Kirchen suchen gesellschaftliche Rolle

17. Mai 2010 | von Christoph Rohde | Kategorie: Gesellschaft

Auch Regen kann Gläubige nicht vom Gottesdienst fernhalten.

Die Welt ist aus den Fugen geraten, aber die Kirchen sind zu sehr mit sich beschäftigt, um eine wirkliche Orientierung geben zu können. Ein Veranstaltungsbericht von Christoph Rohde

Die Besucherzahlen des 2. Ökumenischen Kirchentages (OEKT) sind beeindruckend, aber die Krise der Großkirche(n) ist noch lange nicht beendet: Dies ist das Fazit eines Kirchentages, dessen Schatten nicht nur aus den dicken Wolken resultierte, die die Open Air-Veranstaltungen eintrübten. Missbrauchsskandale und eine Marginalisierung eigener Inhalte rütteln am Gefüge der Institution Kirche im 21. Jahrhundert.

Kirche zwischen Klerus und Basis

Während „draußen in der Welt“ die Hölle los ist – Finanzkrise, Umweltkatastrophen, demographisch bedenkliche Entwicklungen, soziale Umbrüche ohne Rezepte – wälzt sich die katholische Kirche im eigenen Sud. Mehr selbstmitleidig als klar und zielgerichtet widmet man sich der Missbrauchskrise. Bis auf einige Ausnahmen wie der Münchner Erzbischof Reinhard Marx lavieren geistliche Amtsträger herum, wenn es darum geht, Reformen bestehender atavistischer Systeme anzupacken. Zu groß ist die Angst, Traditionen und Hierarchien in Frage zu stellen, die Amtsträgern eine materielle Basis und Ansehen verleihen und die durch das Postulat der Ämternachfolge des Petrus gerechtfertigt werden. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann kündigt die Einrichtung eines Think Tanks an, der Regeln wie das Zölibat überprüfen soll. Vielleicht entsteht so eine erste Verbindung zwischen Klerus und Basis.

Das Festhalten an uralten katholischen Dogmen hingegen erinnert an die Flucht in eine Welt theologischer Spitzfindigkeiten, weil Kirchenvertreter für die harten Realitäten einer sich dramatisch wandelnden Welt keine einfachen Antworten mehr anbieten können. Die Verteidigung des „wahren Abendmahls“ wirkt doch arg sektiererisch in einer Zeit, in der die Kirche durch Austritte und innere Zerwürfnisse auf einen Abgrund zutreibt wie eine Nussschale auf gefährliche Stromschnellen. Nicht umsonst fordert der katholische Präsident des Kirchentages, Alois Glück (CSU), eine radikale Veränderung in seiner Kirche. Dies impliziert auch die verstärkte Integration von Laien in die Arbeitsprozesse kirchlicher Dienstleistungsstrukturen, und das nicht nur aus finanziellen Gründen.

Käßmann steht für eine „andere Welt“

Bischof Reinhard Marx und das Kirchenvolk: Reformen werden gefordert.

Die evangelische Kirche hat mit ihrer „Sünderin“ Margot Käßmann eine neue „Maria Magdalena“, die volksnah wirkt, da sie authentisch und durchaus fehlbar agiert und damit jene Heuchelei meidet, die sich durch viele politische, gesellschaftliche und religiöse Organisationen zieht. „Erst wenn versucht wird, aus der Kirche eine Art übermenschliches Reich des absolut Guten und Unfehlbaren zu machen, kommt es zu Verstecken, Vertuschen, Heuchelei“, sagte sie auf einer Veranstaltung während des Kirchentages. Die Menschen sind von den leisen, etwas esoterisch wirkenden, die Emotionen einfangenden Tönen der ehemaligen EKD-Vorsitzenden fasziniert. Denn sie werden dadurch ein wenig aus den Ängsten und Sorgen des Alltags hinaus in ein Reich innerer Harmonie katapultiert.

