Kissenschlacht am Kölner Dom

24. Jul 2009 | von freier Autor | Kategorie: Gesellschaft
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Kissenschlacht am Kölner Dom

Derzeit grassiert ein neues Gesellschaftsspiel in Deutschland: Flash Mobbing. Wenn sich plötzlich große Menschenmassen versammeln und für einige Minuten einer anscheinend ziemlich sinnlosen Tätigkeit nachgehen, dann handelt es sich um einen Flash Mob. Woher kommt dieses Phänomen und kann man auch selbst daran teilnehmen? Von Simone Snyders

Es ist ein schöner Sommertag in Köln. Auf dem Platz vor dem Dom ist wie immer viel los. Nur wer näher hinsieht, erkennt, dass auffällig viele Jugendliche am Rande der Domplatte herumlungern. Neben den üblichen Straßenkünstlern, Touristen und Samstagnachmittageinkäufern stehen sie seitlich des Doms, sitzen auf den Treppenstufen zum Vorplatz oder haben die Sitzbänke rund um den Springbrunnen in Beschlag genommen.
Bei noch genauerer Betrachtung des Szenariums fällt auf, dass viele der jungen Leute außergewöhnlich große Taschen und Beutel dabei haben. Gegen 16 Uhr scheint sich die Menge auf der Domplatte immer mehr zu verdichten. Es ertönt ein schriller Pfiff – und plötzlich bricht Tumult aus. Auf einmal hat nahezu jeder der Jugendlichen ein Kissen in der Hand und schlägt es dem Nächstbesten auf den Kopf!

Wenn vor dem Dom die Federn fliegen

Der Domvorplatz hat sich in eine einzige riesige Kissenschlacht verwandelt. Vor lauter Kissen, Menschen und Federn ist der Dom kaum noch zu sehen. Nichts ahnende Passanten, die ungewollt in die Menge geraten sind, ergreifen mit erhobenen Händen die Flucht. Touristen mit Koffern und Gepäck bleiben in respektvollen Sicherheitsabstand stehen und beobachten das wilde Treiben. So etwas haben sie auch nicht erwartet.
Phänomene wie dieses nennen sich „Flash Mob“, das spontane Zusammenkommen einer Gruppe Gleichgesinnter zu spaßigen und meist auch ungewöhnlichen Aktionen. Dazu gehört die Kissenschlacht auf dem Domvorplatz in Köln ebenso wie ein menschliches Standbild in einem großen Einkaufscenter in Düsseldorf oder die Bestellung von 10.355 Cheeseburgern in einer Filiale einer bekannten Fast-Food-Kette in Berlin.

Die Party seines Lebens

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Spontan und unberechenbar: der Flash Mob

Organisiert werden diese Menschenversammlungen über das Internet. Dank zahlreicher Kommunikationsplattformen und der Möglichkeit, per E-Mail, SMS und Chat zu kommunizieren, sind schnell und unkompliziert viele Menschen erreicht und informiert. Wer dann tatsächlich kommt, ist immer eine Überraschung: Teilnehmerlisten gibt es nicht. Schließlich soll das Ganze ja so spontan wie möglich ablaufen und so können auch zufällig vorbeikommende Passanten jederzeit gerne mitmachen.

Ein Nachteil hat das schnelle Zusammentrommeln aber auch: Es ist nicht abzusehen, wie viele Menschen tatsächlich kommen. Diese Erfahrung musste auch Christoph Stüber machen. Per Internet lud er zu einer spontanen Strandparty auf der Insel Sylt ein. Was er nicht wissen konnte: Seinem Aufruf sollten 5000 junge Feierlustige folgen. Die Party wurde ein voller Erfolg.

Nachteil der Aktion: Der Tourismusverband der Insel hat den 26-Jährigen auf rund 20.000 Euro verklagt. Die Kosten, die durch die Riesenfete entstanden sind. Denn 5000 Menschen produzieren neben einer der größten Partys Deutschlands eben auch eine Menge Müll. Und für dessen Beseitigung soll Christoph jetzt zahlen. Die Gemeinde der Insel sieht ihn ebenfalls als Veranstalter – und verlangt nochmals 20.000 Euro für die entstandenen Schäden. Der Preis für seinen fragwürdigen Ruhm ist denkbar hoch. Christoph Stüber weigert sich, die Kosten zu tragen. Der Fall geht jetzt vor Gericht – ein Urteil ist noch nicht gefällt.

