Wer Wind sät, wird Sturm ernten

23. Apr 2009 | von Christoph Rohde | Kategorie: Politisches Buch

ganze-bandIn seinem neuen Buch zeigt der Nobelpreisträger Paul Krugman, dass diese Wirtschaftskrise bereits in vorherigen Krisen angelegt war. Man zog die falschen Lehren und bezahlt heute einen hohen Preis. Von Christoph Rohde

Paul Krugmans neues Werk Die neue Wirtschaftskrise zeigt auf, dass die gegenwärtige Wirtschaftskrise das Resultat mangelnder Regulierungsbemühungen einerseits und einer unverantwortlichen Politik der Zentralbanken der letzten Jahre andererseits ist. In verständlichen Worten führt der Princeton-Ökonom in zentrale Prinzipien der Geldpolitik ein.

Paul Krugman legt in zehn Kapiteln die Gründe dafür dar, warum es zur größten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg kommen konnte. In zehn Kapiteln behandelt er die Entwicklung des ökonomischen Systems unter Berücksichtigung von Faktoren wie überhörten Warnungen, zu Unrecht mythologisierten Persönlichkeiten, stets gleichgerichteten kurzfristigen Problemlösungsstrategien und der Existenz von unregulierten Schattenwirtschaften. Im Vorwort aber bekommt die deutsche Bundesregierung ihr Fett weg, die einen überholten Stabilitätsbegriff verfolge und in der Krise unangemessen und zu zögerlich agiere, indem sie keine oder zu kleine Konjunkturprogramme durchführe.

Der große Irrtum

Die Tatsache, dass „der“ Kapitalismus als einzig mögliche unfehlbare Wirtschafts- und Gesellschaftsform nach Ende des sozialistischen Zeitalters gefeiert wurde, hatte psychologisch desaströse Folgen. Denn Ökonomen wie Robert Lucas von der Universität Chicago hätten vorschnell das Ende konjunktureller Krisen vorausgesagt. Dieses einfache liberale Weltbild hinterfragt Krugman und stellt fest, dass sehr viele Nationen nach dem Fall des Ostblocks in Schwierigkeiten geraten sind, da die Transformation ihrer Ökonomien ihre Wettbewerbsfähigkeit erheblich geschwächt habe. Die Situation in Ostdeutschland vergleicht er gar mit der Situation im süditalienischen Mezzogiorno, das wirtschaftlich schwach und politisch kaum regierbar ist. Krugman selber hatte mit seiner Strategischen Handelstheorie seit zwei Dekaden für eine beschränkte Version freier Marktwirtschaft auch im globalen Maßstab plädiert. In manchen Branchen seien Subventionen und auch vorübergehende Schutzmaßnahmen für eine nationale Wirtschaft angesagt – aus politischen und ökonomischen Gründen.

Falsche Schlussfolgerungen

Bereits in den neunziger Jahren gab es mit der Asien-Krise und der Tequila-Krise (Peso-Krise in Mexiko) Wirtschaftskrisen, die zeigten, dass Währungsstörungen selbst in kleinen Ländern zu großen Auswirkungen führen konnten. Unkoordinierte Abwertungen der Währungen von Ländern wie Thailand, Argentinien und Mexiko hatten zu massiven Kapitalfluchtbewegungen von Anlegern geführt, wodurch die gesamte wirtschaftliche Entwicklung dieser Volkswirtschaften gestört worden war. Aus den Krisen wurde fälschlicherweise gefolgert, dass die Probleme rein nationaler Art gewesen seien. Ein Irrtum, so Krugman. Das zweite Missverständnis betrifft die Art der Kurierung der Probleme. Der Internationale Währungsfonds hatte in kurzer Frist ein milliardenschweres Rettungspaket für Mexiko auf die Wege gebracht, welches die Krise schnell überwinden half. Daraus schloss man, die globale Währungssituation stets unter Kontrolle zu haben. Vergessen wurde, dass die USA ein besonderes Interesse daran hatten, eine schwächelnde Wirtschaft in ihrer Region zu stabilisieren, so dass hier eine politische Ausnahmesituation vorlag. Der Internationale Währungsfonds, getrieben von Allmachtsfantasien, deregulierte jedoch die Finanzmärkte immer weiter und forderte von weniger entwickelten Nationen, ihre Märkte radikal zu (neo-)liberalisieren.