Zwischen Tradition und Postmoderne

Der 2. OEKT erwies sich wieder einmal als „Markt der Möglichkeiten“. Menschen lassen sich von den etablierten Kirchen keine Rituale mehr vorschreiben, sondern basteln selber an einem subjektiven Glaubensformat. Die Kluft zwischen denen, die Religion als Privatsache für sich und ihre Sinngebung annehmen und denen, die Religion als Institution und Interessenvertreter repräsentieren, war nicht zu übersehen.
Interessant ist jedoch, dass auch jüngere Leute bei ihren Glaubensmodellen nicht auf traditionelle Werte, Lieder, Liturgien und Ausdrucksformen verzichten wollen. Die klassischen christlichen Botschaften werden aber in multimedialer Weise dargestellt und verbreitet. Auffällig war, dass auf vielen Veranstaltungen einerseits sehr viele junge Leute zwischen 16 und 25 Jahren anwesend waren und andererseits Ältere ab 55 die Publikumsforen füllten. Es scheint fast, als habe lediglich die Generation der Geburtenjahrgänge ab 1964 bis 1975 „den Glauben verloren“…

Zwischen gesellschaftlicher Integrität und Gesellschaftskritik

"Stay and Pray": Offene Kirche als Lösung?

Die Kirche hat lange auf der Klaviatur des Kapitalismus mitgespielt, solange es gut lief. Kritisches Potenzial kommt nur verschämt zum Vorschein. Schließlich sind die Kirchen bei ihren milliardenschweren Einnahmen selber eifrige Akteure auf dem Kapitalmarkt. Erst mit der Enzyklika Caritas in Veritate wagt sich der Papst aus der Deckung und formuliert eine deutliche Kapitalismuskritik. Der Einfluss von christlichen Gewerkschaften wie der Katholischen Arbeitnehmerbewegung innerhalb der Kirche(n) nimmt jedoch zu und damit die Forderung von innen an die Kirche, ein Pfeiler gegen die heidnischen Exzesse der kapitalistischen Götzendiener zu sein. Aber auch hier müssen die Großkirchen zuerst glaubwürdige Akteure werden. Denn der Kirchentag verhehlte nicht die Tatsache, dass die Kirchen als Arbeitgeber selber auf Strategien wie Lohndumping und die Verweigerung von Mitbestimmung zurückgreifen. Wer selber sündigt, kann eben von anderen nicht glaubwürdig eine Verhaltensänderung einfordern…

Ökumene bleibt einzige Antwort

Die Kirchenkrise zieht einen erheblichen Mitgliederschwund nach sich. Das Verbindende der Ökumene, die Einheit in Werten und Sinnsystemen, bleibt der Weg aus der Krise. Dies ist der vorherrschende Geist, der von einem Kirchentag ausging, bei dem nicht nur zwei Religionen die Annäherung suchten, sondern auch die orthodoxe Kirche und freie Gemeinden in Abläufe und Diskurse einbezogen wurden. Diese Tatsache spiegelte sich sowohl in einer gemeinsamen orthodoxen Vesper (Bild der 1000 Tische) auf dem Odeonsplatz als auch beim Abschlussgottesdienst am Sonntag auf der Theresienwiese wider. Damit die Kirche eine ernstzunehmende gesellschaftliche Kraft bei der Durchsetzung von Menschenwürde und sozialer Gerechtigkeit sein (bleiben) kann, muss sie im Sinne des Predigers Salomo folgenden Satz beherzigen:
Sprüche 15,22: Die Pläne werden zunichte, wo man nicht miteinander berät; wo aber viele Ratgeber sind, da gelingen sie.


Die Bildrechte liegen beim Autor.


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Ökumenischer Kirchentag 2010

Kirche ist von unten

Religion macht Frieden

Schlagworte: , , , , , ,
Optionen: »Kirchen suchen gesellschaftliche Rolle« bewertenArtikel drucken | Artikel per E-Mail versenden

Artikel in sozialen Netzwerken teilen:

Kommentar hinterlassen

Twitter Nutzer - Mit deinem Twitteraccount bei /e-politik.de/ anmelden: