Hiroshima: Stadt mit Mission

06. Aug 2010 | von Nona Schulte-Römer | Kategorie: Internationale Politik
Sieht friedlich aus, ist aber ein Mahnmal des Schreckens: der Genbaku-Dom, in dessen unmittelbarer Nähe die Bombe detonierte.

Mit dem Wiederaufbau der Stadt nach der Atombombe hat Japan der Welt ein Mahnmal für den Frieden geschenkt. 65 Jahre später kommen Touristenscharen, um sich schaudernd von der Geschichte einholen zu lassen. Von Nona Schulte-Römer

Die Atombombe detoniert am 6. August 1945 gegen acht Uhr morgens. In 580 Metern Höhe am wolkenlosen Himmel über Hiroshima. Ohne Vorwarnung. Die Sommerhitze hat sich noch nicht über die Stadt gelegt, als die Explosion Häuser, Tiere und geschätzte 80.000 Menschen in Sekundenbruchteilen verdampfen lässt. 65 Jahre später überquere ich als Touristin die T-förmige  Aioi-Brücke, die den US-Piloten des Bombers Enola Gay als Zielpunkt für den Abwurf von „Little Boy“ gedient hatte.

Zynisch: Der strahlend blaue Himmel

Der Kenotaph zur Erinnerung an die Opfer und das Friedensmuseum im Hintergrund.

Im Jahr 2010 ist Hiroshima eine moderne Stadt. Eine der Hauptattraktionen ist der so genannte Atombomben-Dom, die Überreste der ehemaligen Industrie- und Handelskammer. Hiroshima, der einstige Sitz der zweiten Armee Japans, ist heute eine Touristenattraktion mit Friedensmission. Um den Kenotaph, das Friedensmuseum und das Denkmal für die unschuldigen Opfer des US-Angriffs werden Unterschriftenlisten herumgereicht und von bereitwilligen Besuchern unterschrieben. Unter dem Eindruck der vor Ort versammelten Geschichte, so scheint mir, erhält das japanische Kleingedruckte unhinterfragbare Richtigkeit. Ich unterschreibe im Gefühlsdusel ganz ohne englische Übersetzung.

Um mich herum herrscht ein reges Treiben aus Straßenbahnen, Autos und Passanten. Im Fluss treiben keine verbrannten Leichen und keine schreienden Sterbenden. Aber ich kann die Vorstellung nicht verdrängen, denn gerade komme ich aus dem Museum, wo ich die Zeichnungen von Überlebenden und Fotos gesehen habe. Der Himmel ist zynisch blau und wir reißen makabere Witze über den strahlenden Sonnenschein.

Attraktion des Grauens und grausames Kalkül

Am Sadako-Denkmal gedenken die Besucher der Spätfolgen des Angriffs.

Auch ich teste als Touristin die Grenzen des Grauens. Ich habe bewusst in Hiroshima und nicht etwa in Osaka Halt gemacht. Ich besuche das Museum, vergewissere mich dessen, was ich schon wusste und erfahre neue Details eines von langer Hand vorbereiteten kriegerischen Einsatzes: dem Abwurf der ersten Atombombe über Hiroshima und der bislang letzten über Nagasaki drei Tage später, am 9. August 1945.

Nachdem beide Städte als Ziele feststanden, so erfahre ich im Museum, waren sie von konventionellen US-Luftangriffen verschont geblieben, um später ein unverfälschtes Zeugnis von der Schlagkraft der Nuklearangriffe abzugeben. Vor mir in der Vitrine sind die geschmolzenen Brotbüchsen von Schulkindern, die an einer Mauer pulverisierte Asche eines Menschen und eine Übersicht der trotz Atomwaffensperrvertrag verbleibenden atomaren Sprengköpfe auf unserer Erde ausgestellt.

Das politische Ziel der USA wurde 1945 erreicht. Am 15. August erklärte Kaiser Hirohito die bedingungslose Kapitulation Japans. Den hohen Preis des Weltkriegs bezahlte die Bevölkerung in Raten. Einige Monate später war die Zahl der Toten aufgrund der Spätfolgen der Nuklearstrahlung auf 200.000 gestiegen. In einer US-geführte Krankenstation wurden die Strahlenschäden von Krebserkrankungen bis zu Gendefekten medizinisch behandeln und erforscht.

Papierner Frieden

Origami-Kraniche falten – auch eine Art des Erinnerns.

Eines der Opfer, ein junges Mädchen, erlangte traurige Berühmtheit. An Leukämie erkrankt hatte sie ihre ganze Hoffnung in eine Legende gesetzt, der zufolge die Götter jedem einen Wunsch erfüllen, der 1000 Origami-Kraniche faltet. Sadako Sasakis Wunsch zu leben wurde nicht erhört, sie starb mit zwölf Jahren am 25. Oktober 1955. Im Friedenspark, unweit des Atombombenbunkers, wurde ihr ein Denkmal errichtet, umgeben von Schaukästen voll tausender bunter Papierkraniche. Auch die Stadtväter Hiroshimas protestieren auf Papier. Seit Jahren senden die amtierenden Bürgermeister Briefe und Faxe an die Regierungen all jener Länder dieser Welt, die über Nuklearwaffen verfügen.

Zurück im Hostel erzählt die junge Japanerin am Empfang, dass bis heute Hibakusha, wie die Überlebenden des Angriffs genannt werden, in Bars von ihren Erlebnissen berichten. Sie findet es wichtig, die Erinnerung an 1945 so lange wie möglich wach zu halten und von Hiroshima aus weiterhin für nukleare Abrüstung zu werben. Ich kann ihr nur zustimmen und falte, weil Papier geduldig ist, einen Kranich.


Die Bildrechte liegen bei /e-politik.de/-Autorin Nona Schulte-Römer.


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Warten auf den neuen START

Der Iran bastelt an der Bombe

Wie wir lernen, die Kernkraft zu lieben

Schlagworte: , ,
Optionen: »Hiroshima: Stadt mit Mission« bewertenArtikel drucken | Artikel per E-Mail versenden

Artikel in sozialen Netzwerken teilen:

Kommentar hinterlassen

Twitter Nutzer - Mit deinem Twitteraccount bei /e-politik.de/ anmelden: