Der Richtige

01. Jul 2010 | von Fabian Busch | Kategorie: Innenpolitik
Ein Sieger der Herzen ist Christian Wulff sicher nicht, ein guter Bundespräsident kann er trotzdem werden.

Der neue Bundespräsident Christian Wulff ist jung, ein Alleskönner und vor allem ein Politiker. So einen hat das Land an seiner Spitze gerade jetzt gebraucht. Ein Kommentar von Fabian Busch

Keine Frage – hätte Joachim Gauck als Kandidat von rot-grün die Wahl gewonnen, es wäre ungemein spannender geworden in den nächsten Wochen. Wäre seine Wahl der letzte Sargnagel für die christlich-liberale Koalition in Berlin geworden, die letzte Panne Angela Merkels in einer bis jetzt reichlich peinlichen Vorstellung des Projekts Schwarz-Gelb? Wer wären die Abweichler gewesen? Ganz Deutschland hätte gespannt gewartet auf die erste Rede eines Mannes, in den sogar die „Bild am Sonntag“ schon Obama-gleiche Hoffnungen projiziert hatte. Nun also doch Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff. Das ist – abgesehen von dem Umstand, dass er erst im dritten Wahlgang gewählt wurde – langweilige Politik-Normalität und trotzdem nicht schlecht für das Land. Denn Christian Wulff hat das Zeug, ein guter Bundespräsident zu werden.

Warum? Wulff ist zunächst einmal jung. Zumindest verglichen mit seinen Amtsvorgängern, die allesamt wenige bis einige Jahre älter waren, als sie ins Schloss Bellevue einzogen. Warum eigentlich muss ein Staatsoberhaupt immer alt und weise sein? Großväterlich seinem Land die Leviten zu lesen, kann auch auf die Nerven gehen. Wulff hat eine schwierige Kindheit hinter sich, ausgerechnet in Osnabrück, wo laut einer Stern-Umfrage die glücklichsten Menschen Deutschlands leben. Und er hat maßgeblich die Politik dazu benutzt, sich hochzuarbeiten. Diese Voraussetzungen haben schon andere interessante Politiker-Persönlichkeiten hervorgebracht, etwa einen gewissen Gerhard Schröder.

Gefragt: Eine Meinung zu allen wichtigen Themen

Christian Wulff wäre der bisher jüngste Hausherr im Schloss Bellevue.

Wulff ist außerdem Generalist: Das Argument der Linkspartei, Joachim Gauck sei nicht wählbar, weil er nur die Vergangenheit statt der Zukunft verkörpere, war fraglos vorgeschoben – eine äußerst schlechte Ausrede dafür, einen Mann nicht zu wählen, der die Partei mit der SED-Vergangenheit an ihrer empfindlichsten Stelle trifft. Und doch ist das Argument nicht ganz falsch. Gauck ist im Bewusstsein der Deutschen einzig und allein mit der Aufarbeitung der DDR-Geschichte verknüpft. Das ist aller Ehren wert, doch für ein Staatsoberhaupt, das sich zur Euro-Krise, zum Klimaschutz und zum Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan äußern muss, eben doch zu einseitig. Gaucks Bitte, er müsse sich zu Themen wie der Wirtschaftskrise erst einmal einlesen, war reichlich peinlich: Die Meinung zu einem politischen Thema liest man nicht eben mal in einem Buch nach. Politik ist keine Prüfung, ein Staatspräsident baut seine Argumente auf seiner Erfahrung aus der Politik, aus dem Leben.

Christian Wulff dagegen war Zeit seines politischen Lebens Generalist. In all seinen wichtigen Ämtern – Oppositionsführer und Ministerpräsident in Niedersachsen und stellvertretender CDU-Bundesvorsitzender – musste er sich auf praktisch allen Politikfeldern auskennen. Er hat zwar selten inhaltliche Akzente gesetzt, war aber immerhin hin und wieder seiner eigenen Partei voraus, etwa als er die türkischstämmige Aygül Özkan als Ministerin in sein Kabinett geholt hat.

Bloß kein zweiter Köhler

Ein Abgang wie der von Köhler ist bei Wulff nicht zu erwarten.

Vielleicht am Wichtigsten: Wulff ist Politiker, durch und durch. Er hat eigentlich nie etwas Anderes gemacht. Auf viele mag das abschreckend wirken. In Deutschland gibt es eine Sehnsucht nach Anti-Politikern, nach Seiteneinsteigern und neutralen Beobachtern wie Gauck, obwohl doch gerade Horst Köhler damit Schiffbruch erlitten hatte. Auch wenn niemand bis heute sicher sagen kann, was die wirklichen Gründe hinter dessen Rücktritt waren – war es wirklich der mangelnde Respekt vor seinem Amt, dann braucht das Land dringend einen Menschen an seiner Spitze, der sich von Kritik nicht aus der Ruhe bringen lässt, der nicht wie eine beleidigte Leberwurst davonschleicht, wenn man ihn hinterfragt. Das wird Wulff nicht passieren. Dazu kennt er den Politik-Betrieb zu gut, dazu hat er zu viele Wahlen verloren. Schließlich klappte es mit der Wahl zum Ministerpräsidenten auch erst im dritten Anlauf. Und dazu musste er zu oft mit dem Vorwurf klarkommen, er sei ein farbloser Langweiler, ein substanzloser Dauerlächler.

Wulff startet ohne Vorschuss-Lorbeeren. Enttäuschen kann er das Land deshalb wohl kaum, aber überraschen kann er es.


Die Bildrechte liegen bei Pujanak (Wulff, Creative Commons), bei Haystack Photography (Schloss Bellevue, Creative Commons) und bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (Köhler, Creative-Commons).


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Ein Kommentar
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  1. Jetzt ist natürlich die Frage, ob Wulff auch schon Gestern Mittag derjenige war, den “das Land an seiner Spitze gerade jetzt braucht”. Oder ist das eher der Versuch eine kognitive Dissonanz zu überwinden?

    Jung, Generalist, Politiker sind Vorschusslorbeeren, die fast jeder erfüllt. Das Durchschnittsalter des Bundestages liegt unter 50; das Europäischer Staatsoberhäupter bei 55 – Wulff ist 51, Merkel 56, die Verfassung verlangt ein Mindestalter von 40. Generalist und Politiker sind – denke ich – Tautologien. Nichtsdestotrotz: Wulff ist sicherlich nicht der Schlechteste und auch nicht der Beste. Er ist Bundespräsident der Mehrheitsführer und dürfte es daher leichter haben als Gauck es gehabt hätte. An seiner Person liegt das m.E. nicht primär und das gilt für alle Kandidaten.

    Auch wenn es (fast) keiner sagen möchte: es ist ein Sieg von Schwarz-Gelb.

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