Schizophrenie zwischen Flügel und Drehstuhl

19. Apr 2009 | von Tobias Oberndorfer | Kategorie: Politisches Kabarett
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Kabarettist Grebe: ein wilder Ritt durch vielerlei Themen

Der diplomierte Puppenspieler und Träger des Bayerischen Kabarettpreises, Rainald Grebe, steht seit Anfang April mit seinem Programm „Das Hongkongkonzert“ auf der Bühne. Tobias Oberndorfer und Patrick Riordan waren für /e-politik.de/ im Münchner Lustspielhaus dabei.

Den 1971 in Köln geborenen Musikkabarettist Rainald Grebe zog es schon in den frühen 1990er Jahren nach Ostdeutschland. Zunächst verdiente er sein Geld als Straßenmusikant in Berlin bis er ein Studium an der Hochschule für Schauspielkunst antrat und mit einem Diplom im Fach Puppenspiel abschloss. Ab dem Jahr 2000 war er für vier Jahre als Dramaturg und Schauspieler am Theaterhaus Jena tätig. Im Anschluss begann er seine Kabarettkarriere und ist mittlerweile mit seinem dritten Soloprogramm „Das Hongkongkonzert“ unterwegs. Belege für seinen Erfolg sind unter anderem der Deutsche Kleinkunstpreis 2000, der Salzburger Stier 2008 und der Bayerische Kabarettpreis 2009.

„Zieh deine Mastercard durch meinen Mund“

Vor einem für Kabarett bemerkenswert jungen Publikum betritt ein ausgebrannter Barpianist im zerknitterten auberginefarbenen Anzug die Bühne und fläzt sich auf seinen Drehstuhl hinter dem Flügel. Aus der Karaokemaschine plätschert „You’re beautiful“ von James Blunt. Der von einer Insolvenzeröffnung irgendwo zwischen Hanau und Wilhelmshaven kommende Künstler sinniert: „My life is brilliant“, oder?
Matthias Reims „Verdammt ich lieb dich“ bringt den bisher erfolglosen Songschreiber zum Nachdenken, wo diese ganzen „Hits“ eigentlich herkommen. Die Erkenntnis bringt ihm André Heller: Mitten in der Nacht kommt die Idee und sagt „mach mich“.
Doch neben dem abgehalfterten Alleinunterhalter hat Grebe noch diverse andere Rollen drauf, immer passgenau am Flügel begleitet. Zwischen dem verstörend stressigen Stück über die Schlaflosigkeit moderner Gesellschaften und nachdenklichen Liedern über die Liebe oder ein „gelungenes“ Silvester ist jede Menge Platz für kleine, aber fiese Anspielungen auf politisches Geschehen. „Opelaner, oder wie Sie heißen, das System ist gut, Sie sind scheiße!“

„Liebe Langnasen“

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Rainald Grebes drittes Soloprogramm trägt den Namen "Hongkongkonzert"

Seinen Titel bezieht das Programm von einem tatsächlich stattgefundenen Konzert Rainald Grebes im Hotel InterContinental Grand Stanford vor den letzten Deutschen, die die Finanzkrise in Hong Kong übrig gelassen hat. Diesen versprach er Erholung von „Finanzkrise, Erderwärmung, Terrorismus und Piraten“ bei einem „Urlaub in Deutschland, Urlaub in der Region“. Denn nachdem die Erderwärmung über Sachsen gekommen ist, kann man sich hier bei einem Chianti aus Chemnitz in seiner Finca im Olivenhain zu Grimma entspannen. Beim Thema Deutschland spart Grebe auch nicht mit „Mitleid“ für Milliardärinnen, die sieben Millionen Euro brauchen, aber nur vier haben. Kein Mitleid, auch nicht für arbeitswütige Politiker auf Wahlkreistour und kein Verständnis für „Bionade-Biedermeier“ im Wellness-Hotel, wo man auch Trümmerfrauen mit Schokolade im Gesicht antrifft. „Das hätte es unter Adenauer nicht gegeben“

„Zeitverschwendung ist angenehm“

Grebe nimmt seine Zuschauer mit auf einen wilden Ritt durch vielerlei Themen, permanent pendelnd zwischen Deutschland und dem Hongkongkonzert, mal drastisch und wirr am Klavier, mal entspannt zurückgelehnt auf seinem Drehstuhl. Dem Münchner Publikum hat dies so gut gefallen, dass es Grebe zu insgesamt vier Zugaben zurück auf die Bühne klatschte. Offenkundig zwei mehr als geplant: Spontan bediente sich der Profi einer Flasche Wein, einer Zigarette, des Tontechnikers und seines umfangreichen Repertoires um das Publikum zu unterhalten.
Auch wenn diese Schlussphase in erster Linie die zahlreich vertretenen eingefleischten Fans begeisterte, so überzeugte das eigentliche Programm mit fetzig-virtuosem Klavierspiel und spitzen Pointen. Vor allem wer es schaffte, dem hohen Tempo und den schnellen Wechseln zu folgen, hatte seinen Spaß. „Schlafen Sie gut, denn Sie haben es bitter nötig!“


Die Bildrechte liegen bei Jim Rakete (Portrait) und Joachim Dette.


Weiterführende Links:

Lustspielhaus

Spielplan


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