Das finstere 20. Jahrhundert
Philosophische Tiefe und Detailkenntnis zeichnen Henning Ottmanns Geschichte des politischen Denkens aus. Der aktuelle Band handelt vom Totalitarismus und seiner Überwindung im 20. Jahrhundert. Von Christoph Rohde
Im vorletzten Beitrag seiner achtbändigen Geschichte des politischen Denkens führt der Münchner Philosoph Henning Ottmann seine Leser durch die politische Geistesgeschichte des turbulenten und gewaltsamen 20. Jahrhunderts. Die totalitären Regime in Russland, Italien, Deutschland und China stehen im Mittelpunkt des Werkes; behandelt werden aber auch Anti-Utopien, wie die konservative Revolution und die normative Philosophie.
Pessimistische Philosophen
Bekannt ist Thomas Morus’ Staatsutopie Utopia aus dem 16. Jahrhundert. Doch düster wird die Wende zum 20. Jahrhundert. Die Utopie wird von der Anti-Utopie abgelöst und nimmt die realen gesellschaftlichen Entwicklungen voraus. Die Angst vor den Folgen der technischen Entwicklung ist jedoch schon im 19. Jahrhundert von Robert Louis Stevenson in seinem Roman “Dr. Jekyll und Mr. Hyde” zu finden. Der Autor Herbert George Wells hat zahlreiche Entwicklungen antizipiert, die die Philosophie der Technikfolgeabschätzung bis in die Gegenwart beschäftigen. Er greift auf einen Mix aus futuristischen, evolutionstheoretischen, sozialistischen und religionskritischen Gedanken zurück und entwickelt eine Eugenik, welche nicht in den Holocaust, aber in die Deportation auf einsame Inseln führt. Seine Idee einer Weltenzyklopädie, die alles entmystifiziert, erinnert bereits an Wikipedia . Auf Wells’ “Island of Dr. Moreau” versucht der Mensch, Gott zu spielen.
Subtile Wege in den Totalitarismus
Lenin, Stalin und Mao mit ihren jeweiligen Modellen eines „neuen Menschen“ sind wichtige Figuren im totalitären 20. Jahrhundert, das im Faschismus seinen Höhepunkt erreichen muss. So bereite schon Max Weber, der alle Werturteile ins Private verweist, den öffentlichen Boden für einen totalitären Nihilismus. In Kapitel 4, “Die Konservative Revolution”, bindet Ottmann solch heterogene Denker wie Thomas Mann, Oswald Spengler und Ernst Jünger zusammen. Diese Denker wollen nicht eine vergangene Zeit bewahren, sondern das zu Bewahrende in einem revolutionären Akt erst herstellen. Einfache monokausale Verbindungen von Konservativismus und Nationalsozialismus lehnt Ottmann ab, bekennt aber, dass der inhärente Anti-Liberalismus die Widerstandskraft gegen diese destruktive Kraft geschwächt haben mag. Im Buch werden auch die diagnostischen Totalitarismustheorien abgehandelt.
Die Dekonstruktion einer Legende
Eigentlich darf ein deutscher Wissenschaftler diesen Satz nicht schreiben: „Von den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts ist das maoistische das blutigste und grausamste.“ Aber Ottmann schreibt es dennoch. Es gab im Maoismus keinen Genozid, aber die gesellschaftlichen Experimente führten zu einem ein Vierteljahrhundert andauernden Schrecken. Der „große Sprung nach vorn“, die „Kulturrevolution“, die „Hundert-Blumen-Bewegung“ haben Millionen von Opfern gefordert.
Das Jahrhundert der Aufarbeitung
Das Zeitalter des Totalitarismus hat zu einer dezidierten Kritik der Moderne geführt. Die Moderne habe die technisierte Massenvernichtung überhaupt erst ermöglicht, lautet der konventionelle Vorwurf. Ottmann greift deshalb Denker heraus, die über diese Argumentation hinausgehen. Im weiteren Sinne kommen dabei Kritiker der Moderne zu Wort: Hannah Arendt , Eric Voegelin und Leo Strauss. Arendts Bild der kommunikativen Macht ist bis in die Gegenwart populär, doch Ottmann kritisiert die zu strikten Dichotomien in ihrem Werk: Privat versus Öffentlich, Macht versus Gewalt, Ökonomie versus Politik. Arendts Totalitarismuskritik ist aber bis in die Gegenwart zu beachten. Die Herausarbeitung der Totalerklärungen von Natur und Geschichte in totalitären Systemen bildet nach wie vor ein Raster, um politische Ideologien der Gegenwart zu kritisieren – und vielleicht sogar zu bekämpfen? Dem Leser werden Anhaltspunkte zur Reflexion auch der Gegenwart gegeben.
Mehr als nur die Klassiker des Denkens kommen bei Henning Ottmann in teils amüsanter, nie oberflächlicher Art und Weise zu Wort. Philosophiegeschichte wird verständlich dargestellt und historische wie soziale Kontexte werden in die Darstellung einbezogen. Der Leser kann also mehr als nur eine Chronologie politischer Theorien erwarten. In fast beklemmender Weise wird deutlich, dass Theorien fatale Entscheidungen nach sich ziehen. Aufgrund der autonomen Struktur jedes Kapitels – mit guten Zusammenfassungen und Literaturverweisen – ist das Buch gleichzeitig ein übersichtliches Nachschlagewerk. Selbst Fachleute werden hier neue Zusammenhänge oder unbekannte Details entdecken.
Ottmann, Henning: “Geschichte des politischen Denkens. Band 4/1: Das 20. Jahrhundert. Der Totalitarismus und seine Überwindung. XII”
Metzler Verlag, Stuttgart , 2010, 540 Seiten
ISBN: 3-476-01633-1, 19,95 Euro
Die Bildrechte liegen beim Verlag (Cover) und der Ludwig-Maximilians-Universität München (Porträt).
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