Editorial: Brodelnder Iran
Ist die Theokratie im Iran am Ende? Gibt es heute eine revolutionäre Situation in diesem Land? Lenin hatte dazu eine recht einfache Formel entwickelt: Wenn „die da unten“ nicht mehr wollen und „die da oben“ nicht mehr können, dann ist es revolutionär. Sicher ist, „die da unten“ wollen nicht mehr. Zumindest viele.
Die Wahlen, ob gefälscht oder nicht, waren die Zündschnur am Pulverfass. Der angestaute Protest entlud sich; wenig organisiert, halbherzig seitens der regimekritischen Eliten, jedoch mit Mut, Kreativität und von erstaunlicher Dauer der mehrheitlich jungen Opposition. Dazu kam die globale Vernetzung. In der virtuellen Welt sah man auf verwackelten Handyaufnahmen die Realität in Teheran, seien es hochgerissene Arme mit dem Victoryzeichen oder auf Demonstranten einprügelnde Paramilitärs. Die letzten Wochen zeigen aber auch: „Die da oben“ können noch. Das Regime ist weiterhin fähig, mit Härte gegen oppositionelle Kräfte vorzugehen. Jetzt wird der Opposition der Prozess gemacht; Todesurteile und lange Haftstrafen sind an der Tagesordnung.
Iranische und deutsche Autoren diskutieren hier die aktuelle Entwicklung in diesem Land. Es geht ihnen vor allem um die Strukturen der Herrschaft und die wachsenden Konflikte innerhalb der Eliten, um die Verteilung der Einkünfte aus Erdöl und Erdgas und die Zukunft der „Islamischen Republik“.
Frauen sind die eigentlichen Helden im „brodelnden Iran“. Ihr Widerstand gegen die vielfältigen Gängelungen hat oft sehr subtile Formen. In den Protesten des Herbstes standen Frauen oft ganz vorn. Nun gehören sie auch zu den Verurteilten. In den Fotomontagen der iranischen Künstlerin Sareh Khajehnouri findet das neue Selbstbewusstsein iranischer Frauen im Spannungsfeld von Tradition und Emanzipation einen sehr prägnanten Ausdruck.
Afghanistan ad infinitum. Das Nachbeben vom Rücktritt des einstigen deutschen Verteidigungsministers ist noch spürbar, da drohen schon die Vorbeben der „neuen Strategie“ Obamas, die an Vietnam erinnert. Mit ihr wird sich der Druck auf Berlin verstärken, die Zahl der Soldaten am Hindukusch zu erhöhen. Afghanistan bleibt auf der politischen Tagesordnung – und somit auch auf der Agenda von WeltTrends.
Diese Heftvorschau ist Teil einer Kooperation mit WeltTrends. Die Bildrechte liegen bei WeltTrends.
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