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Fußball-Patriotismus

Posted By Redaktion On 13. Juni 2010 @ 23:43 In Gesellschaft | 4 Comments

Neu bei /e-politik.de/: Die /e-pocalypse/! Wechselnde Autoren kommentieren das brisanteste Thema der Woche. Nicht weit ausholen! Auf den Punkt kommen! Zwei Personen, zwei Meinungen! Unsere Leser, sind eingeladen mitzudiskutieren. Diese Woche: „Fußball-Patriotismus“.

Von Wegen Spaß-Patriotismus!
Von Raphael Thelen
Jetzt geht’s los!
Von Leoni Weiss
Am Anfang war Lena. Ihr achso natürlich, netter Auftritt hat Deutschland mal wieder stolz auf sich gemacht. Sie ist eine von uns! Ich hab mir den Eurovision nicht angeguckt, aber ich hab gesehen, was dann geschah:

Autokorsos mit Deutschland-Fahnen, die lautstark durch die Stadt fuhren.

In den Feuilletons wurde viel gerätselt, was den Reiz des Eurovision ausmacht, aber keiner wollte das böse Wort letztendlich aussprechen:

Nationalismus. Pfui!

Das war auch schon beim “Sommermärchen 2006″ so, und das wird auch bei der WM 2010 wieder so sein. Alle werden wieder die Chance nutzen und den neuen “Spaß-Patriotismus” feiern. Endlich gehen die Deutschen unverkrampft mit ihrem Land um!

Aber es ist eben kein Patriotismus, keine Liebe zum eigenen Land, die da zum Ausdruck gebracht wird, sondern ein hässliches Überlegenheitsgefühl.

Man hofft, dass das eigene Team gewinnt, dass Deutschland gewinnt und man somit auf Engländer, Amerikaner und Franzosen runterschauen kann.

Das ist kein friedliche Vaterlandsliebe, sondern nationaler Chauvinismus.

Und wie erleichtert immer alle sind, wenn vor ein paar Dönerläden und auf Autos mal eine deutsche neben einer türkischen Fahne weht. Es gibt ein paar Ausländer, die sich nicht ausgegrenzt fühlen, was für ein Integrationserfolg!

Aber ist ja eigentlich alles ganz harmlos. Politik und Wirtschaft stecken in der Krise, die Menschen sind verängstigt. Da brauchen sie halt etwas, woran sie sich festhalten können.

Mein Gott, was haben wir in Deutschland schon an Kulturgut, das wir teilen?! Preußen, Bayern, Padenzer, jeder kocht sein Süppchen: Lena war da die einigende Rettung, die frisch, jung und rotbäckig den Deutschen Stolz in die Glieder haucht.

Und jetzt: Fußball WM! Endlich gehen die Leute raus, aus dem Haus, vor die Tür, Public Viewing. Expertise braucht man keine, Mitfiebern ist alles. Der politische Sachverstand wird umgelenkt in pure Anschauung.

Patriotismus darf endlich seinen freien Lauf nehmen, und Rumgröhlen ist Pflicht.

Man muss sich auch nicht groß auskennen, weil es geht ja vielmehr ums zusammenkommen, als kapieren wie die Regeln funktionieren. So unzivilisiert wie bei einer EM oder WM darf man in Deutschland sonst nie sein. Allein deshalb, ein Hoch auf alles was frei macht.

Ach gäbe es nur jedes Jahr eine WM gäbe, dann wäre mehr los in Deutschland, mehr als nur Kurzarbeit, Guttenberg im TV und die Wirtschaft in der Krise.

Wenn was passiert, von dem wir glauben, dass wir darin gut sind, dann geht‘s ab. Aber ansonsten sind wir ja eher ein trübes Völkchen, das nur schwer auf Touren zu bringen ist.


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Singen für den Sieg [1]

Spielerisch aus der Krise [2]

Abseits in Afrika [3]


4 Comments (Open | Close)

4 Comments To "Fußball-Patriotismus"

#1 Comment By Christoph Rohde On 14. Juni 2010 @ 14:54

Die Infragestellung der Begeisterungsfähigkeit über den Fußball entspricht einer zutiefst rassistischen Ideologie. Denn wenn ich die Medium-Begeisterung der Deutschen kritisiere, dann führe ich automatisch die völlig ausflippenden Afrikaner auf ein niedrigeres Zivilisationsniveau. Das sollte man bei der Argumentation mal berücksichtigen.

#2 Comment By Raphael Thelen On 15. Juni 2010 @ 13:47

Ich stelle nicht die Freude am Fussball in Frage. Wieso sollte ich etwas gegen Sport haben? Und ich kritisiere es auch nicht, wenn Menschen gerne zusammen kommen und feiern.
Ich kritisiere es aber sehr wohl, wenn man sich nicht an der Sache erfreut, sondern vor allem Häme zeigt. Man lausche doch nur mal den Gesprächen, die derzeit über die Leistung der italienischen, französischen und englischen Mannschaften geführt wird. Was da für eine Schadenfreude über die anderen “großen” Nationen herrscht spricht Bände.

#3 Comment By Yahya Abu-Yahya On 15. Juni 2010 @ 18:05

Na ja, die Häme ist beim Fußball Teil einer nicht ganz ernst gemeinten aber einfach vorhandenen Rivalität. Niemand wird einem Kölner Fußballfan, wenn er sich über eine Niederlage von Mönchengladbach freut vorwerfen können, er würde einen regionalen Chauvinismus gegenüber dem Niederrheinischen fröhnen. es gibt natürlich ein paar Experten, die sich – gerade bei einer WM – etwas zu sehr hineinsteigern, dies gilt aber sicherlich nicht für die Mehrheit.

#4 Comment By Farshad Mohammad-Avvali On 18. Juni 2010 @ 22:03

Die Frage nach dem Patriotismus hat eine beeindruckende und teil beängstigende Geschichte. Jedoch sollte man sich bei der Kritik des Fussballpatriotismus folgendes überlegen. Wenn unsere teils begrenzteo global-humane Identifikationsfähigkeit und unsere Neigung in Inklusion-Exklusion Dichotomien zu denken und zu leben: Ist da das Phänomen Fussballspiel nicht eine geeignete Widerspiegelung einer möglichen Einheit in der Vielfalt? Nationen treten unter einem gemeinsamen Schirm gegeneinander an, richten sich nach den selben Normen und Prinzipien und erfahren ihre Gemeinsamkeiten. Fans feiern (meist) zusammen und für sich und erkennen auch ihre kulturellen Unterschiede.
Wenn es ein Forum gibt, wo Nationalstolz etwas produktives und in sich schönes generieren kann, dann im Fussball.


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[2] Spielerisch aus der Krise: http://www.e-politik.de/lesen/artikel/2010/spielerisch-aus-der-krise/

[3] Abseits in Afrika: http://www.e-politik.de/lesen../artikel/2010/abseits-in-afrika/

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