Ein Jesus, an den man glauben kann

05. Mai 2010 | von Christoph Rohde | Kategorie: Politisches Buch

Jesus Christus hat die Welt geprägt wie kein Anderer. Peter Seewald zeigt, dass es auch im 21. Jahrhundert viele Gründe dafür gibt, an ihn als den Sohn Gottes zu glauben. Von Christoph Rohde

Peter Seewald, ehemaliger Redakteur des stern und Spiegel sowie Papst-Biograph, versucht ein theologiefreies Buch über Jesus Christus zu schreiben, ohne dabei Tiefe und Beweiskraft vermissen zu lassen. Es ist ihm gelungen, auch wenn diverse Theologen dies teilweise vehement bestreiten. Doch das Buch ist auch für nicht-gläubige Menschen spannend zu lesen. Denn die aufwändige Biographie enthält Wissenswertes über die drei monotheistischen Religionen des Orients.

Eine parallele Reise durch Gegenwart und Geschichte

Den Rahmen der Biographie bildet der Dialog zwischen gegenwärtigen Erlebnissen einer investigativen Reise und den Eindrücken aus dem Eintauchen in die Religionsgeschichte. Seewald lässt die Geschichte Christi lebendig werden. Indem er seine subjektive Erfahrungswelt, seine Gefühle auf den Spuren des Nazareners und seine Betroffenheit über die gegenwärtige politische Lage in den Gegenden, in denen Christus wandelte, authentisch darstellt. Es ist keine plumpe Bestätigungsgeschichte eines Glaubensapologeten, sondern ein Nachspüren, dessen subjektive Dimension dem Leser Raum für eigene Bewertungen gibt. Die Betroffenheit über die gegenwärtige Militarisierung des „Heiligen Landes“ kommt dabei offen zum Vorschein.

Die Authentizität der Quellen

Sehr wichtig ist in Bezug auf die Person Christi zwangsläufig die Zuverlässigkeit der über ihn berichtenden Quellen – obwohl ja die poststrukturalistische Philosophie die Transportfähigkeit übergeordneter Wahrheiten durch Text im Allgemeinen bestreitet. Und ein Beweispfad der Authentizität liegt für Seewald darin, dass die Evangelien menschliche Schwächen und Verfehlungen schonungslos aufdecken. Selbst Dinge, die dem Zeitgeist und den Wertvorstellungen der Evangelisten widersprechen wie Jesus’ zwangloser Umgang mit Prostituierten und gesellschaftlichen Außenseitern, werden kompromisslos dargestellt. Es geht nicht um die Verteidigung von Weltbildern, sondern um die klare Darstellung der Mission Christi, die sich von den politisch-revolutionären Vorstellungen seiner Zeitgenossen radikal unterscheidet. Seewald verwendet große Mühe darauf, das intellektuelle und politische Klima in Israel des ersten Jahrhunderts unter römischer Herrschaft darzustellen, um so die Andersartigkeit der jesuanischen Revolution heraus arbeiten zu können.

Klarer Anti-Antisemitismus

Peter Seewald

Sehr klar analysiert Seewald die Tiefenschichten des Evangeliums. Die Darstellung der Begegnung Jesu mit einer samaritischen Heidin aus dem vierten Kapitel des Johannes-Evangeliums überzeugt. Denn an Hand dieses Dialoges wird gezeigt, wie revolutionär Christus mit bestehenden Konventionen und Gewohnheiten aufräumt. Hintergrund ist dabei die jüdische Tradition, dass es Juden nicht gestattet war, mit heidnischen Frauen überhaupt zu sprechen. Geschweige denn ein tiefenpsychologisches Gespräch zu führen, wie Jesus dies tat, um der Heidin zum Glauben an ihn als Messias für die ganze Welt zu verhelfen.

Die Bewunderung für die jüdische Kultur im Allgemeinen und die Rolle der Juden als Volk Gottes im Speziellen verhehlt der Autor nicht – im Gegenteil. Er will ausdrücklich eine konstruktive Verbindung zwischen dem jüdischen Volk und dem Christentum herstellen. Dafür findet sich kein Wort an Kritik an der gegenwärtigen Besatzungspolitik Israels in den Palästinensergebieten.

