Rückzug in den Elfenbeinturm
Der Historiker Wolfgang Benz und seine Co-Autoren wollen der seit Jahren immer wieder aufflammenden Debatte über NSDAP-Mitgliedschaften von heutigen Prominenten auf den Grund gehen. Ein Versuch, der nur bedingt gelingt. Von Samuel Müller
Schon im Titel wird die Kernfrage des Buches präsentiert: Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre Mitglieder. Die öffentliche Kontroverse, auf die das Buch damit reagiert, fassen Benz in der Einleitung des Buches, aber insbesondere Sven Felix Kellerhoff im Schlusskapitel zusammen: Im Zuge der Übernahme des Berlin Document Centers durch das Deutsche Bundesarchiv von den Amerikanern vor 15 Jahren wurden riesige Aktenbestände des Dritten Reichs der Öffentlichkeit zugänglich. Die Aktensammlung, die für die Siegermächte insbesondere für die Nürnberger Prozesse bedeutend war, entfaltet heute durch ihre personenbezogenen Daten erneut Brisanz.
So tauchen plötzlich bekannte Namen auf Karteikarten auf, die belegen sollen, dass Intellektuelle wie der Schriftsteller Siegfried Lenz, Martin Walser oder der Kabarettist Dieter Hildebrandt in jungen Jahren Mitglieder der NSDAP waren. Viele dieser für die Bundesrepublik prägenden Intellektuellen bestreiten jedoch energisch, jemals einen Mitgliedsantrag für die Hitler-Partei unterschrieben zu haben. Von einigen Wissenschaftlern wird daher die Auffassung vertreten, dass es möglicherweise pauschale Sammelaufnahmen in die NSDAP gab, die auf das Einverständnis der Betroffenen verzichteten. Die Autoren des vorliegenden Bandes teilen diese Auffassung jedoch nicht.
Wissenschaft und Moral
Die Integrität der Betreffenden oder andere Fragen, die normativer Inhalte verdächtig wären, sollen im vorliegenden Band jedoch nicht zur Debatte stehen. „Zu klären bleibt allerdings“, so Benz im Vorwort des Bandes, „– und dies ist ein Problem der Wissenschaft und keines der Moral – welche Aufnahmeprozeduren für die NSDAP galten und ob man auch ohne sein Wissen Pg (Parteimitglied) werden konnte.“
Doch leider verfehlt der Band seine Zielsetzung. Zunächst fehlt dem Buch ein klarer Aufbau, die Beiträge werden in der Einleitung nicht erwähnt und in Bezug zueinander gesetzt, und auch wurde kein Mittel gefunden, Redundanzen innerhalb der verschiedenen Beiträge zu verhindern. Doch das eigentliche Manko des Buches besteht darin, dass die neun recht kurzen Artikel, bis auf die Beiträge von Juliane Wetzel, Armin Nolzen und dem eher als Kommentar gehaltenen Abschlusskapitel von Kellerhof, nahezu keinen Bezug auf die Ausgangsfrage nehmen.
Der Anspruch an Wissenschaftlichkeit als normfreies Werkzeug, scheint bei der hochsensiblen Thematik des Buches völlig ins Leere zu führen. Sollte etwa die Vermeidung einer konkreten Anbindung an die eigentlichen Fragestellung innerhalb der meisten Beiträge ein Indiz dafür sein, dass sich das bewegende Thema eben doch nicht unter rein objektiven Gesichtspunkten bewältigen lässt?
Keine Mitgliedschaft ohne Unterschrift
Doch zunächst zur Sache selbst. Von Wetzel erfahren wir, dass die meisten jener Persönlichkeiten, um die es heute geht, Mitglieder der Hitler-Jugend waren. Als Angehörige einer Jugendorganisation der NSDAP waren sie somit nicht von den 1933 und 1942 verhängten Aufnahmesperren der Partei betroffen. Konsequenterweise widmet sich Nolzen daher der Aufnahme von Angehörigen der Hitler-Jugend in die NSDAP, so der Untertitel seines Beitrags.
Übereinstimmend mit Wetzels Ergebnissen kommt Nolzen zu dem Schluss, dass zu keinem Zeitpunkt eine Parteimitgliedschaft ohne eigenhändige Unterschrift möglich war. In diesem Zusammenhang gibt Nolzen zu Bedenken, dass nach Kriegsbeginn der ungeheure Bedarf an überzeugten Führungskräften in der NSDAP besonders anstieg, so dass das Aufnahmealter herabgesetzt wurde. So konnten selbst 16- und 17-Jährige der Partei „gewissermaßen prophylaktisch“ (Nolzen), da noch nicht vollends rechtskräftig, beitreten. Dabei, so beschreibt der Autor, erhöhte sich der Druck auf die Jugendlichen, der Partei beizutreten, durch Werbeaktionen und soziales Umfeld enorm.
