Die Grünen – wie sie wurden, was sie sind

16. Sep 2010 | von Bert Grosse | Kategorie: Politisches Buch

Ludger Volmers Geschichte der Grünen kommt als Mischung aus (Auto)Biographie und manchmal bitterer Abrechnung mit der eigenen Partei daher. Doch lesenswert ist sie allemal. Von Bert Große

Fleisch vom Fleische der Sozialdemokratie? Der Vorwurf gegen Helmut Schmidt, die Vernachlässigung ökologischer Themen sowie sein preußisch-strenger Habitus hätten zur Gründung der Grünen geführt, ist zumindest populär. Folgt man Ludger Volmer, so ist die Argumentation auch zutreffend. Seine pünktlich zum 30. Parteigeburtstag erschienene Geschichte Die Grünen. Von der Protestbewegung zur etablierten Partei – Eine Bilanz behandelt alle Epochen grüner Parteihistorie aus der Sicht eines ehemaligen Spitzenfunktionärs.

Besonders in den Abschnitten zu Vorgeschichte und Parteigründung beschleichen den kritischen Leser aber doch einige Zweifel an der Eingangsthese. Ein Sammelsurium zum Teil heute noch aktiver Politiker und mindestens ebenso viele K-Gruppen und Grüppchen bilden den Humus der neuen Partei. Beinharte Kommunisten aller Schattierungen, „Ökopaxe“, aber auch ökologische Nationalisten prägen das Bild, ebenso wie Aktivisten, denen schon die SPD Willy Brandts als reaktionär galt und deren linkssektiererische Diadochenkämpfe, frei nach Monty Pythons „Leben des Brian“, an den Streit judäische Volksfront und Volksfront von Judäa erinnern. Ob es wirklich möglich gewesen wäre, diese Sektierer in die Volkspartei SPD zu integrieren, mag ernsthaft bezweifelt werden. Und doch wachsen die Gruppen und Flügel im Lauf der Jahre zusammen, nicht immer passend und selten ohne Konflikt.

Volmer, der bis zu seinem unfreiwilligen Rückzug im Jahr 2005 zu den Spitzenvertretern seiner Partei gezählt werden darf, legt mit dem Band eine spannende wie lebensnahe Geschichte „seiner“ Grünen vor. Allerdings ist nicht zu verhehlen, dass er mit Verbitterung auf drei Dekaden grüner Entwicklung zurückblickt, vor allem die jüngeren Entwicklungen enttäuschen ihn.

Der Autor begleitet die Partei seit den Anfängen und bekleidete Spitzenpositionen in Partei, Fraktion und Regierung. Zu seinen großen Verdiensten zählt die Übernahme des Parteivorsitzes nach der gescheiterten Bundestagswahl 1991. Volmer war maßgeblich am Zusammenschluss mit dem ostdeutschen „Bündnis 90“ im Januar 1993 beteiligt und ist – wohl nicht zu Unrecht – noch heute davon überzeugt, die Grünen als Partei mit diesem Schritt gerettet zu haben. In der ersten rot-grünen Regierung diente er unter Außenminister Joschka Fischer als Staatsminister.

Vom Biotop ins Außenamt und wieder raus

Ludger Volmer

In sieben großen Abschnitten zeichnet er die großen und kleinen Linien chronologisch nach, als guter Chronist verwebt er Inhalt, Struktur und Personen zum lebendigen Bild einer Partei, die heute zumindest mit der Phänomenologie ihrer Anfangsjahre nicht mehr viel gemein hat. Und auch inhaltlich hat es deutliche Wandlungen gegeben, wenngleich dies linke Protagonisten vielleicht bestreiten mögen.

Nach dem ersten Einzug in den Bonner Bundestag im Jahr 1983 schildert Volmer die Fraktion als liebenswert-chaotisches Biotop: dem Rotationsprinzip folgend sollen die frischgebackenen Abgeordneten nach zwei Jahren abgelöst werden, ihre Nachfolger arbeiten solange als Fraktionsreferenten. Alle Sitzungen finden öffentlich statt, alle Fragen werden basisdemokratisch ausdiskutiert – oder eben auch nicht. „Krönung“ für den Nachrücker Volmer ist der absurde Plan einer grünen Parlamentskommune.

Inhaltlich verortet er sich selbst als unideologischen Linken, der sich jahrein, jahraus daran abgearbeitet hatte, die widerstrebenden Flügel zusammen zu führen. Nicht immer jedoch erfolgreich und häufig unter persönlichen Verletzungen.

Größte Stärke und Schwäche zugleich ist die Nähe des Chronisten zu seinem Analyseobjekt. Mehr persönliche Informationen und Anekdoten gibt es wohl kaum nachzulesen. Andererseits durchzieht die gesamte Darstellung eine Spur der Verbitterung: Verbitterung darüber, sich mit guten Positionen und Argumenten gegen scheinbar verbohrte Ideologien und egozentrische Charaktere nicht durchgesetzt zu haben. Volmer lässt an kaum einem grünen Spitzenpolitiker ein gutes Haar. Ob Schily, Fischer, Trittin oder Ströbele – keiner bleibt ungeschoren.

Jenseits allen persönlichen Nachtretens zeigt sich Volmer letztlich als guter Analytiker. „Für die Grünen ist nicht entscheidend, ob sie aktuell diese oder jene Koalition eingehen. Für sie ist entscheidend, ob sie den grundsätzlichen gesellschaftlichen Veränderungsanspruch aufrechterhalten. Aus dieser Perspektive lässt sich die Antwort auf die Frage ableiten: Wer oder was wollen die Grünen zukünftig sein? Funktionspartei der Mitte oder der avantgardistische Ausdruck eines globalen ökologischen Humanismus?“

Wer sich am subjektiven Charakter nicht stört, den erwartet die höchst lesenswerte Geschichte des erfolgreichsten Parteiprojekts der letzten 30 Jahre.

Volmer, Ludger: Die Grünen, Von der Protestbewegung zur etablierten Partei – Eine Bilanz.
C.Bertelsmann, München, 2009, 480 Seiten
ISBN: 978-3-570-10040-0, 24,95 Euro


Weiterführende Links:

Persönliche Homepage von Ludger Volmer


Die Bildrechte liegen beim Verlag C.Bertelsmann (Cover und Portrait).


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