Ein gigantischer Raubzug

06. Aug 2010 | von Bert Grosse | Kategorie: Politisches Buch

Ohne Zweifel hatte die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg mehr zu leiden als jede andere Nation. Doch wie Bogdan Musial belegt, existierten bereits während des Kampfes gegen Nazi-Deutschland umfassende Pläne für den eigenen ökonomischen Aufstieg durch Aneignung fremder Technologie. Von Bert Große

284.500 – mit dieser unvorstellbaren Größe wird die Gesamtzahl an „Ausrüstungseinheiten“ beziffert, die durch die sowjetischen Machthaber in Ostdeutschland und Polen bis November 1946 demontiert wurde. Nicht zu Unrecht trägt Bogdan Musials Studie zur Geschichte sowjetischer Demontagen den Titel Stalins Beutezug. Die Siegermacht des Zweiten Weltkriegs folgte einem ausgeklügelten Plan, um die Technologieführerschaft des Dritten Reichs für die eigene Wirtschaft zu nutzen.

Stalins Beutekommandos, die der Roten Armee folgten, hatten Verwendung für jede Form von Schwer- und Metallindustrie, Motoren und Anlagen zur Energieversorgung. Aber Musial führt auch mehr als 9000 Transportmittel, fast 20.000 Anlagen der chemischen Industrie und sogar 103 Telefonanlagen auf, die demontiert wurden.

Qualmende Schlote im „Ruhrgebiet des Ostens“

Vor dem Krieg waren die bolschewistische Sowjetunion und das Deutsche Reich verhältnismäßig enge Handelspartner. Der Rohstofflieferant bezog vor allem Werkzeugmaschinen, war aber nicht imstande, den technologischen Vorsprung der Deutschen entscheidend zu verringern. Folgerichtig überrannten die zu ihrer Zeit führenden deutschen Panzer und Flugzeuge die sowjetischen Verteidiger. Wie Musial ausführt, konnten die Nazi-Aggressoren nur durch die gnadenlose Mobilisierung der gesamten sowjetischen Bevölkerung gestoppt werden. Ein immenses Aufrüstungsprogramm, vor allem bei Panzern, war die Konsequenz.

Im Februar 1945 eroberten die Einheiten der 1. Ukrainischen Front unter Marschall Iwan Konew Oberschlesien, das „Ruhrgebiet des Ostens“. Nahezu unversehrt, weil alle deutschen Bestrebungen der Evakuierung Theorie blieben und Albert Speer Hitlers Befehl der „verbrannten Erde“ gezielt unterlief. „Nach der Besetzung schrieb Konew geradezu euphorisch an Stalin: Ein wundersamer Anblick tat sich vor mir auf. Ein ganzer Wald von Fabrikschloten und Zechen dehnt sich schier endlos bis zum rauchverhangenen Horizont.“

Haarsträubender Dilettantismus bei der Demontage

Ein "Wald von Schloten" prägte das Bild Oberschlesiens. Hier ein Kraftwerk in Bobrek bei Beuthen, um 1930.

Stalin und seine Expertenkommission GKO drängten in Polen, Rumänien, der Tschechoslowakei, Österreich und Deutschland zur Eile. Noch vor Festlegung der alliierten Besatzungssektoren sollten so viele Anlagen wie irgend möglich demontiert werden, denn in Stalins Verständnis galten sie als erste Wiedergutmachung, die selbstverständlich nicht auf die auszuhandelnden Reparationen anzurechnen waren.

Doch die Räuber waren überfordert und inkompetent zugleich. Zeitnot und mangelndes Wissen führten dazu, dass zehntausende hochsensibler technischer Anlagen unsachgemäß demontiert, transportiert und gelagert wurden. Musial führt haarsträubende Beispiele dafür an, wie Unwissen und Schlampigkeit dafür sorgten, dass Hochtechnologie zu Schrott wurde. Stalin hatte es ganz besonders auf die Hydrierwerke Blechhammer, Pölnitz und Odertal abgesehen, die synthetischen Treibstoff herstellten.

