Worte statt Taten
Am 1. Dezember war Welt-AIDS-Tag. Statt medialer Aufmerksamkeit durch Prominente und Konzerne wären konkrete Taten vor Ort sinnvoller. Ein Kommentar von Alf-Tobias Zahn
Es war wieder soweit: Seit 1988 ist der 1. Dezember dem Thema AIDS gewidmet. Dieser Tag ist in den vergangenen Jahren mit den immer gleichen Bildern verknüpft. Prominente Unterstützer und Weltkonzerne blasen werbewirksam zu neuen Angriffen gegen die tödliche Krankheit. Plakativ und emotional wird öffentlicher Aktionismus betrieben, der den Blick auf die eigentlichen Probleme verdeckt: Die individuellen Situationen vor Ort.
Die offiziellen Zahlen über die HIV-Epidemie und die AIDS-Kranken sind verheerend. Nach Schätzungen von UNAIDS, einer Unterorganisation der Vereinten Nationen, sind weltweit rund 33 Millionen Menschen direkt betroffen – entweder durch eine HIV-Infektion oder durch den Ausbruch der AIDS-Krankheit. Ganz besonders gefährdet sind die Bewohner der Staaten südlich der Sahara. Allein in diesem Teil des afrikanischen Kontinents leben 68 Prozent der von HIV betroffenen Menschen. Als nächste Brennpunkte der Epidemie zeichnen sich bereits Osteuropa und Asien ab.
Werbewirksame Aktionen für 33 Millionen Betroffene
Weltweit engagieren sich Unterhaltungsgrößen wie der omnipräsente U2-Frontmann Bono und die französische Präsidentengattin und Chanteuse Carla Bruni im Kampf gegen AIDS. In diesem Jahr hat sich der irische Sänger mit internationalen Fußballstars, der Organisation RED und dem Sportartikel Hersteller Nike für eine Aktion zusammengeschlossen. Nach dem Motto „Kauft Schnürsenkel für HIV-Infizierte“ sollen Projekte und Aktionen in Afrika unterstützt werden, die vom „Global Fund“ betreut werden. Diese „einzigartige weltweite öffentlich-private Partnerschaft“ (Eigenwerbung) zwischen Regierungen, gesellschaftlichen Gruppen, der Privatwirtschaft und direkt betroffenen Gemeinschaften will bereits vorhandene Anstrengungen im Kampf gegen HIV/AIDS unterstützen.
Ein Blick hinter die Kulissen genügt, um die Schwachstellen dieses Projektes zu erkennen. Das Unternehmen Nike, dessen Umsatz im Jahr 2008 18,6 Milliarden Dollar betrug, führt lediglich den Gewinn aus dem Verkauf der Schnürsenkel ab. 50 Prozent davon fließen direkt in soziale Initiativen, die durch Fußball Prävention und Aufklärung leisten sollen. Die restlichen 50 Prozent gehen an den „Global Fund“, der als Vermittler zu kleineren Nichtregierungsorganisationen (NRO) fungieren wird und bestimmen wird, welche Projekte unterstützt werden. Erfahrungsgemäß wird ein Großteil des bereits halbierten Gewinns in die Bezahlung der Bürokratie fließen. Wie viel letztendlich bei den Projekten ankommt, wird nicht mehr zu ermitteln sein.
Neues Image auf Kosten HIV-Infizierter
Nike gelingt damit in erster Linie ein Werbecoup, der dem Unternehmen offensichtlich ein sozialeres Image verleihen soll. Es sollte jedoch nicht vergessen werden, dass der Sportartikelhersteller in Entwicklungsländern produzieren lässt und den Menschen keinen fairen Lohn bezahlt. Nach dem Grün-Werden von McDonalds schickt sich nun ein weiterer Weltkonzern an, sich ein neues Image verpassen zu wollen. Im Fall von Nike auf Kosten HIV-Infizierter.
Eine andere Facette der prominenten Unterstützung liefert Carla Bruni, deren Bruder im Jahr 2006 an Aids verstarb. Unlängst forderte sie die Regierungschefs aller Länder auf, die HIV-Infektion von Kindern im Mutterleib zu verhindern. In einem Interview mit der FAZ wähnt sie sich der Erreichung dieses Zieles bis 2015 sehr nah: „Wir könnten 400.000 Babys pro Jahr retten. Wenn wir es schaffen, würden von 2015 an alle Kinder von HIV-infizierten Müttern in bester Gesundheit zur Welt kommen. [...] Wir sind nicht weit von diesem Ziel entfernt, wir haben schon unglaubliche Fortschritte in den vergangenen Monaten gemacht.“
Fakten widerlegen Brunis Vision
Allerdings widersprechen die Zahlen von UNICEF und UN dieser Vision der französischen Präsidentengattin: Der Anteil der behandelten erkrankten Kinder in 2008 stieg zwar um 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr, jedoch wird lediglich jedes dritte Baby einer HIV-infizierten Schwangeren in den Schwellen- und Entwicklungsländern mit Medikamenten vor einer Ansteckung bei der Mutter geschützt. Das Vorhaben scheint von seinem Ziel noch sehr weit entfernt zu sein.
Ob die Staats- und Regierungschefs überhaupt die richtigen Ansprechpartner für diese sicherlich gut gemeinte Aktion sind, möchte ich aus eigener Erfahrung in Zweifel ziehen. Die Hauptarbeit in den betroffenen Gemeinden vor Ort wird in erster Linie von lokalen Mitarbeitern aus den jeweiligen Ländern geleistet, die sich in eigenen NROs zusammenfinden. Die Regierungen in Entwicklungsländern haben zum Teil weder das Wissen noch die finanziellen Mittel, um den Kampf gegen HIV/AIDS voranzutreiben. Internationale Organisationen arbeiten vor Ort zum Großteil mit ihrem eigenen, ausländischen Mitarbeiterstab und stecken einen erheblichen Teil der verfügbaren Gelder in die eigene Administration. Effektive Hilfe sieht anders aus.
Effektive Hilfe direkt vor Ort
Vor allem in Ländern wie Nepal, in dem laut offiziellen Angaben von 29,5 Millionen Menschen 70.000 HIV-infiziert sind (zum Vergleich Deutschland: von 81,8 Millionen Deutschen sind 67.500 betroffen) und nahezu alle internationale Organisationen ein Büro haben, kommt es umso mehr auf kleine NROs an. Eine davon ist „FAITH“ . Dort arbeiten ehemalige Drogenkonsumenten und HIV-infizierte mehrheitlich ehrenamtlich für ihre betroffene Gemeinschaft. Die akquirierten Gelder werden gezielt und nachhaltig in eigenen Projekten eingesetzt. Die Evaluation der Maßnahmen kann schnell und unbürokratisch vorgenommen werden und fließt effektiv in die Planungen zukünftiger Vorhaben ein.
Weder helfen am heutigen Welt-AIDS-Tag werbewirksame Aktionen von multinationalen Konzernen noch warme Worte von Prominenten. Es zählen einzig und allein Taten.
Die Bildrechte liegen bei Nabin Baral
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Ein sehr guter Artikel. Der Autor bringt gute und stichfeste Argumente- gute Hintergrundanalyse.