Doch gleichzeitig erfährt der Leser, wurde von offizieller Seite durchgehend betont, dass die Parteimitgliedschaft auf freiwilliger Grundlage zu erfolgen hatte. Denn, so zitiert Nolzen den Leiter der Partei-Kanzlei und Nachfolger von Rudolf Heß, Martin Bormann: „Mitglied der Partei soll nur werden, wer sich in der Hitlerjugend bewährt hat und nach strenger Auswahl ein wertvoller nationalsozialistischer Kämpfer zu werden verspricht.“ Nach 1939 musste dem Aufnahmeantrag sogar noch eine Bescheinigung der zuständigen BDM-Führerinnen und HJ-Führer hinzugefügt werden, dass der Antragsteller freiwillig die Parteimitgliedschaft beantragt habe.
Eine automatische und unwissentliche Aufnahme in die Partei schließen Nolzen wie auch Wetzel somit aus. Jedoch muss man zumindest der Vollständigkeit halber hinzufügen, dass zwar die Karteikarten, die eine Parteimitgliedschaft der heute Betroffenen belegen sollen, im Berlin Document Center aufgefunden wurden, die unterschriebenen Mitgliedsanträge in dem vorliegenden Band jedoch nicht als Quellen erwähnt sind. Viele von ihnen, so geht wiederum aus Kellerhofs Beitrag hervor, wurden von den Nazis in den letzten Kriegsmonaten vernichtet.
Unreflektierte Fakten
So Nolzens Beitrag ein Lichtblick der Lektüre darstellt, entziehen sich die meisten Aufsätze der prominent auf dem Einband des Buches zu lesenden Ausgangsfrage. Zudem neigen viele der Autoren dazu, den jeweils zusammengetragenen Fakten rund um das Thema NSDAP und Drittes Reich keine tiefer gehenden Erklärungen und Reflektionen folgen zu lassen. Benz’ einleitender Wunsch, urteilsfrei zu forschen, wird somit um den Preis eines aussagekräftigen Buches erfüllt.
So wünscht sich der Leser mehr Mut der Historiker, die sich hier im Namen einer falsch verstandenen Wissenschaftlichkeit viel zu sehr in ihren Elfenbeinturm zurückziehen. Der Schlussbeitrag Kellerhofs wird somit trotz seines teilweise recht polemischen Tonfalls zum Gewinn, da sich dieser für ein Schuldeingeständnis der Betroffenen positioniert – ein Argument, welches nicht verpufft, sondern auf das reagiert werden kann. Auch Nolzen verwehrt sich nicht der Bewertung seiner Ergebnisse. „Der Zeitpunkt der Unterschriftleistung“, so schließt er seinen Artikel, „konnte auch einen Augenblick der Freiheit bedeuten: zu unterschreiben – oder aber eben auch nicht.“
Zeugnis deutscher Befangenheit
Warum entwickelt sich in diesem Buch keine lebhafte Debatte? Wolfgang Benz, wie beispielsweise in seinem Band über Völkermord und Vertreibung zu Tage tritt (Rezension bei e-politik.de), gehört sonst keineswegs zu denen, die im Namen der Wissenschaft auf Kritik verzichten.
Im vorliegende Band scheint einmal mehr deutlich zu werden, wie schwierig uns Deutschen der Umgang mit der eigenen Vergangenheit fällt, die immer wieder scharfe Kontroversen produziert – sei es im Zuge des Historikerstreits, der Paulskirchenrede Martin Walsers oder der Debatte um die Wehrmachtsausstellung.
Eine verantwortungsvolle Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich und dem Holocaust bleibt eine enorme Herausforderung, auch für nachfolgende Generationen. Dabei ist eine kritische Geschichtswissenschaft unerlässlich. Benz’ Buch lässt sich zwar als Informationsquelle zu verschiedenen Aspekten der NSDAP empfehlen. In Bezug auf die Debatte zu NSDAP-Mitgliedschaften von heutigen Intellektuellen ist es jedoch eher ein Zeitdokument deutscher Befangenheit geworden.
Benz, Wolfgang,
Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre Mitglieder,
(2009) Frankfurt/M., Fischer Verlag,
218 S., ISBN 978-3-596-18068-4, 12,95 Euro
Die Bildrechte liegen bei Sören Sgries (Holocaust-Mahnmal), bzw. beim Fischer Taschenbuch Verlag. Der Verlag im Internet.
Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:
Artikel in sozialen Netzwerken teilen:





wie oft kann man in einer einzigen besprechung den terminus ‘das buch’ (welches denn sonst?) unterbingen? in dieser: eindeutig zu oft! schade um die ansonsten angenehm kritische position des rezensenten.