Nur ein kleiner Stups
Menschen verhalten sich von Natur aus nicht rational. Interessanterweise fällen sie häufig gerade dann vernünftige Entscheidungen, wenn sie manipuliert werden. In Nudge zeigen Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein warum. Von Alexander Christoph
Das Rauchen aufhören, weniger Alkohol trinken, ein paar Pfunde abnehmen, mehr Geld auf die hohe Kante legen, täglich morgens joggen – gute Vorsätze gibt es viele, allerdings lassen wir nur selten den Worten Taten folgen. Wir sind zu behäbig, zu träge, verschieben unser Handeln lieber auf morgen anstatt heute damit zu beginnen. Was also tun? Eine Antwort geben Richard H. Thaler und Cass R. Sunsteins in Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt.
Sind wir nicht alle ein bisschen wie Mr. Spock und Homer Simpson?
Ein kleiner Stups in die richtige Richtung, nichts anderes ist ein Nudge auf deutsch, vom Staat oder von privaten Institutionen kann uns dabei helfen. Wir sparen zu wenig – dann überweist halt unser Arbeitgeber allmonatlich einen bestimmten Betrag von unserem Gehalt auf ein separates Sparkonto. Und in Sachen Ernährung greifen wir eher zum Salat oder anderen gesunden Gerichten, wenn sie am Anfang der Essensausgabe in der Kantine plaziert werden. Auch pinkeln Männer auf öffentlichen Toiletten weniger daneben, wenn sie ein Ziel – wie einen Aufkleber in Form einer Fliege oder ein winziges Plastiktor – im Pissoir sehen. Drei Beispiele unter vielen, wie auf das Handeln von uns allen Einfluss ausgeübt werden kann.
Weshalb? Weil wir laut Thaler und Sunstein alle ein bisschen sind wie Mr. Spock und Homer Simpson zugleich. Einerseits sind wir Menschen berechnend, klug abwägend und weitsichtig, ein Homo oeconomicus eben, für den die Wirtschaftlichkeit des Handelns im Vordergrund steht. Anderseits unterscheidet uns wenig von einem Steinzeitmenschen. Als Homo sapiens sind wir ein vernunftbegabtes Wesen, lassen uns jedoch oft vom Bauchgefühl leiten.
Wer kennt das nicht? Wir schlendern auf einem Volksfest umher, wollen eigentlich gar nichts essen, doch die Currywurst oder der Krapfen riechen so verführerisch. Und schon greifen wir zu. Ein anderes Beispiel: „Robert will stets nur Safer Sex praktizieren – aber im entscheidenden Moment denkt er an ganz andere Dinge.“ Kurzum: „Mr. Spock versucht unser langfristiges Wohlergehen zu fördern, muss dabei aber mit den Gefühlen, dem Mutwillen und dem Eigensinn von Homer zurechtkommen, der all den aufregenden Versuchungen ausgesetzt ist.“
Konzerne machen sich das Verhalten des Menschen zu Nutze
Folgt man der Argumentation von Thaler, einem Professor für Verhaltensökonomie an der Universität Chicago, und Sunstein, einem Juristen und Inhaber des Felix-Frankfurter-Lehrstuhls an der Harvard Law School, machen sich sogenannte Entscheidungsarchitekten dieses Verhalten bereits jetzt zu Nutze. Denn sie entwickeln Verfahren, mit denen sich die Reaktion eines Menschen in eine bestimmte Richtung beeinflussen lässt. Standardeinstellungen bei Handys oder am Computer sind ein solcher Nudge. Allerdings muss dieser „leicht und ohne großen Aufwand zu umgehen sein. Er ist nur Anstoß, keine Anordnung.“
Ihre Theorie nennen sie deshalb „libertären Paternalismus“. Mit anderen Worten: „Alle Menschen sollen generell frei entscheiden können, was sie tun und was sie lieber ablehnen wollen“ – und dass trotz der Bevormundung durch den Staat. Ein Paradox, das keins sein soll: Auf der eine Seite die größtmögliche Freiheit, auf der anderen die notwendige Bevormundung. Was folgt daraus? Wenn die Menschen letzten Endes für sich gute Entscheidungen treffen, rechtfertigt das in der Konsequenz auch kleinere Manipulationen an ihnen.
Locker, ironisch und witzig wird nach dem starken Staat gerufen
Obwohl Thaler und Sunstein Wissenschaftler sind, liest sich das Buch nicht wie eine staubtrockene intellektuelle Abhandlung. Im Gegenteil: Das Buch kommt meist locker daher, mit einem gewissen Grad an Ironie und Witz. Dabei erklären sie nicht nur, warum Menschen leicht beeinflussbar sind, sondern auch, wie die Gesellschaft von kleinen Eingriffen enorm profitieren kann. Letztendlich liefe ihr Konzept auf einen starken Staat hinaus, der für seine Bürger das Beste will und deswegen durch entsprechende Vorgaben auf bestimmte Verhaltensweisen hinwirkt.
Freilich, ein Kritikpunkt an der Theorie bleibt: Obwohl sich das Konzept sicherlich in vielen Bereichen anwenden lässt, gibt es Grenzen. Nur ein Beispiel: Mit der Produktwahl in Supermärkten wollen uns die Unternehmen – nach Thaler und Sunstein also die Entscheidungsarchitekten – nicht unbedingt zu unserem Glück zwingen, sondern sie wollen die profitträchtigste Ware an den Mann oder die Frau bringen.
Thaler, Richard H.; Sunstein, Cass R.
Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt
(2009), Berlin, Econ Verlag
389 Seiten, ISBN 978-3-430-20081-3, 22,90 Euro
Das Bildrechte liegen beim Econ Verlag (Cover) sowie bei Richard H. Thaler and Cass R. Sunstein.
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