uniform und ist für den Gegner nicht mehr von der Zivilbevölkerung zu unterscheiden, die auf diese Weise zwischen die Fronten gerät. Auch die im Tanklaster-Bombardement von Kundus getöteten Zivilisten wurden angeblich fälschlicherweise für Partisanen gehalten.
Die Privatisierung des Krieges
In Afghanistan kommt erschwerend hinzu, dass die Privatisierung des Krieges schon weit fortgeschritten ist – also auch die Koalition nicht-reguläre Kombattanten in ihren Reihen birgt. Die Angestellten privater Sicherheitsfirmen stehen als Söldner außerhalb des Kriegsrechts, sind zumeist nicht in die Befehlskette der regulären Armee eingebunden und daher schwer zu kontrollieren. Das 2007 von Mitarbeitern der Sicherheitsfirma Blackwater begangene Massaker in Bagdad, bei dem 17 Zivilisten starben, zeugt von der Gefahr solch eines Engagements.
Wenn die zu erwartende Frühlingsoffensive der Taliban in Gang kommt, wird sich zumindest zeigen, ob dieser Partisanenkrieg von der ISAF überhaupt noch gewonnen werden kann. Schon jetzt sind geschätzte 30 bis 40 Prozent des Landes unter der Gebietsherrschaft von Aufständischen. So steht die ISAF nun vor der fast unmöglichen Aufgabe, den beschworenen „Kampf um die Herzen der afghanischen Bevölkerung“ und den Partisanenkrieg gleichzeitig gewinnen zu müssen. Wird eines dieser beiden Ziele verfehlt, sind die ersten Erfolge des zivilen Wiederaufbaus, dem sich auch die Bundeswehr verschrieben hat, hinfällig.
Die Bildrechte liegen bei Jim Downen (Soldaten) bzw. bei Chad J. McNeeley (Afghanen) und sind als Creative Commons lizensiert.
Dieser Beitrag ist Teil der Zusammenarbeit mit politik.de. Er erschien bei politik.de.
Weiterführender Link:
Seminararbeit zu Carl Schmitt: „Theorie des Partisanen“
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