Wider die modernen Kritiker

Die Kritik an der Religion und deren teilweise Berechtigung wird in dieser Biographie nicht verschwiegen. Doch Seewald kritisiert diejenigen, die bestimmte politische Anwendungen und Missbräuche des Christentums mit der Person Christi und seiner Botschaft in einen Topf werfen wollen. In das Fadenkreuz seiner Kritik geraten einerseits liberale Theologen beider Konfessionen, aber auch Atheisten wie Richard Dawkins. Immer wieder rekurriert er auf der zutiefst nicht-sektiererischen Handlungsweise des Nazareners. Im Evangelium werde nicht ausgeschlossen, sondern integriert – nicht lehrmäßig verengt, sondern der Horizont tolerant erweitert – Jesus sei nicht der Ideologe für eine Elite gewesen, sondern der ehrliche Anwalt für die Unterprivilegierten. Jeder menschlich-institutionelle Versuch, Christus zu imitieren, muss deshalb unvollkommen bleiben. Die Biographie leitet den Leser an, die Person Christi mit Fantasie zu entdecken und ihre Bedeutung kritisch nachspürend erfassen zu können. Gerade in den Zeiten, indem die christliche Kirche als Institution nach den Missbrauchsfällen in die moralische Defensive geraten ist, ist die Rückbesinnung auf den Begründer der Religion sinnvoll. Denn er hat wie kein anderer seine eigene Person ins Zentrum der Religion gestellt, gerade um einer willkürlichen Ideologisierung des Glaubens durch Textmanipulation vorzubeugen.

Aufforderung zu einer spirituellen Reise

So wie das Evangelium als Reisegeschichte angelegt ist, so ist es auch die Biographie Seewalds. Er schildert einen Prozess des Unterwegs Seins, ein Mitgehen mit Jesus, um ihn kennen zu lernen, nicht nur intellektuell, sondern auch emotional. Die spirituelle Reise fordert heraus, eigene Maßstäbe zu prüfen. In diesem Sinne reicht die Leseerfahrung über die gewöhnliche Rezeption eines Buches hinaus. Der Leser wird unvermeidlich mit dem Absolutheitsanspruch des Christus konfrontiert. Der Text ist so unaufdringlich, dass der Leser nicht genötigt wird, selber einen konkreten Gottglauben aufzubauen. Dennoch ist das Buch sehr subjektiv. Doch dies ist positiv zu bewerten, weil die damit verbundene Begeisterung des Autors für sein Untersuchungssubjekt eine Reibung bewirkt, die den Leser unvermeidlich weiter treibt – in seiner Affirmation oder in seiner Kritik. Papst Benedikt XVI. hat das Buch höchstpersönlich gelesen und zur Lektüre empfohlen.

Seewald, Peter: “Jesus Christus – Die Biographie”
Verlag Droemer Knaur, München, 2009, 704 Seiten
ISBN 978-3-629-02192-2, 24,95 Euro


Weiterführende Links:

Interview mit Peter Seewald


Die Bildrechte liegen beim Verlag Droemer Knaur (Cover) und bei Paul Badde (Portrait Peter Seewald).


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3 Kommentare
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  1. Hallo,

    Christus hat also de facto gelebt und das ist eine gesichterte historische Kenntnis – nur die Poststrukturalisten können daran noch zweifeln. Diese ist für eine “Biographie” schon eine starke Behauptung!

    “Politisch” ist dieses Buch wohl, weil es ein Journalist geschrieben hat – ein anderer “Grund” kommt mir jedenfalls nicht in den Sinn.

    Etwas mehr Distanz von Autor und Rezensent – zum religiösen sowie historischen Jesus – hätte dem Projekt nicht geschadet.

  2. Wenn ich mal als Autor antworten darf: So einfach ist das nicht darstellbar. Die Quellenlage über Christus und Bibel ist weit besser als bei anderen antiken Quellen, das wird auch von Kritikern zugestanden. Es ist nicht in, affirmativ zu sein in einer Rezension. Aber leider sind heute Journalisten entweder PR-Schreiber oder Kritikaster oft ohne allzu viel Sachverstand.
    Politisch ist das Buch, weil sich ein Spiegel-Redakteur zum christlichen Glauben bekennt, wohl eine seltene Sache.

  3. Hallo,

    Ich habe nichts dagegen, ein Buch zu loben!

    Mir ging es eher um die Unterscheidung zwischen dem religiösen und dem historischen Jesus. Es macht keinen Sinn, über den religiösen Jesus eine Biographie zu schreiben, denn (1) das ist ja genau die Bibel und (2) dürfte dann keine weitere Quelle hinzugezogen werden. Die Quellenlage über den historischen Jesus und seine Zeit ist gut – ganz genau! Leider scheinen mir die Rezension und das Buch gerade dies nicht zur Kenntnis zu nehmen.

    Kurzum, ich wollte keine Glaubensdebatte anstoßen, aber es wurde mir eben nicht klar, um welchen Jesus es sich hier überhaupt dreht — das halte ich jedoch für zentral.

    Ich bezweifle, dass dieses Buch das religiöse “coming out” von Herrn Seebald ist; somit wäre nicht mal das politisch. Herr Seebald ist doch allein auf Grund seines Berufes und seiner Religion in Deutschland noch kein Politikum. Dazu bräuchte er einen anderen Job…

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