Geldpolitik vorstellbar gemacht

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Paul Krugman zeigt, dass die jetzige Wirtschaftskrise bereits in den vorherigen Krisen angelegt war

Das Sujet der Geldpolitik ist für den Laien, aber selbst für Fachleute in seiner Komplexität kaum zu verstehen. Deshalb vereinfacht Krugman die Darstellungsweise dieses schwierigen Mechanismus. Anhand eines Babysitterdienstes in Manhattan, der durch wechselseitige Dienste für Paare mit Kindern Ausgehgelegenheiten herstellt, zeigt der Starökonom, dass alle Mitglieder des Dienstes davon profitieren, wenn Coupons ausgegeben werden, die die Bezahlung für geleistete Dienste und den Anspruch auf eigene Inanspruchnahmen beinhalten. Und an diesem Alltagsbeispiel gelingt es ihm klarzumachen, dass es in der Coupon (Geld-)politik zu Störungen kommen kann. Wenn nämlich viele der Teilnehmer am Babysitting-System im Winter babysitten und im Sommer ausgehen wollen, dann kommt es zu einem Ungleichgewicht auf dem Markt der Coupon-Verteilung. Die Coupons werden gehortet und für den Sommer aufbewahrt, während im Winter ein Überangebot an Coupons erwirtschaftet wird. Dieses Ungleichgewicht an Coupons kann nur durch ein Preissystem verändert werden. Babysitten im begehrten Sommer bringt mehr ein als im Winter. Und Ausgehen im Sommer ist teurer als im Winter. Es wird anhand dieses simplen Beispiels auch klar, warum die Ausgabe von mehr Coupons die „Babysitterbranche“ wieder in Schwung bringen kann. Dies ist ein Analogon zu einer Geldmengenausweitung in der Krise zur Ankurbelung privater Investitionen, wie sie gegenwärtig in übertriebener Weise praktiziert wird.

Masters of the Universe und Greenspans Blasen

Krugman bezeichnet die Investment-Banker als „Herren des Universums“. Und er zeigt, wie es Hedgefonds gelang, mit Hilfe von Währungsspekulationen Milliarden zu verdienen. Der bekannteste Börsenspekulant, George Soros, hatte durch Spekulationen gegen das britische Pfund eine Milliarde US-Dollar Gewinn gemacht. Der Ökonom zeigt die Mechanismen solcher Hebelgeschäfte ebenso wie deren erhebliche Gefahren für die Stabilität des Währungssystems auf. Neben der Kritik an diesem System kriegt vor allem auch Alan Greenspan, langjährig vergötterter Chef der Amerikanischen Zentralbank Federal Reserve, sein Fett weg. Ihm wirft Krugman vor, einseitig durch eine Politik des billigen Geldes falsche Anreize gesetzt und einen Prozess sich verstärkender Blasenbildungen ins Werk gesetzt zu haben. Greenspan habe nur deshalb Erfolg gehabt, weil er eine Aktienblase durch eine Häuserblase ersetzt habe.

Die Entwicklung eines Schattensystems

Im Boom werden Kompromisse bei Regeln gemacht. Krugman zeigt, wie die Einlagepflichten von Banken immer mehr gesenkt wurden. Für weit schlimmer hält er jedoch die Veränderung der Struktur des Finanzwesens. Konkret gesagt wuchs der Anteil von Anlagen außerhalb des klassischen Bankensystems, das der Princeton-Wissenschaftler als Schattenwirtschaft bezeichnet. Die Geld- und Kreditmärkte wurden immer mehr von langfristig riskanten und relativ illiquiden Anlagen durchsetzt, die durch sehr hochvolumige kurzfristige Verbindlichkeiten finanziert wurden. Diese Art der Finanzierung umging das Netz von Einlagesicherungen des klassischen Bankensystems und führte eben jetzt zu einer katastrophalen Verkettung an Zahlungsausfällen.

Gute, spannende Darstellung

Krugman ist erneut ein wichtiger Beitrag zur Diskussion ökonomischer Sachverhalte gelungen, der für ein breites Publikum zugänglich ist. Denn der Nobelpreisträger schildert Prinzipien ökonomischen Handelns und verzichtet auf schwierige technische Begrifflichkeiten, die nur Fachleuten zugänglich sind. Nur die einführende tagespolitische Kritik an der Bundesregierung hätte er sich sparen können. Ansonsten ist es wünschenswert, dass dieses Buch eine weite Leserschaft findet.

Paul Krugman,
Die neue Weltwirtschaftskrise.
Campus Verlag, 248 Seiten, 24,90 Euro,
EAN 9783593389332.


Das Bildrecht liegt beim Campus-Verlag (Cover) und das Porträt ist gemeinfrei (GNU). Der Verlag im Internet.


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