Deutschland im Terrorwahn
Unser Land befindet sich derzeit im Visier ausländischer Terroristen, heißt es aus den informierten Kreisen. Inwieweit das Schaulaufen der Polizei unserer Sicherheit dient, wird in diesem Zusammenhang kaum hinterfragt. Ein Kommentar von Florian Baumann
Mit schöner Regelmäßigkeit gerät die Bundesrepublik ins Visier ausländischer, bevorzugt islamistischer, Terroristen. Erstaunlich, dass damit nicht das mediale Sommerloch, sondern vielmehr die beschauliche Vorweihnachtszeit gefüllt wird. Der zuständige Innenminister Thomas de Mazière rät dann zur Vorsicht, Panik sei aber nicht geboten. Also, Augen auf beim Glühweinkauf!
Allenthalben hört man dann auch, dass die Polizei auf die veränderte Bedrohungslage reagieren und die Bevölkerung dies auch wahrnehmen werde: Präsenz zeigen! Und genau das tut sie dann auch. Zunächst werden öffentlichkeitswirksam Polizeifahrzeuge vor Bahnhöfen, Flughäfen und ähnlichen Einrichtungen drapiert. Natürlich ohne Inhalt. Der steht nämlich staatstragend, oder vielmehr staatssichernd, in den Bahnhofs- und Abflughallen herum, präsentiert bedrohlich wirkende Schnellfeuerwaffen und kaut Kaugummi. Nicht zu vergessen ist dabei der von Dirty Harry entliehene scharfe Blick, der den, der Böses im Sinn hat, sofort von seinen Absichten abbringt.
Sinnlose Präsenz
Die Sinnfrage wird bei solchen Maßnahmen offensichtlich nur höchst selten gestellt. Als würde sich ein zum Äußersten entschlossener Selbstmordattentäter von Polizistenrudeln abschrecken lassen. Was hätte er auch zu befürchten? Etwa, dass er erschossen wird? Zweifach tot, frei nach dem Motto „doppelt hält besser“?
Selbst wenn aller Sarkasmus bei Seite gelassen wird, erschließt sich dem besorgten Bürger nicht, welchen Sinn die erhöhte Präsenz der Sicherheitskräfte hat. Immer wieder ist zu hören und zu lesen, dass sich vermeintliche Attentäter durch „auffälliges Verhalten“ selbst entlarven. Wer aber schon einmal an einem Freitagnachmittag im ach so stillen Advent einen Bahnhof oder Flughafen betreten hat, dem ist klar, dass hektische Bewegungen oder panikartiges Fluchtverhalten auch ganz andere Ursachen haben können. Nicht jeder, der an solch einem Tag gestresst wirkt, ist ein potenzieller Terrorist.
Sicherheit geht vor
Die prinzipiell erstklassige Arbeit deutscher Polizei- und Sicherheitsdienste soll hier gar nicht in Frage gestellt werden. Die gegenwärtigen Beschäftigungsmaßnahmen hingegen schon. Die Hinweise auf einen möglichen Anschlag in Deutschland konkretisieren sich zunehmend auf Ende November. Ort und Art des Attentats sind hingegen nach wie vor unklar. Prophylaxe ist deswegen eher für den zahnmedizinischen und weniger für den sicherheitspolitischen Bereich zu empfehlen. Die Notwendigkeit von Prävention und Vorsorge für die innere und äußere Sicherheit stehen dabei außer Frage. Aber erstens sollte uns bewusst sein, dass absolute Sicherheit ohnehin eine Utopie ist, und zweitens kann gerade in so einem sensiblen Bereich nur eine zielgerichtete Risikohandhabe effektiv sein.
Noch kurz nach dem zermürbenden Polizeieinsatz im Zusammenhang mit dem Castor-Transport wurde die Verlegung von Fußballspielen gefordert, um den Polizeikräften eine Verschnaufpause zu gönnen. Die bis Jahresende verhängte Urlaubssperre dient hingegen kaum der Regeneration. Gleichzeitig halten auch die andauernden Widerstände gegen Stuttgart 21 und andere Massenärgernisse die Polizei auf Trab und der 1. Mai kommt mit Gewissheit. Warum also nicht den Sicherheitskräften eine Verschnaufpause gönnen?
Zurück zur Sinnfrage: Können übermüdete und ausgelaugte Polizisten, die landauf landab postiert werden, in diesem Fall tatsächlich einen Beitrag zu unserer Sicherheit leisten? Wohl kaum. Sinnvoller wäre es daher, weiterhin im Verborgenen zu ermitteln – was ohnehin getan wird – und die Ordnungshüter nur dann einzusetzen, wenn klar ist, wo und zu welchem Zweck. Willkürliche Präsenz wirkt bei Ladendieben und Krawallmachern, nicht jedoch bei terroristischen Bedrohungen.
Berliner Puppenkiste
Warum also das Ganze? Nüchtern betrachtet, ist es wohl als politisches Theater abzutun. Ab und an müssen wohl Minister, die gerade nicht im Rampenlicht stehen, ihre eigene Daseinsberechtigung verstärkt zum Ausdruck bringen. Bei den gegenwärtigen Debatten um Infrastrukturprojekte, Renteneintrittsalter, Gesundheitsreform und anderem Gedöns kam die Sicherheit wohl zu kurz. Ein beliebtes Spielchen bei Bundes- und Länderinnenministern ist dann die Terrorismuskeule: Sehet, es geht nicht ohne uns.
