OEKT 2010: Kirche ist von unten
Man muss nicht die Popstars Margot Käßmann und Hans Küng gesehen haben – der 2. Ökumenische Kirchentag (OEKT) erweist sich auch als Senfkorn, als Kraft der kleinen Dinge. Ein Veranstaltungsbericht von Christoph Rohde
Die Krise der Kirche(n) ist auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag atmosphärisch zu spüren. Nicht nur das graue, kalte Wetter, das den Hoffnungsmonat Mai ad absurdum führt, sondern auch die Stimmung in einigen Foren indizieren, dass der Frust und die Sorge einer tiefen gesellschaftlichen Krise nicht einfach durch das Motto hinweg gespült werden können. Der Eklat beim Missbrauchsforum, als ein Missbrauchsopfer die Podiumsteilnehmer laut beschimpfte, bestätigte symbolträchtig die Tatsache eines gesellschaftlichen Eliteversagens.
Glaube als Senfkorn
Der christliche Glaube hängt nicht ab von großen Bildern, riesigen Projekten und einer spektakulären Außendarstellung. Wie das Gleichnis vom Senfkorn zeigt, ist der Glaube eine eher unsichtbare Kraft, deren Ergebnisse sich langsam aber sicher im Leben unterschiedlichster Menschen zeigen. Deshalb gilt die gesellschaftskritische und elitekritische Diagnose nicht für die Graswurzelbewegung der Christen. Denn 5793 ehrenamtliche Helfer machten die Veranstaltung zu einem interaktiven, gemeinschaftlichen Erfolg für den einzelnen Gläubigen. Je kleiner die Veranstaltung, desto intensiver das Erleben und das Erlebnis. Auf der Ausstellungsfläche AGORA konnte man die biblische Lebensweise konkret nacherleben, sogar durch das Verkosten jüdischen Met-Weins. Neue Darstellungsformen vermögen der oft altbacken formulierten biblischen Botschaft neues Leben einzuhauchen.
Isolierte Ebenen
Wie groß die Kluft zwischen dem Klerus in der katholischen Kirche und der Basis mittlerweile ist, zeigte sich daran, dass sich selbst katholische Theologen in Bibelworkshops über die Streitfrage des gemeinsamen Abendmahls von Protestanten und Katholiken lustig machten. Für die „normalen Christen“ stellt dieser Sachverhalt ohnehin nur eine theologische Marginalie dar. Gemischtkonfessionelle Ehepaare nehmen, so wurde deutlich, an den Abendmahlsfeiern beider Kirchen teil, da sie beide Kirchen in paritätischer Weise zu besuchen pflegen. Die Kirche von unten ist nicht in der Krise, das ist die klare Bestandsaufnahme auf dem OEKT. Die evangelische Kirche verfügt mit der ehemaligen EKD-Vorsitzenden Margot Käßmann ohnehin über ein moralisch integres Zugpferd und ist dadurch mehr oder weniger elegant aus der Schusslinie herausgekommen.
Interreligiöser Dialog
Nach der „kleinen Ökumene“ zwischen Katholiken und Protestanten stand auch die „große Ökumene“ auf dem Programm, der interreligiöse Dialog. Im Münchner Gasteig, dem Ort der Philharmonie, versuchten zahlreiche Veranstaltungen, das Verständnis zwischen den Religionen zu fördern. Doch leider blieben die meisten Foren im Akademischen stecken und mieden die „heißen“ Themen wie die Existenz echter Parallelgesellschaften und die Ablehnung von Grundwerten der Heimatgesellschaft durch zahlreiche Migrantengruppen. Der Aufruf zum Dialog wirkte ein wenig weltfremd und „habermasianisch abgehoben“. Auch hielt sich die Besucherzahl bei diesen Foren in Grenzen. Einige Foren im sozialpolitischen Bereich waren inhaltlich sehr schwach. Einige Sprecher schienen sich zum ersten Mal in einer Panel-Situation zu befinden. Masse bedeutet eben auch auf dem Kirchentag nicht automatisch klasse…
Schwieriger Fall Missbrauch
Nur vier von 3039 Veranstaltungen auf dem Kirchentag hatten das Thema Missbrauch zum Thema. Denn das Konzept des OEKT stand schon lange fest bevor die Missbrauchskrise zum gesellschaftlichen Thema wurde. Doch das Dilemma wurde auch auf diesen wenigen Veranstaltungen deutlich. „Experten“ diskutieren und Opfer stören nur. So wurde das Verteilen der Porträtbilder von Missbrauchsopfern auf der größten Veranstaltung zu diesem Thema untersagt. Die Opfer hatten keinen Sprecher am Tisch, so dass die Diskussion im Grunde nicht aus dem publizistisch bekannten Rahmen ausbrechen konnte. Der Kirchentag entwickelt so seine eigene politische Korrektheit anstatt ein Experimentierfeld für zukünftige Lösungen zu sein.
Ebensowenig waren Lösungsansätze für die gesellschaftlich bedenklichen Entwicklungen im Bereich des Finanz- und Arbeitsmarkts zu vernehmen, da die kirchlichen Vertreter es nicht wagten über bloße Kritik hinauszugehen und eine echte Umkehr zu fordern. Kritische Töne waren nur auf der ungefährlichen professoralen Ebene zu vernehmen.
Das Programm
Der Verfasser hatte sich vorgenommen, zwölf vorher ausgewählte Veranstaltungen auf dem OEKT zu besuchen. Davon übrig blieben fünf. Zu sehr wurde er von der Vielfalt der Veranstaltungen, dem Strom der Menschenmassen, der spontanen Wahrnehmung von Gitarreneinlagen und dem Geruch von exotischen Gerichten aus seiner persönlichen Organisation heraus geworfen. Der OEKT ist eine Veranstaltung weiter Wege. Vielleicht aber ist das gut so, denn in der Bibel steht schließlich Der Geist weht wie er will … und möglicherweise war diese Art der Ablenkung dann aus transzendentaler Hinsicht sogar legitim.
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