New Orleans – „Big Easy“ wieder auferstanden
Nach dem desaströsen Hurrikan Katrina erlebt New Orleans einen neuen Aufschwung. Die Psychologie spielte dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Ein Reisebericht von Christoph Rohde
Dienstag, der 16. Februar in New Orleans. 1,5 Millionen Menschen tanzen und feiern auf den Straßen des French Quarter, der Canal Street und auf der Promenade des Mississippi. Es ist Mardi Gras, die amerikanische Version des Karneval, die Fans aus den ganzen USA und darüber hinaus anzieht. Indianisch gekleidete Anhänger des Zulu, des Königs des Karnevals, ziehen mit ihren Wagen durch die Straßen der Kultstadt Louisianas. Viele Menschen sind verkleidet, aber nur wenige wirklich originell. Wenn man durch die berühmte Bourbon Street geht – man wird aufgrund des Platzmangels mehr oder weniger geschoben –, dann fliegen robuste Perlenschnüre in verschiedenen Farben (beads) von den Balkonen der wunderschönen französischen Häuser des gleichnamigen Viertels. Die Menschen geben, sie lachen, sie lassen die Tragödie hinter sich. In Gesprächen mit ihnen hört man, dass ihnen die Wirtschaftskrise nichts anhaben kann, weil sie eine existenzielle Katastrophe überstanden haben – einen apokalyptisch ausgeprägten Hurrikan. Louisiana, einst von den Franzosen im sogenannten Louisiana Purchase für 15 Millionen Dollar an die USA verschachert, steht neben dem Wiederaufbau vor weiteren großen Herausforderungen. Die Versalzung der Süßwasserreserven durch Wassermengen aus dem Golf von Mexiko ist eine von diesen.
Eine Woche voller Feiern und Paraden
Der Karneval in New Orleans findet jedes Jahr statt, aber ein Ereignis hat die Stimmung und Psychologie der Stadt nachhaltig zum Positiven hin beeinflusst. Die New Orleans Saints haben völlig überraschend den Superbowl im American Football gewonnen und werten dies als glorreiches Zeichen der Rückkehr in erfolgreiche Zeiten. Seit dem 10. Februar, der Siegesparade der Saints, feiert die Stadt ununterbrochen. Das ist mehr als ein Vergnügen, das ist eine innere Befreiung, ein Comeback. Man spricht davon, dass die Ain’ts, was so viel bedeutet wie die Unfähigen, zu den Saints geworden sind.
Ein Aufschwung in der Ökonomie
New Orleans erlebt einen großen ökonomischen Boom. Der ist nicht nur durch den Wiederaufbau bedingt und die Rückkehr tausender Menschen, die in der Not nach Texas, Tennessee oder ins nahe Baton Rouge umgezogen waren. Die Stadt hatte durch den Hurrikan 125.000 Einwohner verloren, ein Fünftel davon ist wieder zurück, Tendenz steigend. Die Mississippi-Metropole hat ihre Stärken – Geschichte, Kultur, Musik, ihre literarische Ader, Museen – weiter ausgebaut. Neue, modernere Hotels sind entstanden – Gastronomie und Tourismus boomen. Riesige, bis zu 70 Stockwerke hohe Hotelkonglomerate von Marriott bis Sheraton bilden eine beeindruckende Skyline, die durch die Canal Street in nordöstlicher und der Camp Street in südwestlicher Richtung geteilt wird. Man kann auf drei Streetcar-Linien die Stadt erkunden; die 1,25 Dollar muss man jedoch passend haben, um sie in den Slot beim Fahrer einwerfen zu können. Ansonsten wird der ganz schön unfreundlich.
