Leben in Tarnung

02. Jan 2009 | von Wolfgang Mehlhausen | Kategorie: Politisches Buch

Wenige Juden haben sich getraut, einfach „unterzutauchen“. Mit viel Glück entkamen sie der GESTAPO und deren Helfern. Wer in einer Welt von Feinden, gleichgültigen „Ariern“ und wenigen mutigen Helfern überlebte, hat etwas zu berichten, wie Inge Ginsberg. Von Wolfgang Mehlhausen

Es gibt viele Berichte von Menschen, deren Schicksal es nach Kriegsbeginn in Hitlers Deutschland und den besetzten Gebieten war, entweder sofort oder nach mehr oder minder längerem KZ-Aufenthalt ermordet zu werden. Sie hatten nichts verbrochen und lebten oft ganz normal bis zu jenem Tag, als es eine Rolle spielte,  dass sie nach NS-Gesetzen Juden waren.

Ob sie christlich getauft, assimiliert oder streng nach jüdischen Gesetzen lebten, wurden sie bald ausgeraubt und ermordet. Gemessen an den Millionen, die totgeschlagen, erschossen oder in industriellen Anlagen vergiftet wurden, sind es nur wenige, die sich trauten, einfach „unterzutauchen“. Immerhin haben es einige versucht und überlebten diese für sie todbringende Zeit, nicht wenige hatten danach Lust, das Erlebte für die Nachwelt aufzuschreiben.

Inge Ginsberg gehörte dazu. Sie erreichte der Naziwahn schlagartig mit dem Anschluss Österreichs 1938 noch härter als ihre Leidensgenossen im „Altreich“, die den verordneten Antisemitismus und die Erniedrigungen schrittweise erlebten.

Flucht in die Schweiz

Nachdem sie sich einige Zeit in Österreich durchgeschlagen hatte, erreichte sie 1942 die Nachricht der Deportation, der sie zu entgehen gedachte. Mit Mutter und kleinem Bruder gelang ihr die abenteuerliche Flucht in die Schweiz, die bekanntlich ihre Grenzen fest gegenüber mittellosen Juden geschlossen hielt.

Aber sie hatte Glück und traf auf einen sehr menschlichen Beamten und kam in ein Lager, das keinesfalls sehr komfortabel war, aber Essen und Trinken und Überleben sicherte. Allein die Schilderung dieser Details und das Leben bis zur Flucht im „angeschlossenen Österreich“ bietet dem historisch Interessierten eine Fülle von erkenntnisreichen Informationen, für die in normalen Geschichtsbüchern kein Platz ist.

Vom Flüchtlingsschicksal zum Geheimdienst

Spannend wird die Schilderung des Lebens in der Schweiz, als Inge 1944 in einer Villa in Lugano arbeitet. Sie bemerkt dort sonderbare Vorgänge und stellt fest, dass dieser imposante Bau unter Kontrolle des US-Geheimdienstes steht. Partisanen gehen in der Villa ein und aus. „Partisanenvilla“ nennt sie diese und gibt ihrem Buch auch den Namen. Die Alliierten kooperieren mit verschiedenen italienischen Partisanengruppen und bereiten geheime Verhandlungen mit SS-General Karl Wolff vor, um eine Teilkapitulation in Oberitalien zu erreichen. Dies hilft, Menschenleben und Kunstschätze zu retten.

Wenig ist über dieses interessante historische Geschehen bisher bekannt geworden. Da Inge Ginsberg nur eine untergeordnete Rolle dabei spielt, fehlen spektakuläre Enthüllungen, vieles konnte sie auch erst nach dem Kriege rekonstruieren. Doch alles in allem erfährt man zu den Kriegsereignissen in Oberitalien viel.

Ein bemerkenswertes Leben nach dem Kriege

Der Bericht der lebensfrohen Inge führt uns auch in die Zeit nach Kriegsende. Die attraktive Frau heiratet dreimal, jeweils Männer aus Wien. Sie geht nach Israel, lebt aber auch in Ecuador und in den USA und hat heute noch vier Adressen. Mit ihrem ersten Mann Otto Kollmann, einem Komponisten begann sie eine Karriere als Liedermacher und schrieb Texte für Dean Martin, Doris Day, Lys Assia und Vico Torriani, Namen, die in den 1950er und 1960er Jahren jedermann kannte.

Materielle Sorgen scheint sie da nicht mehr zu kennen, sie reist durch Europa und die Welt mit einer Spontaneität, wie einfache Menschen sich kaum in einer einzigen Stadt bewegen können. Dabei berichtet sie immer wieder über spannende Erfahrungen und versprach mit 86 Jahren, dass es nicht das letzte Buch sein würde. Sie hätte noch viel zu erzählen über Liebe im Alter, beispielsweise.

Kein Blick zurück im Zorn

Was Inge Ginsberg zu berichten hat, klingt überzeugend und ist scheinbar ohne Zorn geschrieben. Sie beschreibt Menschen wie sie sind, eine Fünfzehnjährige, die ihre schönen Stiefel will, weil sie ja ohnehin bald sterbe, sprich von der SS ermordet werde. Sie beschreibt Leute, die gern jüdisches Eigentum scheinbar uneigennützig zur Aufbewahrung entgegennahmen und dann für immer damit verschwanden und auch nach dem Kriege nichts zurückgaben.

Zugleich erfahren wir, wie viele Verwandte und Freunde sie irgendwann zum letzten Mal sah, sie alle gingen den Weg in einen oft qualvollen Tod. Inge Ginsbergs Lebensbeschreibung enthält viele philosophische Weisheiten, die man beim Lesen entdecken kann. Nichts wird den Lesern aufgedrängt, sie müssen selbst über das Geschilderte nachdenken.

Ginsberg, Inge
„Die Partisanenvilla“. Erinnerungen an Flucht, Geheimdienst und zahlreiche Schlager
(2008), München, Deutscher Taschenbuch Verlag,
157 S., ISBN 978- 3-423-24680-4, 13,90 Euro


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