In den USA wurde eine Teilnehmerin eines Flash Mobs sogar verhaftet. Brooke Oberwetter hatte sich nicht davon abhalten lassen wollen, zusammen mit anderen vor der Statue Thomas Jeffersons, seines Zeichens Mitbegründer der amerikanischen Verfassung, zu tanzen. Wegen Ruhestörung und Widerstand gegen die Staatsgewalt führten die Polizisten sie ab. Das Außenstehende die Szenerie eher für einen okkulten Geistertanz halten mussten, da die Beteiligten nur über Ohrstöpsel aus der eigenen Taschenstereoanlage Musik hörten, beeindruckte die Ordnungshüter anscheinend nicht, auch wenn dies das Argument der Ruhestörung etwas seltsam anmuten lässt. Trotz dieser erschreckenden Beispiele lässt sich die Fangemeinde der spontanen Zusammenkünfte nicht abschrecken und trifft sich weiterhin fleißig zu auffällig merkwürdigen Beschäftigungen.

Das Gesellschaftsspiel aus Übersee

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Das Potential sozialer Massen wird bei der Kissenschlacht deutlich

Wer jetzt denkt, das Phänomen Flash Mob sei neu, der irrt. Bereits vor Jahren gab es Großereignisse dieser Art. Und wer hat’s erfunden? Richtig, die Amerikaner. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kam man als erstes auf die Idee diese Form der Freizeitbeschäftigung. Genauer gesagt war es der Sozialwissenschaftler Howard Rheingold, der bereits in seinem 2002 erschienenen Buch „Small Mobs: The Next Social Revolution“ auf das Potenzial sozialer Massen aufmerksam machte. Der Journalist Bill Wasik nahm die Idee auf und rief im Juni 2003 zum weltweit ersten Flash Mob auf. Er hatte Erfolg und tatsächlich versammelten sich daraufhin hunderte Jugendliche in einem Kaufhaus um einen Teppich, den sie angeblich gemeinsam überlegen zu kaufen.

Weitere Ereignisse dieser Art sind aus dem Jahr 2003 dokumentiert. In New York trafen sich damals unter anderem hunderte junger Menschen im Luxushotel Hyatt, versammelten sich in der ersten Etage um das Geländer, welches den Blick auf die riesige Lobby freigibt, und fielen zugleich in einen fünfzehn Sekunden andauernden tosenden Applaus. Sehr zur Verwunderung der unten stehenden Gäste und des Hotelpersonals. Da die Meute ohne Schaden anzurichten friedlich wieder abzog, wurden keine weiteren Untersuchungen veranlasst. Gegen Ende des Jahres 2003 ebbte die Welle der Flash Mobs dann wieder ab. Flashmobbing ist also nichts Neues. Warum der Trend gerade jetzt wieder in Europa auflebt ist nicht geklärt.

Kritische Fahrradfahrer

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Wer räumt auf wenn alles vorbei ist?

Politisch motiviert sind diese Massenaufläufe in der Regel nicht. Aber Ausnahmen bestätigen auch hier wieder die Regel und so gibt es mit der Critical Mass auch Gruppentreffen, die durchaus mehr wollen als ein flüchtiger Spaß zu sein. Dabei treffen sich nicht-motorisierte Verkehrsteilnehmer vornehmlich in Innenstädten und legen allein durch ihre Masse den motorisierten Verkehr lahm. So geschehen bereits 1992 in San Francisco, bei der sich Radfahrer zur ersten kritischen Masse zusammen fanden. Damit wollten sie auf ihre Rechte und Bedürfnisse aufmerksam machen. Inzwischen werden diese Aktionen auch genutzt, um andere politische Aussagen zu treffen. Im August 2004 protestierten mehrere tausend Radfahrer auf den Straßen von Washington gegen US-Präsident George W. Bush und seine Partei. Inzwischen gibt es auch in vielen Deutschen Städten regelmäßige Fahrraddemonstrationen.

Sinn und Zweck des Flash Mobs sind also variabel. Mal ist es eine bloße Spaßaktion, sie können aber auch durchaus einen tieferen Hintergrund haben. Potential haben sie in der heutigen vernetzten Gesellschaft auf jeden Fall. Reizvoll sind die aufgrund ihrer Geschwindigkeit, Absurdität und Einzigartigkeit. Ob ferngesteuerte Masse oder geplante Spontaneität – so widersprüchlich wie die Urteile über die Aktionen ist auch der Flash Mob selbst. Bleibt abzuwarten, ob sich der Trend ein zweites Mal legt oder diesmal hartnäckiger bestehen bleibt.

Zum Mitmachen:
http://www.flash-mobbers.net/
http://flashmob.twoday.net/

Zum Weiterlesen:
http://www.motherjones.com/politics/2007/06/interview-bill-wasik-senior-editor-harpers-and-creator-flash-mobs


Die Bildrechte liegen bei der Autorin.


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