Kartenhaus Weltfinanzsystem

02. Jun 2010 | von Christoph Rohde | Kategorie: Politisches Buch

Die Krisen im Finanzsystem können nicht durch kosmetische Veränderungen behoben werden, sondern bedürfen profunder Reformen, meint die in Bildungsfragen engagierte Stiftung Forum für Verantwortung. Von Christoph Rohde

Das Kartenhaus Weltfinanzsystem, so lautet der Titel eines von den Wirtschaftswissenschaftlern Wolfgang Eichhorn (TH Karlsruhe) und Dirk Solte aus dem Forum für Verantwortung verfassten Buches, dessen Titel Programm ist. Ist das Finanzsystem wirklich so fragil wie ein Kartenhaus? Basierend auf dieser Metapher wird die Weltwirtschaft aus historischer und gegenwärtiger Perspektive in ihrer gewachsenen Komplexität analysiert. Allerdings setzen die Autoren auf ein vereinfachendes Modell der Geldschöpfung, das in Fachkreisen umstritten ist.

Die Rahmenbedingungen der Krise(n)

Der immer häufiger stattfindende Wechsel von Boom und Krise im globalen Wirtschaftssystem stellt für Eichhorn und Solte den Anlass dar, zu prüfen, welche Defekte im Wirtschaftssystem diese unkontrollierbaren Ausschläge bedingen. Dazu liefern sie eine ausführliche Theorie des Geldes, die das Verständnis für die Zerbrechlichkeit und Spekulationsanfälligkeit des gegenwärtigen Finanzsystems verbessern soll. Die Autoren machen eine „Wechselwirkung zwischen einer defizitären Fiskalpolitik und einer inflationären Geldpolitik in einer rezessiven Wirtschaft“ aus, eine Konstellation, die sie bereits aus der Bibel und Goethes Faust kennen. Auch schon in der Antike versuchten politische Herrscher, ihre überbordenden Ausgaben durch Schulden zu finanzieren. Um diese wieder loszuwerden, wurde das Geld dann entwertet. Hinter diesem perfiden Kalkül steckt ein System, welches für nicht Eingeweihte kaum zu durchschauen ist, und oft wohl auch nicht mehr für die so genannten Experten.

Die unkontrollierte Erzeugung von Schwellgeld

Dirk Solte

Die unkontrollierte Ausweitung von nicht durch einen realen Gegenwert gedeckten Geldwerten stellt für den Mainstream der Ökonomen die zentrale Ursache der Banken- und Finanzkrise dar. Dabei wird die herrschende Geldphilosophie der international bedeutenden Notenbanken wie beispielsweise der amerikanischen Federal Reserve oder der Europäischen Zentralbank scharf angegriffen. Für Eichhorn und Solte liegt das Problem jedoch im aus ihrer Sicht überhaupt nicht steuerbaren Konzept der Geldschöpfung über die Erzeugung ungedeckten Schwellgeldes.

Das Schwellgeldkonzept ist eine Vorstellung, die in wirtschaftswissenschaftlichen Kreisen höchst umstritten ist. Es geht davon aus, dass die einmal festgelegte Zentralbankgeldmenge von Geschäftsbanken jenseits einer Mindestreserveanforderung beliebig vermehrt werden kann. Denn das Schwellgeld ist eben kein Zentralbankgeld, sondern nur ein Geldversprechen, das besagt, dass das über einen Kredit vermittelte Geld zu einem bestimmten Zeitpunkt als Zentralbankgeld zurückbezahlt wird.

Dieses System ineinander verschachtelter Kredite ist jedoch so undurchschaubar geworden, dass durch diese Versprechen eine gewaltige Menge an Schwellgeld entstanden ist, die zu einer riesigen Kluft zwischen Real- und Finanzwirtschaft geführt hat. Kritiker des Schwellgeldkonzepts machen hingegen das bewusst von Finanzinstituten konzipierte Schattenbanksystem für die Finanzkrise verantwortlich. Das Problem liegt dann in der inoffiziellen Geldschöpfung, die über die Verbriefung von Krediten stattfindet, die dazu führt, dass Geldwerte mittels fremdkapitalfinanzierter Hebelwirkungen wie von Geisterhand vermehrt werden. Die Profiteure sind die nicht haftenden Kreditgeber, die ihre Risiken einfach loswerden können. Bekannte Wirtschaftswissenschaftler wie Paul Krugman oder Hans-Werner Sinn halten die Zentralbankgeldmengensteuerung für wissenschaftlich steuerbar.

Eine ökosoziale Revolution

Wolfgang Eichhorn

Während die Dysfunktionalitäten des gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftssystems von den Autoren mit anschaulichen Metaphern dargestellt werden, wird die Argumentation dünner, wenn es um die Realisierungschancen von Reformen geht. Schließlich sind Begriffe wie „Nachhaltigkeit“ und „ökosozialer Umbau“ mittlerweile einer breiten Öffentlichkeit bekannt und vernachlässigen oft in der globalen Gesellschaft vorherrschende Sachzwänge. Die Schwäche des Buches liegt daher darin, dass die Autoren vor allem auf bestehende Institutionen setzen, wenn es um konkrete Veränderungen geht anstatt plausible institutionelle Alternativen aufzuzeigen.

Denn wieso sollten Einsichten plötzlich zu Handlungen führen, wo die bestehenden Machtstrukturen bis dato profunde Veränderungen verhindert haben? Diese Art von Sozialromantik verkennt den konflikthaften Charakter des sozioökonomischen Modells, auf welchem unsere Wirtschaft prinzipiell beruht. Warum soll beispielsweise die G20 auf einmal universelle ökologische und sozialpolitische Lösungen durchsetzen, obwohl der Klimagipfel von Kopenhagen die relative Unmöglichkeit global wirksamer Verträge bereits überdeutlich aufzeigte? Die Autoren fliehen in eine machtvergessene Welt, in der idealistische Lösungen leicht zu konzipieren, aber kaum durchzusetzen sind.

Ein hilfreicher Weckruf

Das Forum für Verantwortung hat ein leicht lesbares Buch veröffentlicht, das es einer breiten Öffentlichkeit erlaubt, die Zusammenhänge im fragilen Geldwesen besser zu verstehen. In dieser Hinsicht ist das Buch wichtig, denn es hilft, die Debatte um die Finanzkrise zu versachlichen, die oft von ehrlicher, aber sachunkundiger Empörung charakterisiert ist. Der 150 Seiten lange Text wird durch einen ausführlichen Anhang ergänzt, der wichtige Begriffe und Institutionen erklärt. Das Buch, das sich gezielt an zivilgesellschaftliche Multiplikatoren wendet, ist aufgrund seiner breiten inhaltlichen Fundierung und Verständlichkeit auch einer breiten Öffentlichkeit zur Lektüre zu empfehlen, weniger jedoch für Wissenschaftler geeignet.

Eichhorn, Wolfgang/Solte, Dirk: Das Kartenhaus Weltfinanzsystem – Rückblick – Analyse – Ausblick
S. Fischer Verlag
, Frankfurt am Main, 2009, 272 Seiten
ISBN: 978-3-596-18503-0, 9,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim S. Fischer Verlag (Cover), Wolfgang Eichhorn (Eigenes Porträt) und Dirk Solte (Eigenes Porträt).


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