Islamistische Fundamentalisten und andere „Gefährder“ werden auch immer dann mit Vorliebe aus der Versenkung geholt, wenn mal wieder Sicherheitsgesetze verschärft werden sollen. Fast reflexartig wurden auch jetzt wieder die Vorratsdatenspeicherung und der Abschuss von Passagiermaschinen aus der sicherheitspolitischen Requisitenkammer geholt. Wobei dieser Reflex vor allem dadurch gekennzeichnet ist, dass er keine Rücksicht auf Verfassungsgerichtsurteile oder die öffentliche Meinung nimmt.
Würde der Innenminister sich selbst ernst nehmen, hätte er den Ball flach gehalten. Bedrohungstheater war bislang auch eine Disziplin, in der eher seine Vorgänger glänzten. Im öffentlichen Interesse bleibt also nur zu hoffen, dass dieses vorweihnachtliche Drama bald ein Ende hat. Und wenn es so weit ist, sollte jemand daran denken, Clint Eastwood seinen Gesichtsausdruck zurück zu geben.
Die Bildrechte liegen bei powerboox (Polizisten) und beim BMI (de Maizière; Foto: Hans-Joachim M. Rickel)
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Der Terror ist auch gesinnungsterroristisch zu sehen. Wer nicht an Ökodiktatur und guten Islam glaubt, der ist F…. S. den Fall Martin Schulz im Eu-Parlament…
Was hat die Botschaft des Kommentars mit “Gesinnungsterror” zu tun und das wiederum mit den geistigen Ausfällen eines britischen Euroskeptikers?
Hallo Christoph,
ich glaube die Kommentarfunktion dient dazu, über den Inhalt des betreffenden Artikels zu diskutieren. Aus meiner Sicht hat Florian Baumann zum Thema Terrorwarnungen und damit verbundener erhöhter Präsenz von Sicherheitskräften sehr zutreffende Aspekte herausgearbeitet. Wenn du nicht dieser Meinung bist, begründe das bitte. Wenn du eine Diskussion über Ökodiktatur und guten/bösen Islam möchtest, bist du glaube ich bei PI besser aufgehoben. Oder du schreibst einen eigenen Kommentar in dem du deine Sorgen ausführlich und begründet darlegst.
Ja, die Kommentarfunktion sollte man besser kontrollieren. Eigentlich sind meine Bemerkungen ein wenig darauf kapriziert. Wir müssen aber auch aufpassen, dass wir nicht zu einseitig werden. Ich bin bei e-politik.de, obwohl ich tendenziell für Atomkraft, für Großprojekte etc bin und dem Islam als politische Ideologie sehr kritisch gegenüber stehe. Nicht zu verwechseln mit kulturellem Islam.
Der Artikel ist wirklich gut, weil er die Widersprüchlichkeit – Abbau von Polizeikräften und dann panische Selbstversicherungsprozeduren ohne Wert, reine Symbolik – gut aufgedeckt. Tendenziell bin ich dennoch Fan von Adenauers Art der Simplifizierungen und liebe Sätze wie “Lügen haben grüne Beine”. Aber wir haben ja wenigstens bei E-Politik Meinungsfreiheit.
Lieber Christoph, da du die Kommentarfunktion ja nun für noch weiter(ab)führende Hinweise gekapert hast, erlaube ich mir an dieser Stelle dann eben auch einen Hinweis in /e-politik.de/-eigener Sache: Die Einseitigkeit, die du befürchtest, sehe ich nicht. Und gäbe es sie, ließe sie sich gewiss nicht durch “wir müssen aufpassen”, sondern nur artikelnd ausgleichen. Ich halte viel von einer Vielfalt fundierter politischer Meinungen auf der Seite, weil das Diskussionsstoff – online und bei den Redaktionssitzungen – bietet. Was aber viel wichtiger ist: /e-politik.de/ verfolgt als Plattform keine politischen Richtung oder Parteilinie, sondern das erklärte Ziel, einen “unabhängigen und überparteilichen Journalismus” zu fördern (s. Satzung §2) – unbeeindruckt von der Gesinnung einzelner Autoren und Autorinnen. Mir bereitet es Unbehagen, wenn du in einem Nebensatz (“wir müssen aufpassen”) den Vereinszweck zur Disposition stellst.
Abgesehen davon kann ich mir nicht vorstellen, dass Lügen eine eigene, monochrome Beinfarbe haben – so kurz die auch sein mögen.
Liebe Nina, ja, ist schon OK. Man muss aber auch lachen, karikieren können. Wer Politik macht, wird letztendlich zum Lügen gezwungen. Grundsätzlich ist die Seite schon ausgewogen. Allerdings gab es auch Fälle, wo unkritisch Propaganda von “Menschenrechtsgruppen” unkritisch übernommen wurde. Hier darf man nicht naiv sein. Jeder ist heute schließlich “Demokrat”…