Ein Sonderbericht stellte jedoch fest: „Bis März 1946 trafen im Lager Makarewo 84.800 Tonnen Maschinen, die in Blechhammer demontiert worden waren, ein. Die Ausrüstungen wurden auf beiden Seiten der Eisenbahn ungeordnet zu Boden geworfen. Die Güter trafen ohne Papiere und Personal ein. Kisten mit speziellen Inhalten waren zerbrochen und deren Inhalt verstreut. Ein wesentlicher Teil der schweren Anlagen wurde nicht entladen, sondern von den Waggons geworfen. Anlagen wurden mit Traktoren über den Boden geschleift.“ Als Folge ging keines der drei lebenswichtigen Werke jemals wieder in Produktion. Wie der polnische Historiker belegt, war dies keineswegs ein Einzelfall, durchschnittlich wurde mindestens jede dritte Anlage irreparabel beschädigt.

Von Selbstbedienung, Kunstraub und sowjetischer Automobilindustrie

Wo es gelang, Maschinen wieder in Betrieb zu nehmen, wurden sie jedoch zur Basis des technologischen Aufschwungs. Etwa für die Moskwitsch-Produktion – hier waren Maschinen aus den Opel-Werken noch bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion im Einsatz! Weil nicht geforscht und entwickelt werden konnte, geriet die Sowjetunion ökonomisch mit Ausnahme des Rüstungssektors aber bereits in den fünfziger Jahren uneinholbar ins Hintertreffen.

Zunächst traf die Demontage die Schwerindustrie, später alle Bereiche. Hier Arbeiter der Julienhütte um 1930.

Musial beleuchtet zwei weitere spannende Aspekte. Zum einen wurde die „Demontage“ auch auf den Bereich von Kunst und Kultur ausgeweitet. Zehntausende Kunstgegenstände – die die Nazis teilweise zuvor in Polen geraubt hatten – wurden „gesichert“. Pläne, in Moskau ein „Supermuseum der Kunst“ zu errichten, wurden in den fünfziger Jahren fallen gelassen, zu deutlich wäre geworden, wie viel entwendet wurde. Durch unsachgemäße Lagerung gingen auch hier tausende unwiederbringlicher Kunstschätze verloren.

Beute gehört zum Krieg wie das Töten

Und auch im Kleinen wurde munter Beute gemacht. Militärangehörige aller Dienstgrade „exportierten“ mit höchster politischer Genehmigung alles, was selten, gut und teuer war. Uhren, Fahrräder, Möbel, Geschirr und Bekleidung wurden mindestens bis 1946 konfisziert.

Beute gehört wohl zum Krieg wie Töten, Sieg oder Niederlage. Doch der politisch gewollte Raubzug der Jahre 1945/46 dürfte eine Sonderstellung einnehmen. Wer sich für dieses Kapitel der (Nach-)Kriegsgeschichte interessiert, dem sei Bogdan Musials erfreulich unideologische Arbeit empfohlen. Vor allem zeigt er, dass in Stalins „Konzept“ eine grundlegende Schwäche inhärent war: Beute schafft Besitz, aber keine Entwicklung.

Musial, Bogdan: „Stalins Beutezug. Die Plünderung Deutschlands und der Aufstieg der Sowjetunion zur Weltmacht”
Propyläen, Berlin, 2010, 507 Seiten
ISBN 978-3-549-07370-4, 26,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim Propyläen Verlag (Cover) oder sind unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany lizensiert (Kraftwerk, Julienhütte).


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Auf der anderen Seite – Die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg

Der rote Zar

Diener, Führer und Vollstrecker

Schlagworte: , , ,
Optionen: »Ein gigantischer Raubzug« bewertenArtikel drucken | Artikel per E-Mail versenden

Artikel in sozialen Netzwerken teilen:

Kommentar hinterlassen

Twitter Nutzer - Mit deinem Twitteraccount bei /e-politik.de/ anmelden: