Psychologie der Börse

09. Mai 2009 | von Christoph Rohde | Kategorie: Politisches Buch

Was treibt private Anleger bei ihren Entscheidungen an? Welche psychologischen Faktoren spielen hierbei die Hauptrolle? Diesen Fragen widmet sich eine Untersuchung von Heinz-Kurt Wahren aus theoretischer Perspektive. Von Christoph Rohde

Heinz-Kurt Wahren, Geschäftsführer einer Consulting Firma und Lehrbeauftragter für Betriebswirtschaft und Psychologie, unternimmt mit seinem Buch Anlegerpsychologie den Versuch, die Handlungsmotivationen und Verhaltensweisen von Anlegern aus differenzierten Perspektiven heraus verständlich zu machen. Sein Buch hebt sich von vereinfachenden populärwissenschaftlichen Schriften in wohltuender Weise ab.

Das Buch ist als kritischer Beitrag an bestehenden wirtschaftspolitischen Grundhypothesen angelegt. Weder ein markthöriger Neoliberalismus noch ein einfacher staatsinterventionistischer Keynsianismus erklären für ihn die komplexe Welt der Börse. Neben vereinfachender Wissenschaft kritisiert er eine Medienberichterstattung, durch welche die undifferenzierte Sicht auf die Anlageproblematik noch verstärkt wurde. Der Autor geht bewusst theoriegeleitet und multimethodisch vor. Seine Synthese betriebswirtschaftlicher, organisationssoziologischer und psychologischer Erkenntnisse macht den Mehrwert des Buches aus.

Risikoaverse deutsche Anleger

Die deutschen Anleger sind im internationalen Vergleich zwar sehr sparfreudig – Deutschland hat eine Sparquote von 10,5 Prozent, die USA von 0,5 Prozent. Das heißt, der Deutsche legt gut ein Zehntel seines verfügbaren Einkommens zurück, der Amerikaner lediglich ein Zweihundertstel. Die Deutschen aber, so Wahren, legen ihr Kapital zu geringen Renditen an. Dies liegt vor allem daran, dass sie ihr Geld weit weniger als andere Bürger auf dem Aktienmarkt investieren.

Mit diesem Verhalten geht jedoch kein Mehr an Sicherheit einher, wie zu erwarten wäre. Denn die Geldanlagen in Investmentfonds und Lebensversicherungen seien auch nicht krisensicher, führen aber zu klaren Renditeabschlägen, so der Autor. Dies sei auch die Folge einer relativ stereotyp argumentierenden Ratgeberliteratur im Bereich der Finanzwirtschaft. Hier sieht sich der Verfasser explizit als Aufklärer, der dem Anleger den Weg zur mündigen Risikoanalyse weisen möchte.

Erkenntnisse aus der Glücksforschung

Das Verhältnis von Geld und Wohlbefinden beeinflusst das Verhalten von Anlegern in hohem Maße. Denn der Mythos des „Geld macht glücklich“ hat in unserer Gesellschaft weit stärkeres Gewicht als die Mär vom Hans im Glück, der die Möglichkeit zu materiellem Wohlstand als Banalität entlarvte und ein materiell bedürfnisloses Leben bevorzugte.

Da das Selbstbild von Menschen weitgehend davon abhängt, wie andere sie sehen, ist das Streben nach materiellem Reichtum eine wesentliche Strategie zur Gewinnung von Anerkennung und einem scheinbar zufrieden stellenden Selbstwertempfinden. Dieses „Glücksempfinden“ ist jedoch von nur kurzer Haltbarkeit, weshalb Menschen mehr solche Momente suchen und entsprechend höhere Risiken einzugehen bereit sind. Und wenn dann noch ihr Nachbar reich wird, möchten sie nicht zurückstehen und gehen ebenfalls ein Risiko ein, indem sie seine Strategie imitieren. So entsteht das von Gustave Le Bon so prominent geschilderte Herdenverhalten, das ständig oszillierende Bewegungen von Hype und Panik an den Börsen erzeugt.

Die unkalkulierbare Börse

Die Börse ist der Ort, wo die Preisbildung für Kapitalmarktprodukte stattfindet, das Zusammenwirken von Käufern und Verkäufern organisiert wird sowie die Informationen der Akteure in Bezug auf zukünftige Chancen und Risiken ausgetauscht werden. Die Preisbildung an Börsen verläuft jedoch nicht instrumentell-rational, wie dies klassische Finanzwissenschaftler wie Milton Friedman bis in die Gegenwart behaupten, sondern ist durch verschiedene Ausgangslagen wie unterschiedliches Wissen und differierende Risikokalküle geprägt.

Wahren (Bild links) bemüht Börsenkapazitäten vom Schlage eines Andre Kostolany oder George Soros, die die Bedeutungslosigkeit klassischer Theorien für den Erfolg an der Börse hervorheben. Die Börsenaktivität sei zu 90 Prozent auf psychologische Faktoren zurückzuführen, behaupten beide Protagonisten. Die Forschung trägt dieser Tatsache zunehmend Rechnung. Die klassische Wirtschaftstheorie gerät zusehend in die Defensive. Dazu weist der Verfasser darauf hin, dass viele Broker unter der Krankheit der Spielsucht leiden. Keine sehr ermutigende Aussicht, wenn man den Einfluss auf die globale Wirtschaft bedenkt!

Die Psychologisierung des Homo Oeconomicus

Die psychologische Forschung bemächtigt sich immer stärker der Wirtschaftswissenschaften. Besonders großen Einfluss in der Öffentlichkeit hat bis in die Gegenwart das 1895 erschienene Werk Gustav Le Bons, dessen Psychologie der Massen das Überschwängliche, Impulsive, Irrationale, Triebhafte und Herrschsüchtige der Massen betont. An der Börse wirken sich diese Kräfte wie folgt aus: Die gemeinschaftlich aufgebaute Illusion eines zukünftigen Reichtums führt zu Effekten kollektiver Ansteckung, der mitunter große Populationen zum Opfer fallen, die sich unkritisch verlockenden Angeboten und Versprechungen hingeben.

So plausibel dieses Bild auf den ersten Blick erscheint, so begrenzt ist es jedoch auf die komplexe Wirklichkeit der Finanzmärkte anwendbar. Denn zu heterogen sind die Modelle und Finanzmarktprodukte, als dass solch homogene Reaktionen denkbar wären. Eine andere Gefahr macht Wahren hingegen aus: Da Börsenentscheidungen vom Normalbürger per Mausklick in Sekundenschnelle durchführbar sind, werden diese zu hastigen und wenig überlegten, aber folgenreichen Entscheidungen verführt. Es sind gerade die atomisierten, autonom handelnden Individuen, die durch manipulative Internetangebote verführt werden können. Aus ihren Handlungen ergibt sich dann ein kollektiver Effekt. Die Behavioral Finance bindet Erkenntnisse der Neuropsychologie in die Analyse der Kalkulationen von handelnden Akteuren ein.

Nichtwissen als Riesenproblem

Wahren fordert den „mündigen Anleger“. Um diesen nicht nur als Idealtypus zu konstruieren, liefert er Fragebögen zur individuellen Risikokalkulation mit und stellt verschiedene Portfolio-Strategien vor. Ohne dass deren reale Wirksamkeit genau geprüft werden kann, führt der Verfasser den Leser auf den Weg der Selbstreflexion. Dies ist sein Ziel, denn er möchte die Methoden etwaiger Banken und Anlageinstitutionen enttarnen, die mit falschen Versprechungen und übertriebenen Kampagnen sowie übertriebenen Renditeangeboten eine Rattenfängerfunktion übernommen haben. Zwar nennt der Verfasser keine Namen, aber er kritisiert die unheilige Allianz zwischen Banken, Medien und anderen Anlageinstituten, die das Nichtwissen der Menschen weidlich auszunutzen wüssten. Denn die Risiken verfehlter Kapitalmarktanlagen tragen zumeist nicht die Provision kassierenden Vermittler, sondern die Anleger selber.

Dieses Buch verbindet in vernünftiger Weise klassische und moderne theoretische Ansätze zur Finanzmarktanalyse und stellt dem Anleger praktische Tipps zur Verfügung, wie er seine Anlageentscheidungen strukturieren kann. Dabei unterscheidet sich Wahrens Werk fundamental von den Ratgebern, die schnellen Reichtum versprechen. Der mahnende Charakter lässt den Band gerade in Krisenzeiten als wertvollen Weckruf erscheinen. Durch seine Vielseitigkeit ist er sowohl für kritische Anleger als auch für Journalisten und Wirtschaftswissenschaftler geeignet.

Heinz-Kurt Wahren,
Anlegerpsychologie,
(2009), Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaft,
296 Seiten, ISBN 978-3-531-16130-3, 34,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim VS-Verlag (Cover) und bei Wikipedia (FNU).


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