Kreativer als postindustriell
Unsere Wirtschaftswelt ist aus den Fugen, die „Ideenwirtschaft“ hat den Industriekapitalismus überholt. Doch ökonomisches Denken und Arbeiten sind da nicht mitgekommen, findet Wolf Lotter und macht uns die neue kreative Welt zum Ziel. Von Nona Schulte-Römer
Schon der Titel verspricht Großes, indem er mit großen Begriffen hantiert: Die kreative Revolution – Was kommt nach dem Industriekapitalismus? Ein kämpferisches Stichwortarsenal, das aufmerken lässt und dabei so populär wie dehnbar ist. Denn wo und vor allem wann „danach“ soll die kreative Revolution einsetzen? Während der Industriekapitalismus hierzulande bereits totgesagt ist, wollen ihn andere Länder erst noch erreichen. Oder, so fragt sich die Leserin, hat uns die Revolution vielleicht schon gefressen? Vielleicht in Gestalt der modernen Sphinx Kreativität: Wer ihr Rätsel nicht löst, muss schuften wie in alten Tagen. Wer die zündende Idee hat, ist ein freier Mensch – oder ein freier Mitarbeiter.
Mit Schlagworten aus dem Chaos
Das Buch im bonbonfarbenen Cover tritt jedoch nicht an, um Rätsel zu lösen. Der brand eins Redakteur Wolf Lotter will vielmehr diffuse Begriffe aufklären – die „Ideenwirtschaft“ in unserer „Wissensgesellschaft“ – und nicht zuletzt auch seine Leser. Dazu fischt er in wissenschaftlichen Töpfen und prüft ökonomische Zusammenhänge. Die im Vorwort erklärte „einzige Aufgabe“ des Buches ist es zu zeigen, „welche Paradigmenwechsel anstehen und wie anders wir denken müssen, um diese Welt, die längst existiert, nicht als chaotische Bedrohung zu verstehen, sondern zu nutzen.“
Kurz und frei zusammengefasst lautet Lotters Grundthese, dass die industrielle Massenproduktion durch eine Ideenwirtschaft abgelöst worden ist, dass nicht mehr das Anhäufen von viel und billig zählt, sondern der brillante und gewinnbringend umgesetzte Einfall und damit Vielfalt und selbstbestimmtes Arbeiten statt gleichgeschalteter Fließbandfertigung. Ein gesellschaftspolitisches Umdenken sei unumgänglich.
Auf die Köpfe gestellt
Doch die neue ideelle Grundlage der wirtschaftlichen Wertschöpfung wirft auch Fragen auf: Wie entlohnt man Mitarbeiter für ihre Ideen, insbesondere dann, wenn das Ergebnis eine Teamleistung ist? Wie lockt man die Sphinx Kreativität am Arbeitsplatz zwischen 9 und 18 Uhr aus der Reserve? Und wie erkennen unsere an Wühltischen sozialisierten Augen, was Qualität ist? In den hier präsentierten Antworten sieht Lotter die Revolution, nämlich in einer veränderten Konsumhaltung, einer Neubewertung von Arbeit jenseits von Stundenlöhnen, und neue Organisationsformen, die Spielräume statt Planbarkeit schaffen.
In einer gelungenen Dramaturgie führt Lotter den Leser zwischen sechs essayistischen Beiträgen von „Kreativexperten“ durch die Welt der Ideen, als die „neuen Ausgangspunkte ökonomischer Verwertungen“. Seine Quintessenzen und Thesen sind didaktisch hervorgehoben und grau unterlegte –wohldosierter Lesestoff kreativ von Inhalt bis Form!
Etwas zu oft und zu unkritisch stützt sich die Argumentation dabei auf Richard Florida, einen Protagonisten des wissenschaftlichen wie politischen Hypes um die „Kreativen“ und ihre Wirtschaftsleistung. Gemeint sind dabei keineswegs nur Künstlerinnen und Designer, sondern vielmehr alle höher Gebildeten, Menschen, die Probleme lösen und gerne als „Humankapital“ bezeichnet werden. In attraktiven Städten, die der Florida darum zu den Keimzellen von Wirtschaftswachstum erklärt, treffen Kreative und Ressourcen, die „drei T’s“, zusammen: Technologie, Talent und Toleranz. Eine frohe Botschaft, die Politiker dazu veranlasst, ihre Städte immer bunter und attraktiver zu gestalten und seitdem fleißig zitiert, getestet und auch kritisiert wird. Aber nicht in diesem Band.
„Echte Kreative…jammern nicht. Nie!“
Eher selbstironische und versöhnliche Töne schlägt der Zukunftsforscher Matthias Horx an. Unter dem Titel „Wacht auf, Verkannte dieser Erde!“ führt er Floridas Creative Class in den Marxschen Klassenkampf. Im kollektiven „sich-überlegen-Fühlen“ der „vernetzten Individualisten“ entdeckt Horx ein Klassenbewusstsein, dem auch er sich zugehörig fühlt. Doch die Überlegenheit resultiert nicht etwa aus der Verfügungsgewalt über Kapital und Produktionsgüter. Im kreativen Wir sind vielmehr auch arme Künstler und prekär Beschäftigte aufgehoben. Gemeinsam ist ihnen die Fähigkeit, ihre materielle Umwelt als unerschöpfliche Ressource für produktive Ideen nutzen zu können. „Echte Kreative“, so wird weiter eine Verbundenheit in der Vielfalt beschworen, „jammern nicht. Nie!“ Vielmehr tanzten sie aus der Reihe und lebten ihre Vision. „In ALLEN von uns wohnt ein Stern“, lautet Horx’ Schlusssatz, womit er seinen romantisch-ironischen Marxschen Klassenkampf im verallgemeinerten Nietzsche verglühen lässt.
Gemeinsam sind wir kreativ
Nach einer Lotterschen Überleitung erteilt Gesa Ziemer dem kreativen Genie eine Absage. Von der Kunst könnten Wissenschaft und Wirtschaft lernen, so erklärt die Professorin für Kunsttheorie und Ästhetik, und nennt erfolgreiche Experimente wie das Black Mountain College. Mit dem Philosophen Paul Feyerabend plädiert sie für eine „heitere Anarchie“ und lobt Opportunisten für ihre Fähigkeit, „virtuos mit den Ereignissen zu spielen.“ Kreativität entstehe nicht aus den besten Antworten, sondern aus den richtigen Fragen.
Wenig präzise setzt dann Peter Felixberger Kreativität mit Vielfalt gleich. Der Publizist und Projektemacher fordert neue Managementkonzepte. „Allein bist du wenig…!“, so seine Botschaft, die sich zuletzt in Enthusiasmus versteigt: „Man, that’s diversity!“
Zwei weitere Essaybeiträge schöpfen aus der Praxis: Der Beitrag Ralf Langwosts stellt einen Leitfaden zur „kreativen Spitzenleistung“ vor. Schließlich, so weiß der Kreativitätstrainer, entfallen 99 Prozent der Arbeit und 100 Prozent der Kosten auf den kreativen Prozess, der einen zündenden Ideenblitz ermöglicht. Triad-Chef Lutz Engelke berichtet über die organisatorischen und interkulturellen Schwierigkeiten der kreativen Sinnproduktion. „Die Ökonomisierung der Idee fängt bei der Ausbildung zum Wahrnehmer an… Wer Augen hat, muss noch lang nicht sehen können.“
Zahnlos bissige Forderungen
Die Zukunft im Blick kämpft schließlich Dieter Gorny für eine individualisiertere, globalisiertere und digitalisiertere „Kulturgesellschaft“. Die Kunst müsse von ihrem hohen Ross steigen, um sich mit Kulturindustrie und Kreativwirtschaft zu verbünden. Urheberrechte sollten besser geschützt, Wissen und Kreativität wirtschaftlich honoriert werden. Dies vom Leiter des Bundesverbands Musikindustrie zu lesen, ist zwar weder politisch überraschend noch inhaltlich neu, doch immerhin pointiert verpackt.
Auch Lotter stellt in seinem Schlusswort, einer Ode an die selbständige Arbeit, gesellschaftspolitische Forderungen – allerdings ohne konkret zu werden. Leider vergibt er bis zuletzt die Chance, die neuen Herausforderungen der Ideenwirtschaft eines kritischen Blicks zu würdigen. Wenn die Zukunft in den immer neuen, gewinnbringenden Ideen liegt, wer soll dann weiter unsere unermesslich vielen Grundbedürfnisse decken – Arbeiter zweiter Klasse? Oder verlagern wir die ideenlose Arbeit gänzlich in vor-industriellen, informelle Wirtschaftszusammenhänge, wo Menschen wohlgemerkt traditionell, aber im prekären Sinne, als Selbständige arbeiten?
Wie diese Revolution nun aussehen soll, die nur einen Teil der Gesellschaft, nämlich die „Creative Class“ berührt, bleibt offen. Lotter sieht durchaus, dass Menschen gemäß der Bedüfnispyramide Abraham Maslows erst dann nach Selbstverwirklichung streben, wenn Nahrung, Sex, Schutz, Gesellschaft und Anerkennung gewährleistet sind, dass der reproduzierende Sektor deshalb „auch weiterhin die Grundversorgung gestalten wird.“ Der gewünschte revolutionäre Wandel beträfe also maßgeblich unser Konsumverhalten. Hier findet aber Konfektionsware von der Stange noch immer Absatz. Trotz der weit verbreiteten, von Lotter nochmals betonten Einsicht, dass Maßanzüge einfach besser sitzen. Die Vermutung liegt also nahe, dass die postindustrielle Gesellschaft, wie sie der US-Soziologe Daniel Bell und andere seit Siebzigerjahren beschreiben, dieser Tage weniger eine kreative Revolution, als vielmehr eine ideenreiche Neuauflage erfährt.
Lotter, Wolf:
Die kreative Revolution. Was kommt nach dem Industriekapitalismus?,
(2009), Murmann Verlag GmbH, Hamburg,
ISBN 978-3-86774-062-3, 177 Seiten, 18 Euro.
Weiterführender Link:
Leseprobe (PDF)
Die Bildrechte liegen beim Murmann Verlag (Cover und Autorenfoto) oder sind gemeinfrei (Sphinx-Kopf Ausschnitt aus einer Lithografie von David Roberts)
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