Im Galopp durch zwei Nachbarländer

03. Mai 2009 | von Fabian Busch | Kategorie: Politisches Buch

coverblWissen die Deutschen genug über die Länder um sie herum? Ginge es nach dem Verlag C.H. Beck, könnte es mehr sein. Eine neue Buchreihe soll das Verständnis für die Nachbarn vertiefen. Der Band über Belgien und Luxemburg ist durchaus lesenswert, lässt aber einige Fragen offen. Von Fabian Busch

Belgien, das ist das Land mit den verfeindeten Volksgruppen, mit dem Atomium und Brüssel, Hauptstadt der Eurokraten. Und Luxemburg? Eine Steueroase und Insel der Glückseligen, viel zu klein und spießig, um sich näher damit zu beschäftigen. So oder so ähnlich dürfte das Bild aussehen, das sich viele Deutsche über zwei ihrer Nachbarländer machen – ein Bild, das einige Körnchen Wahrheit enthalten mag und den beiden Staaten doch bei weitem nicht gerecht wird. Da scheint es durchaus sinnvoll, dass sich der Beck-Verlag den deutschen Nachbarn angenommen und sich gleich zwei prominente Zeitgenossen als Herausgeber ins Boot geholt hat: Richard von Weizsäcker und Helmut Schmidt.

Es gehe in der neuen Buchreihe „Die Deutschen und ihre Nachbarn“ um eine anschauliche Schilderung der Lebensverhältnisse, nicht darum lexikalisches Grundwissen zur politischen Bildung zu vermitteln, schreiben der Ex-Bundespräsident und der Altkanzler in ihrem Vorwort. Leider passiert im Band von Michael Erbe, eremitierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität Mannheim, ziemlich genau das Gegenteil. 176 Seiten ist das Buch dick, oder besser gesagt dünn. Um Geschichte, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur zweier Länder abzuhandeln und den Anspruch der Herausgeber zu erfüllen, ist das äußerst knapp bemessener Platz. In der Tat kommt sich der Leser an einigen Stellen vor, als reite er im Galopp durch mehrere Jahrhunderte und bekomme vom Land dabei nicht viel zu sehen. So sinnvoll es ist, ein Sachbuch nicht zu genau und ausufernd werden zu lassen – Autor und Verlag sollten sich fragen, ob es hier und da nicht besser gewesen wäre in die Tiefe zu gehen. Zumal alle anderen bisher erschienenen Bände der Reihe länger sind und nur ein Land abhandeln.

So fehlt etwa in den Kapiteln zu Belgien die Auseinandersetzung mit dem Fall des Kinderschänders Marc Dutroux. Dabei ist das Drama um den Mann, der mehrere Frauen und Mädchen missbrauchte und ermordete und dabei von Beamten und Politikern gedeckt wurde, von zentraler Bedeutung für das Land. Nicht aus Sensationsgier, sondern weil es die belgische Gesellschaft in einen Schock versetzte, der noch bis heute zu spüren ist und ihren Ruf nachhaltig schädigte. Auch auf die Frage, warum sich ausgerechnet in Belgien mit dem Vlaams Belang eine der erfolgreichsten rechtsradikalen Parteien Europas etablieren konnte, findet der Leser keine überzeugende Antwort.

Chaotisches Belgien, stabiles Luxemburg

atomium2sw
Für viele Deutsche das Symbol Belgiens: das Atomium in Brüssel

Sehr anschaulich und nachvollziehbar schildert der Historiker Erbe dagegen den Sprachenstreit zwischen Flamen und Frankophonen in Belgien und seine zahlreichen kleinen „Kampffelder“ in der jüngeren Geschichte. Fraglich ist lediglich seine sehr dramatische Sichtweise der Zukunftsaussichten für den mehrsprachigen Staat. Die Einschätzung, die flämische Seite würde „am liebsten aus dem belgischen Staat ausscheiden“, ist zwar angesichts der Rhetorik vieler flämischer Politiker nachvollziehbar, aber trotzdem zu weitgehend. Hier hätte sich Erbe besser auf Umfragedaten stützen sollen, deren Sprache eindeutig ist: Die Idee eines geteilten Belgiens findet weder bei Frankophonen noch bei Flamen die Unterstützung der Mehrheit. Umfragen tauchen in seinem Text zwar auf, doch der Autor bedient sich Zahlen aus dem Jahr 1999, dabei sind aktuellere Daten aus dem vergangenen Jahr verfügbar.

