Stalins Meisterspionin

15. Jan 2009 | von Wolfgang Mehlhausen | Kategorie: Politisches Buch

In ihrer nun in deutscher Sprache erschienenen Autobiographie „Sonjas Rapport“ berichtet Ruth Werner schonungslos von ihrer Tätigkeit als Spionin des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Von Wolfgang Mehlhausen

Erst lange nach der Wende durfte eine unzensierte Ausgabe ihres Buchs erscheinen, der 2006 nun auch in deutscher Sprache vorliegt. Was bewegte eine junge Frau aus „gutem“ bildungsbürgerlichen jüdischen Haus, Kommunistin und dann noch berühmte Sowjetspionin zu werden? Auf diese Frage bekommt der Leser keine plausible Erklärung.

Weltbürgerin mit Funkausbildung

So wie ihr Bruder Jürgen Kuczynski war auch Sonja überall in der Welt unterwegs und ging – schon mit 19 Jahren in die KPD eingetreten – mit ihrem ersten Ehemann nach Schanghai. Dort arbeitete sie bald als Agentin zusammen mit Richard Sorge, dem wohl berühmtesten sowjetischen Agenten, der Stalin sogar den Tag funkte, wann ihn sein Verbündeter Hitler überfallen wird und den der „Vater aller Völker“ auch nicht ernst nahm.

Ruth Werner, die als Ursula Ruth Kuczynksi 1907 in Berlin geboren wurde, verließ ihren ersten Mann, mit dem sie aber immer wieder zu tun hatte, um das Spionagehandwerk im Moskau beim Geheimdienst KGB 1933 richtig zu erlernen. Ihr kleiner Sohn wanderte dazu zu den Schwiegereltern in die CSSR. Auch später überließ sie ihre Kinder, von denen sie drei von drei verschiedenen Männern hatte, oft wegen ihres Spionagejobs allein bei Fremden.

Die Arbeit für den militärischen Nachrichtendienst GRU der UdSSR nahm sie ganz in Anspruch. Von ihrem Führungsoffizier bekam sie eine Tochter und ging mit ihrem Ehemann nach Polen und Danzig. Später flüchtete sie in die Schweiz, wo sie mit Sandor Rado von der „Roten Kapelle“ zusammenarbeitete. Den britischen Kommunisten und Spanienkämpfer Len Beurton lernte sie 1939 kennen, den sie später heiratete. Doch der KGB schickte sie zunächst nach Fernost.

1940 heiratete sie schließlich und spionierte nun in England, dabei hatte sie auch den Atomspion Klaus Fuchs im Visier, der den Russen wichtige Informationen zur Atombombe lieferte. Ruth Werner zapfte noch den US-Geheimdienst an und musste dann schnell in die 1950 DDR flüchten, wo sie glücklos war. Die erfolgreiche Spionin wurde aus dem Amt für Information geworfen, weil sie einen Panzerschrank richtig abzuschließen vergaß.

Immerhin bekam die Trägerin des Rotbannerordens noch einen zweiten, gleichen Orden von den Russen. Sie betätigte sich als Schriftstellerin und bekam auch von den DDR-Oberen viele Orden. Als 82-järhige erlebte sie die Wende und hoffte noch, dass Egon Krenz etwas ändern wird. Bis zu ihrem Tode 2000 gehörte sie dem Rat der Alten beim Parteivorstand der PDS an.

Eine bewegte Biographie einer ungewöhnlichen Frau

Ruth Werner hatte Glück, sehr viel Glück. Sie kam nie in die Hände der GESTAPO und anderer Spionage-Abwehrorganisationen, doch noch mehr Glück hatte sie, das ihr eigener Arbeitgeber sie nicht grundlos ermordete oder zumindest auf Jahre einsperrte, denn dies war üblich beim Genossen Stalin und seinem KGB. Auch perfide Übergaben von Menschen an die GESTAPO waren üblich, doch Ruth B. oder „Sonja“ war nur selten im Arbeiter- und Bauern-Paradies und berichtet kaum Kritisches oder gar Schlechtes über die sowjetischen Genossen.

Von rührender Naivität ist beispielsweise die Beschreibung des Genossen Kalinin, der etwas schon bald ziemlich vertrottelte Präsident der UdSSR. Aber auch dieser hatte Hände voller Blut, was sie sicher nicht ahnte, als er ihr den Rotbannerorden durch das Kostüm bohrte und lange ihre Hände hielt, weil sie die einzige Frau war. Alles in allem sind die Beschreibungen im Buch realistisch, oft verklärt, aber allgemein glaubhaft und nicht überzogen.

Viele offene Fragen

Von großem Wert für das Verständnis der Person und des Buches sind die „Nachwendekommentare“ ihrer Kinder, die am Ende des Buches alle zu Wort kommen. Dort wird auch beschrieben, dass Ruth Werner vielleicht ahnte, dass ihr fanatischer Einsatz für die Sowjetunion umsonst war. Denn sie stellt fest, dass der Staat, für den sie mehrfach ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatte und dem sie ihr ganzes Sein widmete, nicht mehr existiert.

Dies wird am Schluss beschrieben, als das „neue Russland“ sie ebenfalls mit einem Orden ehren wollte. Putins Russland hat eine schöne sachliche und personelle Kontinuität zur UdSSR und dem KGB erhalten. Ihr Bruder Jürgen Kuczynski hat nach der Wende zugegeben, dass er sich im Sozialismus geirrt hat, dass dieser stalinistische Sozialismus nicht reformierbar und a priori zum Untergang bestimmt war.

Diese Realitätsakzeptanz ist ihm hoch anzurechnen. Leider kann man weder ihn noch seine Schwester heute noch fragen, wie sie als Weltbürger, die mehrere Sprachen beherrschten und viele Teile der Welt bereist hatten, damit zurechtkamen, dass Ulbricht 1961 seine Bevölkerung einmauerte und nur Alte und Kranke reisen ließ.

Die DDR ist Vergangenheit wie die UdSSR und der „Realsozialismus“ in Europa. Doch warum intelligente und gewiss auch liebenswerte Menschen an diesem System hingen, alles zu geben bereit waren, sogar ihr Leben, obwohl der menschenverachtende Zynismus nicht zu verbergen war, bleibt ein Rätsel. Ein Rätsel bleibt auch die Sowjetspionin Sonja, deren Buch zu lesen ein interessanter Ausflug in die Vergangenheit war.

Ruth Werner
„Sonjas Rapport“
(2006), Verlag Neues Leben, s/w bebildert, 371 Seiten
ISBN 3- 355-01621-3, 19,90 Euro


Lesen Sie mehr auf /e-politik.de/:

Ein galizisches Kapitel NS-Geschichte

Der kontroverse Widerständler

Die Putinokratie


Die Bildrechte liegen beim Verlag Neues Leben.

Schlagworte: , ,
Optionen: »Stalins Meisterspionin« bewertenArtikel drucken | Artikel per E-Mail versenden

Artikel in sozialen Netzwerken teilen:

Ein Kommentar
Artikel kommentieren »

  1. das ist doch keine besprechung! worum geht es denn eigentlich in dem band? wenn ich nur eine biographie der frau lesen will, kann ich auch bei wikipedia nachschlagen!

Kommentar hinterlassen

Twitter Nutzer - Mit deinem Twitteraccount bei /e-politik.de/ anmelden: