Die verdrängte Unschuld

17. Feb 2010 | von Tobias Kunz | Kategorie: Vergessene Konflikte

Amin al-Husseini mit Hitler am 9. Dezember 1941

Die ganze Welt gedenkt der Opfer des Holocausts. Die ganze Welt? Nein, denn zwischen nordafrikanischer Atlantikküste und Persischem Golf verdrängen viele Araber den Judenmord. Von Tobias Kunz

Nazareth ist nicht nur deswegen eine besondere Stadt, weil dort Jesus Christus seine Kindheit und Jugend verbrachte. Sie beherbergt auch das wahrscheinlich einzige Holocaust-Museum in der arabischen Welt. Gegründet nicht etwa von den israelischen Behörden, was alles andere als außergewöhnlich wäre, sondern von dem palästinensischen Rechtsanwalt Khaled Kasab Mahameed. Freiwillige Besucher sind allerdings eine Seltenheit. Der gewitzte Anwalt verbindet vielmehr den Empfang von Klienten mit einer Geschichtsstunde in Judenvernichtung durch das Naziregime.
Dieses private Projekt ist zweifellos vorbildlich, doch ist es, schon des beschränkten Klientels wegen, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Das grundlegende Problem liegt im Umgang der arabischen Gesellschaften und vor allem ihrer Bildungseliten mit dem Holocaust. Dieser wird oft als eine Fußnote der Geschichte abgehandelt.

Das Verhältnis der arabischen Welt zum Holocaust ist komplexer, als man auf den ersten Blick denken mag. In keinem arabischen Staat existierte in der Zeit des Dritten Reiches ein faschistisches oder entschieden prodeutsches Regime, wenn man von einer kurzen Periode im Irak einmal absieht. Der Großteil der Gebiete, vor allem der Nahe Osten, stand unter Verwaltung der britischen Mandatsmacht. Die Araber haben im Zusammenhang mit dem Holocaust wohl weniger Grund für Schuldgefühle als beispielsweise Frankreich, dessen Vichy-Regime mit Hitler-Deutschland zeitweise eng zusammenarbeitete. Welchen Grund hätten sie, die versuchte Auslöschung des europäischen Judentums durch eine ihnen fremde, rassisch legitimierte Ideologie zu relativieren oder zu leugnen?

Nationalismus und Islamismus: Gemeinsamkeit Antijudaismus

Auffällig ist, dass die beiden tonangebenden politischen Strömungen Arabiens der letzten 60 Jahre, Nationalismus und Islamismus, den Holocaust in Frage stellen beziehungsweise seine Ausmaße anzweifeln. Vertreter beider Richtungen, wie der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser oder der saudische König Faisal, glaubten auch an die Authentizität der berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“, eine antisemitische Schmähschrift über eine angebliche jüdische Weltverschwörung,  und deuteten die Politik Israels in diesem Kontext. Der nationalistische Antizionismus und der religiös motivierte Antijudaismus bilden eine im Zeichen des Nahostkonflikts nachvollziehbare ideologische Konstante in der arabischen Politik. Doch rassischer Antisemitismus, wie er von den Nationalsozialisten gepredigt wurde, ist in dieser traditionell fremd, ist er doch ein modernes europäisches Phänomen. Dazu kommt, dass die Araber selbst zur semitischen Sprachenfamilie zählen.

Zur Verkörperung einer Interessengemeinschaft zwischen Arabern und Nationalsozialisten avancierte der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, der seit 1941 sogar in Berlin lebte und trotz seines religiösen Titels ein Vertreter des Nationalismus und nicht des Islamismus war. Seine offene Sympathie, ja Bewunderung für Hitler-Deutschland sind belegt und ausgiebig aufgearbeitet. Doch es wäre eine allzu große Vereinfachung zu behaupten, al-Husseini habe für alle Araber gesprochen.

Antikolonialismus und Antizionismus verbinden sich

Edward Said, Literaturkritiker und Stimme Palästinas im Westen

Im Bezug auf den historischen Kontext sowie die geschichtliche Debatte spielen zwei Faktoren eine wichtige Rolle für die mit den Nazis sympathisierende Haltung der arabischen Eliten: Zum Einen der Kampf um die nationale Unabhängigkeit, der gegen jene Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich geführt wurde, die auch Hitler bekämpfte;  zum Anderen die tiefe Besorgnis über die jüdische Einwanderung nach Palästina, die jedoch paradoxerweise durch die europäische Judenverfolgung noch zunahm. Wie der auf die arabische Perspektive auf den Holocaust spezialisierte Islamwissenschaftler Omar Kamil bei einem Vortrag an der „Hochschule für Jüdisches Studien“ in Heidelberg feststellte, werden Holocaust und koloniale Erfahrung der Araber als Konkurrenzthematiken wahrgenommen, wobei das arabische Leiden in den Hintergrund trete. Zusammengefasst läuft die Argumentation der relativierenden oder leugnenden Kräfte darauf hinaus, dass die jüdische Seite den Holocaust instrumentalisiere, um das Leiden der Palästinenser zu verdecken und dem eigenen Staat Israel eine moralische Existenzlegitimation zu geben.

Überwindung des Tabus Holocaust

Doch es gibt auch innerhalb der arabischen Intellektuellenkreise Stimmen, die eine Korrektur der revisionistischen Geschichtstradition fordern. Kamil nannte dabei den palästinensischen Literaturkritiker Edward Said, der 1997 die Einzigartigkeit des Holocausts herausstellte, und den jüdisch-französischen Orientalisten Maxime Rodinson, der die Separierung von kolonialer Vergangenheit und Holocaust und damit den grundlegenden Wandel anmahnte. Doch solange Israel weiterhin das Westjordanland besetzt hält beziehungsweise mit Siedlungen punktiert, wobei das palästinensische Volk die Last zu tragen hat, und gleichzeitig  führende Vertreter des Staates den Holocaust zumindest indirekt als Rechtfertigung für ihre Palästinenserpolitik anführen, sehen wohl auch viele Araber keinen Grund, jüdisches und arabisches Leiden in den jeweiligen Kontext zu stellen.


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