Natürlich hat auch das Glücksspiel weiterhin seinen Platz. Allerdings hatten radikale Christen nach Katrina behauptet, dass die Stadt der Glücksspieler, der Schwulen und Trinker konsequenterweise von Gott heimgesucht worden sei. Diese Hypothese muss man nicht teilen, aber die Menschen, die nach New Orleans kommen, wollen sich in der Tat eher weltlichen Genüssen hingeben. Aber zu diesen gehört eben auch eine ganze Menge anspruchsvoller Kunst. New Orleans ist eben auch Bourbon Street, wo sich die Jazz-Bars hintereinander reihen. Und voller Ironie kann man den stärksten Cocktail für 8 Dollar genießen – Hurrikan Katrina…
Vieles noch nicht wieder restauriert
Aber es sind die Stadtteile zwischen dem Mississippi und dem Lake Pontchartrain, die weiter nach Zerstörung aussehen. Die neu aufgebauten Häuser unterliegen Auflagen, sie müssen mindestens vier Fuß höher gebaut und mit einer Backsteinfassade abgesichert sein. Viele Gebäude werden noch heute abgerissen. In einem besonderen Projekt, in das Brad Pitt und Angelina Jolie einige Millionen Dollar eingebracht haben, wird besonders die Restauration der Häuser von wenig abgesicherten Musikern unterstützt.
Kraftquelle Energie
Vor der Küste Louisianas, im Golf von Mexiko, befindet sich die größte Erdölförderung der USA. Dies hat natürlich Einfluss auf den Staat. Sehr viele Strommasten verunstalten die Landschaft der Metairie parallel zum Mississippi, aber sie bringen eben wichtige Einnahmen. Dazu führt mit dem Causeway die längste über Wasser führende Brücke über den Pontchartrain zu einer Halbinsel. Die Brücke ist 38 Kilometer lang. Fünf Mal kann man umkehren von einer Spur auf die andere. Zwischen dem Mississippi und dem Pontchartrain brach das Wasser während des Hurrikans in viele Viertel von New Orleans ein. Mein Taxifahrer hat sein Haus jetzt auf acht Fuß hohe Stelzen gebaut; er vertraut den erhöhten Deichen immer noch nicht.
Die Geschichte des Jazz…
…nimmt hier ihren Anfang. Hunderte von Jazz-Lokalen und spontane Auftritte von Jazz-Bands auf der Straße kunden von dieser großartigen Tradition. Man swingt durch die Straßen, der Dixie-Sound macht das Leben für die Passanten leichter. Eine wunderbare Atmosphäre verdeckt einige doch sichtbare Probleme in der Stadt. So liegt sogar an prominenten Ecken des French Quarter der Müll herum. Und sehr viele Obdachlose siedeln in den Häuserschluchten, die etwa fünf Blocks von der Bourbon Street beginnen. Doch irgendwie sind auch diese freundlich, lebensbejahend, wirken nicht etwa bedrohlich. Es war auch wunderbar, auf dem einzigen noch existierenden Dampfschiff Nanchez einen Lunch zu sich zu nehmen – begleitet von dem beruhigenden Rattern des Rad-Gewerkes.
Die Crescent City – man sollte sie gesehen haben…
Auch wenn ich offiziell für eine arg trockene, anonyme, großräumige Politikkonferenz in New Orleans war, so muss ich sagen, dass es für mich eine enorme Bereicherung war, mit Leuten über die Entwicklung der halbmondförmigen (crescent) Stadt gesprochen zu haben. Sie sind einerseits optimistisch, auf der anderen Seite schimpfen zwei von drei Leuten auf Barack Obama und meinen sogar, er gehöre impeached, weil er den Staat heillos verschulde und dennoch nichts bewege. Welch ein Kontrast zu Europa, wo Obama weiter als Heilsbringer gefeiert wird. Aber der Süden ist ein eigenes Pflaster in den USA. Und so kann der typische Louisianer mit so wenig Washington wie möglich gut leben. Aber die wetteranfällige Stadt wird auch in Zukunft Bundeszuschüsse zur Bewältigung von Unwettern benötigen…
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