Das Ende des Raschelns?

19. Mrz 2010 | von Petra Sorge | Kategorie: Medien

Die Leipziger Buchmesse 2010

Das E-Book ist in der Fach- und Wissenschaftsliteratur ein deutlicher Wachstumsmarkt. Ein Jahr nach seiner Einführung diskutierten Branchenvertreter auf der Leipziger Buchmesse über die Chancen des digitalen Buches. Von Petra Sorge

Die Buchbranche hat eigentlich keinen Grund zur Krisenstimmung. Rund 36 Millionen Deutsche, so eine GfK-Studie, haben im vergangenen Jahr Bücher gekauft. Und zwar nicht nur eines, sondern elf Stück pro Kunde. Entsprechend optimistisch müsste sich die Branche auf der diesjährigen Buchmesse in Leipzig zeigen. Doch während die Besucher unbekümmert stöbern, blättern und schmökern, suchen Fachleute nach Wegen, wie sich die Branche von der Papiergebundenheit verabschieden kann. Denn die Offenbarung scheint nicht mehr im schicken Ledereinband daher zu kommen, sondern digital. Und sie ist ein lukratives Geschäftsfeld. So verkaufte die Verlagsgruppe Random House nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr 100.000 E-Books. Geschäftsführer Frank Sambeth, der im vergangenen Jahr selbst zehn Schmöker auf dem Bildschirm gelesen haben will, sieht viele Segmente, in denen mit E-Books „wirklich Mehrwert“ generiert werden könne: Videos in Kochbüchern, dreidimensionale Grafiken in Ratgebern oder digitalisierte Karten in Wanderführern.

2,9 Millionen Deutsche wollen ein E-Book kaufen

Nach Angaben des Hightech-Verbands Bitkom ist das Interesse nach der neuen Lektüreform tatsächlich rege. 2,9 Millionen Deutsche wollen sich nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Bitkom in diesem Jahr ein E-Book kaufen. Das sind ein Drittel mehr als im Vorjahr. „Digitale Bücher sind einfach praktisch“, sagte Bitkom-Vizepräsident Achim Berg. „Man kann ganze Bibliotheken mitnehmen und trägt nur das Gewicht eines Lesegeräts.“

Wesentlich billiger wird der neue Standard für Konsumenten wohl trotzdem nicht: Neben den hohen Anschaffungskosten für Lesegeräte wie das amazon-Produkt Kindle, der E-Book-Reader von Sony oder andere E-Book-Reader müssen die Nutzer auch einiges für die Buchdateien berappen. Random House orientiert sich bei seinen Preisen an den günstigsten Printversionen (Paperback). Davon werden zehn Prozent abgezogen. Schließlich, so Sambeth, fielen in der Wertschöpfung lediglich der Druck und der Versand weg. Kosten für Lektorat, Marketing und Vertrieb würden dennoch bestehen. Random House sieht sich wie andere Verlage auch einem weiteren Konkurrenzdruck ausgesetzt. So hatte die Buchhandelskette Thalia im Vorfeld der Buchmesse angekündigt, künftig digitale Inhalte selbst herauszubringen. Damit würde die Kette ins Geschäftsfeld der Verlage vordringen. Thalia-Chef Michael Busch begründete seinen Plan in der „Wirtschaftswoche“: „Die Entwicklung auf Verlagsseite ist noch deutlich zu langsam.“

Tsunami in der Musikbranche

Branchenvertreter diskutieren im Podium zum Thema "Das E-Book – ein Jahr nach dem Hype".

Die Neuausrichtung des Branchenriesen könnte auch ganz andere Gründe haben. Denn mit dem E-Book droht den Buchhändlern ein ähnliches Schicksal wie der Musikbranche. Das trägerlose mp3-Format erlaubte den Künstlern unter Umgehung der Zwischenhändler, sich übers Internet direkt an die Endverbraucher zu wenden. Plötzlich konnte jeder Fan im Netz Musik abspielen, herunterladen und (illegal) kopieren. Das Surfen der Millionen bewirkte einen Tsunami, der die Plattenfirmen wegspülte. Auch vielen Buchhandlungen steht bereits das Wasser bis zum Hals. „Wenn die dann fünf bis zehn Prozent des Umsatzes verlieren, können wir einem regelrechten Buchhandels-Sterben zugucken“, sagt Rainer Groothuis, Unternehmer für Buchgestaltung.

Die Zukunft ist laut Tagesspiegel-Journalist Gregor Dotzauer der CSI-Krimi, den man am Ende des E-Book-Kapitels als Video weitersehen kann. Er glaube, dass „der Text als Textgrundlage für viele langweilig ist.“ Anders gesagt: Schwarze Druckschrift auf weißen Seiten sind von vorgestern. Dotzauer beeilt sich anzufügen, dass er das „nicht als Untergangsszenario“ der Buchbranche verstanden wissen will.

Standard in der Fachliteratur

Neue Möglichkeiten sieht Dagmar Laging vom Wissenschaftsverlag Springer Science + Business Media unter dem Stichwort „Supplementary Electronic Material“. Das sind farbige Animationen mit Verlinkungen, wie etwa bei der Darstellung von Molekülen in einem digitalen Chemie-Buch. Im Jahr 2009 erwirtschaftete Springer weltweit 41 Prozent des Umsatzes mit E-Books, 17 Prozent in Deutschland. Der Trend gehe eindeutig dahin, dass große Institutionen oder Universitäten überwiegend E-Book-Lizenzen für ihre Nutzer erwerben, so Laging. Nur noch die spezialisierten Hand- und Fachbibliotheken würden physische Bücher bestellen. Während viele Verlage das E-Book parallel zur Printversion anbieten, geht Springer den umgekehrten Weg: Erst gibt es das digitale Exemplar, und per „Print-on-Demand“ können Nutzer das gedruckte Buch bestellen.

Doch ob Krimi- und Fantasy-Fans in Zukunft ganz auf das Rascheln zwischen den Fingern verzichten und sich zwischen den Kapiteln Filmszenen anschauen möchten, bleibt abzuwarten. Schließlich, so Sambeth, soll Belletristik ein „Kino im Kopf“ des Lesers bewirken. „Und da sind Videos nicht sehr hilfreich.“


Die Bildrechte liegen bei der Autorin.


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Kannibalen im Netz

Leipziger Buchmesse 2006 – Resümee

Leipziger Buchmesse 2006

Schlagworte: , , ,
Optionen: »Das Ende des Raschelns?« bewertenArtikel drucken | Artikel per E-Mail versenden

Artikel in sozialen Netzwerken teilen:

Kommentar hinterlassen

Twitter Nutzer - Mit deinem Twitteraccount bei /e-politik.de/ anmelden: