Goldfisch und Silberlinge
Wenn der Staatshaushalt ein bisschen aus den Fugen geraten ist, sind kreative Lösungsmöglichkeiten gefragt. Verzicht kommt da weniger gut an. Irgendwer wird schon im richtigen Moment ein Auge zudrücken. Das hofft man auch am Tresen des Epeisodion. Von Sören Sgries
Später Abend. Am Tresen des Epeisodion sitzt einsam ein leicht ergrauter Familienvater, vor ihm ein halb geleertes Viertele Trollinger, daneben eine kleine Pyramide leerer Ouzo-Gläser. Der Wirt entstaubt seine Steinkrug-Sammlung. Die kleine Statue der Venus von Milo thront in einer schummrigen Nische. Irgendetwas an ihr scheint verändert. Da wird plötzlich die Tür aufgerissen, der zweite Familienvater eilt schwungvoll aus der Kälte herein.
DIESER: Entschuldige die Verspätung. (zum Wirt) Ein Weizen bitte… nein, nicht im Steinkrug, im Glas, bitteschön!
Der Wirt verstaut seinen Krug wieder über der Theke und verschwindet grummelnd im Hinterzimmer. DIESER legt vorsichtig einen durchsichtigen, wassergefüllten Plastikbeutel auf den Tisch. Ein Goldfisch guckt mit großen Augen ins Epeisodion.
JENER: (neugierig) Was ist denn das?
DIESER: Ein Koi. 150 Euro.
JENER: Was?! Aber das ist doch ein einfacher…
DIESER: … Goldfisch, ich weiß. Aber für meine Frau wird es ein Koi sein. Schweineteuer.
JENER: Weil…?
DIESER: Weil sie Panik schiebt wegen dieser Griechenland-Geschichte. Europa geht pleite, wir verhungern, wir müssen sparen, ich bin zu oft mit dir einen trinken – und da musste ich einen Schlussstrich ziehen. (lächelt verschmitzt) Von den Griechen lernen, heißt mit List siegen lernen. Doppelte Buchführung, ist das Stichwort. Fünf Kröten für den Goldfisch, fünf Mäuse für eine Blanko-Quittung, und schon habe ich 140 Euro für Weizen und Ouzo. Genial einfach. Genial griechisch.
JENER schweigt verdutzt. Starrt Beutel und Fisch an. Sucht Augenkontakt mit der Venus. Greift schließlich unter den Tisch, zieht einen durchsichtigen Plastikbeutel hervor. Legt ihn auf die Theke. Zahlreiche DVD-Hüllen mit handbeschriebenem Cover blicken daraus hervor.
DIESER: Und das ist…?
JENER: Das Freizeitvergnügen meines Sohnes. Und seine Einnahmequelle. Rund 60 Spiele für seine Playstation 3 – und, streng genommen, Hehlerware. Alles geklaut, hat er irgendwo billig erstanden und wollte es jetzt verticken.
DIESER: (entsetzt) Das ist ja kriminell!
JENER: Dachte ich auch. Aber dann habe ich überlegt: Mit geklauten CDs lässt sich jede Menge Geld machen. Scheint ja nicht mal verboten zu sein, machen die da Oben doch auch.
DIESER: Aber…
JENER: Nix aber. Der Zweck heiligt die Mittel und so. (verstummt kurz) Und notfalls zeige ich mich halt selbst an.
DIESER: Naja, vielleicht klappt’s ja.
JENER: Wird’s. Und für dich ist es ja auch nicht schlecht.
DIESER: (lacht trocken) Darf ich dich im Knast besuchen?
JENER: Nein. (schüttelt den Kopf) Heute geht auf mich. Dann musst du nächsten Monat keinen Esel als trojanisches Pferd anpreisen, um…
Der Wirt taucht aus dem Hinterzimmer wieder auf, in einer Hand ein leicht staubiges Weizenglas, in der anderen ein Staubtuch. Wirft den beiden an der Theke einen missmutigen Blick zu. Wischt nachlässig durch das Glas. JENER wendet verlegen seinen Blick ab, mustert die Venus von Milo im Dämmerlicht, die schief grinst und irgendwie eine Augenbinde zu tragen scheint.
Die Bildrechte liegen bei /e-politik.de/-Autor Sören Sgries.
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Mitunter wäre es nützlich Erich Kästner zu lesen:
Kleine Rechenaufgabe
Allein ging jedem Alles schief.
Da packte sie die Wut.
Sie bildeten ein Kollektiv
und glaubten, nun sei‘s gut.
Sie blinzelten mit viel Geduld
der Zukunft ins Gesicht.
Es blieb, wie‘s war. Was war dran schuld?
Die Rechnung stimmte nicht.
Addiert die Null zehntausend Mal!
Rechnet‘s nur gründlich aus!
Multipliziert‘s mit jeder Zahl!
Steht Kopf! Es bleibt euch keine Wahl:
Zum Schluß kommt Null heraus.