Revolution x 6

30. Jul 2009 | von Andreas Morgenstern | Kategorie: Politisches Buch

„Samtene Revolution“ in der Tschechoslowakei 1989.
„Samtene Revolution“ in der Tschechoslowakei 1989.

Wie Dominosteine fielen vor zwanzig Jahren die kommunistischen Regimes des „Ostblocks” in sich zusammen. Der ungarische Schriftsteller György Dalos erinnert an jene historische Tage und offenbart dabei Parallelen, aber auch manchen Unterschied zwischen den Ländern. Mit leichter Hand entsteht so ein vielfarbiges Bild des großen europäischen Aufbruchs. Von Andreas Morgenstern.

„Wer war Karl Marx?” „Ach, fragen Sie mich doch nicht so was.” „Und warum nicht?” „Nun, ich habe einfach keine Zeit, um solche Dinge zu studieren.” Dieser Dialog klingt nach einer Umfrage in einer x-beliebigen Stadt in einer kapitalistischen Stadt unserer Tage und würde kein weiteres Aufsehen erzeugen. Stattdessen erscheint dieses Interview aber schier unglaublich, fand es doch im kommunistischen Budapest des Jahres 1985 statt. Die Welt des Ostens schien in bester Ordnung, der Sozialismus „planmäßig” voranzuschreiten. Mitten in dieses gern gepflegte Idyll sendete der staatliche Ungarische Rundfunk solche Töne. Was aus Frager und Befragtem wurde wissen wir nicht, anderswo hätte eine derartige Sendung allerdings drastische Folgen gehabt.

Die „Bruderstaaten” des Ostblocks wiesen Unterschiede auf, die über die austauschbaren Führungskader an der Spitze ihrer Staatsparteien hinausreichten. Die Deutschen in der DDR lebten eingemauert im System ganz anders als die Ungarn „in der lustigsten Baracke des Sozialismus”, und die Ungarn „genossen” ein anderes Lebensumfeld als die Bulgaren unter deren Ewig-Chef Todor Schiwkow der zuletzt zur Sicherung der eigenen Regentschaft die türkische Minderheit zum Sündenbock der herrschenden Misere machte. Der Führungsanspruch der Partei war überall uneingeschränkt, was „die Partei” daraus machte, darin unterschieden sie sich. Gemeinsam war ihnen aber ihre Abhängigkeit vom „Großen Bruder” in Moskau und schließlich das Epochenjahr 1989, als die sowjetischen Bajonette nicht mehr den Realsozialismus verteidigten. Nacheinander gingen alle sechs mittel- und osteuropäischen Regimes zugrunde.

Mythen des Umschwungs

György Dalos hat diese Zeit, hat das Leben in verschiedenen Ostblockländern erlebt. Der Schriftsteller geriet mit seinem Hang zum unverblümten Wort wiederholt in Konflikt mit der Staatsmacht. Der Leser des recht passend Der Vorhang geht auf benannten Bandes profitiert davon.

In Essays beschreibt Dalos die Ereignisse an der Staatsspitze, aber auch das ganz alltägliche Leben hinter dem Eisernen Vorhang. Er zeichnet ein Bild von Unzufriedenheit und grassierendem Rückzug ins Private, einer allgemeinen Enttäuschung und vielfachen Passivität, die aber die verfallenden Machtapparate auch nicht mehr länger sichern ließ. Dabei trennte die Gesellschaften die Intensität des Umbruchs, dessen Dauer und – Dalos kann sich eines Urteils nicht enthalten – die mehr oder minder bewusste Aufarbeitung der verschiedenen Diktaturen ab 1990. Und hier spiegeln sich für Dalos die Charaktere der einzelnen Umbrüche wider. So kennzeichnet er Rumänien und Bulgarien als Palastrevolutionen, in denen Genossen aus der zweiten Reihe die Altstalinisten verdrängten und hierfür die Massenproteste ausnutzten.

Für das in den Tagen blutgetränkte Ceauçescu-Land Rumänien mag dies überraschen. Hier ging die Diktatur weder klanglos noch friedlich zugrunde, hinter den Kulissen nutzten aber wohl enttäuschte Alt-Kader die Unsicherheit aus. Die Umstände des bulgarischen Umbruchs blieben bis heute weitgehend ungeklärt. Praktisch über Nacht und hinter verschlossenen Türen entschied sich Shiwkows politisches Schicksal. Seine Nachfolger stilisierten sich dann als Retter der Nation. Unter der natürlich dann ausgebliebenen offenen Aufarbeitung leiden die Gesellschaften noch heute.

Wirklich überraschend ist aber, dass auch anderswo vieles noch immer verborgen hinter einem grauen Dunstkreis zu liegen scheint. In der Tschechoslowakei dauerte das erzwungene Ende des Kommunismus ganze acht vom Volk durchdemonstrierte Tage. Die aufgeheizte Atmosphäre kochte aber nicht nur durch die Fernsehbilder vom geöffneten Brandenburger Tor, sondern auch durch den vermeintlichen Tod des Demonstranten Martin Šmid über. Woher diese Fehlinformation kam, ist bis heute unklar. Da wird sich sicherlich noch manche Überraschung in den Akten der einst so allgegenwärtigen Sicherheitsdienste verbergen. Bewiesen hat das ja erst jüngst der doch eigentlich so gut ausgeleuchtete deutsche Fall, hier mit der Stasi-Verstrickung des Benno-Ohnesorg-Mörders Karl-Heinz Kurras.

Blick zurück, und doch voraus

Bei Dalos gerät man immer wieder ins Staunen. Die zwanzig Jahre seit dem Ende des Staatssozialismus führten überall zu tiefgreifenden, von der politischen auf praktisch alle übrigen Ebenen hinausgreifenden Veränderungen. Aus den grauen Ländern der Achtziger sind inzwischen durchaus vitale EU-Mitglieder erwachsen. Auch sind die in den Tagen der Revolution vorangetretenen Politiker weitgehend von einer neuen, westlicher geprägten Generation abgelöst worden. Die Länder sind wohltuend normal, aber nicht langweilig geworden. Der alte Marx taugt auch nicht mehr als Schreckgespenst, sondern wird als Ikone eines alternativen Lebensstils von Teilen der jungen Generation in Besitz genommen. Das beschriebene Interview würde von Warschau bis Sofia nicht mehr aufregen. Da erscheinen die von Dalos beschriebenen Jahre als Mahnung aus einer beinahe vergessenen Zeit.

Ganz so sicher sollte man sich aber dann doch nicht fühlen. Neben der politischen Unfreiheit hatten gesellschaftliche Dumpfheit, Ausgrenzungen und ökonomische Zwänge zu einer Lethargie geführt, die den Ländern die Lebenskraft aussog. Und das ist eine ständige Bedrohung, nicht nur im Kommunismus. Dalos’ Schilderungen machen so auch im Blick auf Gegenwart und Zukunft nachdenklich.

Dalos, György:
Der Vorhang geht auf. Das Ende der Diktaturen in Osteuropa,
C.H. Beck, München 2009, 272 S.
SBN 978-3-406-58245-5. 19,90 Euro

Die Bildrechte liegen beim Verlag C.H. Beck (Buchcover) bzw. ist unter der Creative Commons Lizenz (Urheber Piercetp) lizenziert.


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