por_1erbemichael_sw_c08frei
Historiker und Kenner der Benelux-Länder: Michael Erbe

Gut gelingt dagegen das Kapitel „Belgische und luxemburgische Gestalten in Vergangenheit und Gegenwart“, das sich einflussreichen Menschen widmet, die oft genug vielen unbekannt sind oder fälschlicherweise als Franzosen, Niederländer oder Deutsche eingestuft werden: vom Radrennfahrer Eddie Merckx über den Maler René Magritte bis hin zu Georges Simenon, dem Erfinder der Maigret-Krimis. Mit Paul-Henri Spaak kommt aus Belgien ein maßgeblicher Architekt des Europäischen Integrationsprozesses, sein Mitstreiter Robert Schumann war gebürtiger Luxemburger.

Ebenfalls aufschlussreich ist der Vergleich zwischen den beiden Ländern. Obwohl Belgien und Luxemburg schon seit Jahrzehnten in enger Verbindung stehen und schon über eine gemeinsame Währung verfügten, als an den Euro noch nicht einmal zu denken war, könnten diese Länder verschiedener nicht sein. Hier das krisengeschüttelte Belgien, innerlich zerrissen, mit einer langen Liste von korrupten Politikern und gescheiterten Regierungen; dort der kleine Nachbar Luxemburg: ein Hort der politischen Stabilität und ein Vorbild für die Integration verschiedener Volksgruppen in ein staatliches Gemeinwesen. Immerhin in einem Punkt schneiden Wallonen und Flamen dann doch besser ab als ihre Nachbarn: Während das schulpolitisch geteilte Belgien beim PISA-Test einen der Spitzenplätze erreichte, landete Luxemburg unter den Schlusslichtern. Ausgerechnet eines der reichsten Länder der Erde muss im Schulbereich aufholen und verfügt erst seit einigen Jahren über eine eigene Universität.

An der Oberfläche gekratzt

Es kann nicht schaden, ein Buch über zwei Länder zu lesen, denen die Welt unter anderem Lucky Luke, das Saxophon, Pommes Frites, den Jugendstil und einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Europäischen Integration zu verdanken hat. Schade nur, dass der Band zu häufig allein an der Oberfläche kratzt. Wer, wie im Vorwort der Herausgeber angekündigt, mehr über die Menschen im Nachbarland erfahren will, sollte eher zum Buch „Belgien für Deutsche“ von Marion Schmitz-Reiners greifen. Oder noch besser: Einfach hinfahren.

Michael Erbe,
Die Deutschen und ihre Nachbarn: Belgien/Luxemburg (herausgegeben von Richard von Weizsäcker und Helmut Schmidt),
(2009), München, C. H. Beck,
176 Seiten, ISBN 978-3-406-57851-9, 18 Euro.

Ebenfalls in der Reihe erschienen sind Bände über Dänemark, die Niederlande, Frankreich, die Schweiz, Polen, Russland und Spanien. Im Herbst 2009 erscheinen Großbritannien, Italien, Österreich und Tschechien.


Die Bildrechte liegen beim Autor (Atomium) bzw. beim Verlag C.H. Beck (Buchcover und Autorenfoto). Der Verlag im Internet.


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Sommer in Babel

Über die Deutschen

Hallo Nachbar

Schlagworte: , ,
Optionen: »Im Galopp durch zwei Nachbarländer« bewertenArtikel drucken | Artikel per E-Mail versenden

Artikel in sozialen Netzwerken teilen:

Kommentar hinterlassen

Twitter Nutzer - Mit deinem Twitteraccount bei /e-politik.de/ anmelden: